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Ein Bundeswehrsoldat in Dschibouti.
Ein Bundeswehrsoldat in Dschibouti.(Foto: dpa)
Sonntag, 04. Mai 2014

Leben nach dem Auslandseinsatz: Die schwierige "Operation Heimkehr"

Von Solveig Bach

Deutschland hat wieder Veteranen und Verwundete, gefallene und getötete Soldaten. Und selbst wer körperlich unversehrt aus dem Kampfeinsatz in anderen Teilen der Welt zurückkehrt, ist selten noch der, der er vorher war.

Seit 1992 beteiligt sich die Bundeswehr an verschiedenen Auslandseinsätzen. Mehrere Tausend Soldatinnen und Soldaten sind oft monatelang in Afghanistan, auf dem Balkan, dem Mittelmeer, in Somalia, der Türkei oder Mali im Dienst. Sie erleben Krieg aus nächster Nähe und machen Erfahrungen, die die Daheimgebliebenen nur schwer nachvollziehen können.

In "Operation Heimkehr" berichten 74 Frauen und Männer, wie sich ihr Leben nach dem Auslandseinsatz anfühlt. Andreas Lison, der als Oberstarzt in Kambodscha und Afghanistan war, beschreibt es so: "Die Heimkehr ist das Schwierigste. Im Einsatz ist alles durchstrukturiert, alles geregelt. Heimkommen hingegen ist überhaupt nicht organisiert."

Aus vielen der jeweils einseitigen Statements spricht Bitterkeit. So sagt Hauptfeldwebel Thorsten Gärtner: "Es mussten mehr als 40 Soldaten sterben, bevor der Verteidigungsminister das Wort Krieg in den Mund genommen hat." Hauptfeldwebel Markus Herweg, der im Kosovo, in Mazedonien, in Afghanistan und in Afrika Auslandseinsätze absolvierte, betont: "Ich will nicht als Held gefeiert werden. Ich würde mich aber freuen, wenn die Leute sagen würden: Ich finde es gut, dass du unser Land vertrittst."

Die Erkennungsmarke des Gefallenen

Das Buch ist im Ch. Links-Verlag erschienen und kostet 24,90 Euro.
Das Buch ist im Ch. Links-Verlag erschienen und kostet 24,90 Euro.

Die unmittelbare Begegnung mit dem Tod hat die Bundeswehrangehörigen verändert. "Ich habe erlebt, dass das Leben von heute auf morgen zu Ende sein kann", sagt beispielsweise Stabsfeldwebel Severin Jaacks. Der 43-Jährige hat Karfreitag 2010 den Tod von drei Kameraden miterlebt. "Mein Kompanieführer kam mir von den Schockräumen des Feldlazaretts entgegen und gab mir die halbe Erkennungsmarke des Gefallenen. Dieses Bild hat sich bei mir eingebrannt."

Jaacks, geboren in Schleswig-Holstein, war viermal im Auslandseinsatz, einmal in Bosnien und dreimal in Afghanistan. Schon beim Bosnien-Einsatz 2001 "mussten wir als Soldaten ein Elend ertragen, was wir so vorher gar nicht kannten". Doch die deutsche Öffentlichkeit begegnet diesen Erfahrungen meist gleichgültig. Krieg passt nicht so richtig in das Alltagsgefühl der Deutschen, ebenso wenig wie die Vorstellung von toten oder schwerverletzten Bundeswehrsoldaten oder Kriegs-Veteranen, die eine Rückkehr in die Zivilgesellschaft nur schwer schaffen.

Oberst Gideon Römer-Hillebrecht sagt: "Krieg ist immer schmutzig, aber das will niemand hören." Und der Wehrbeauftragte der Bundesregierung, Hellmut Königshaus, meint, dass Politik und Bundeswehr ihrer Fürsorgepflicht viel besser nachkommen müssen. "Selbst Soldaten, die nicht in Gefechte verwickelt wurden und körperlich unversehrt heimkommen, haben oft Situationen erlebt, die sie noch lange nach dem Einsatz belasten." Wer Massengräber geöffnet hat oder schwer verletzte Kameraden versorgt hat, leidet daran, manchmal erst, wenn der Einsatz längst zu Ende ist. Umso problematischer ist es, wenn Soldaten in Uniform angegriffen werden. Und dass das Tragen einer gelben Schleife eine symbolische Geste gegenüber den Soldaten im Einsatz ist, wissen auch nur wenige.

Volles Risiko, wenig Absicherung

Als Tony Ewert am 7. Juni 2003 bei einem Anschlag in Kabul lebensgefährlich verletzt wurde, ein Bein und ein Auge verlor, hatte er nach damaliger Rechtslage nicht einmal ein Recht auf Weiterbeschäftigung bei der Bundeswehr. Als dauerhaft dienstunfähiger Zeitsoldat hätte er entlassen werden müssen. Erst die Intervention des damaligen Verteidigungsministers Peter Struck ermöglichte es ihm, in den gehobenen Verwaltungsdienst einzusteigen. Doch von einem Veteranenministerium, wie es beispielsweise die USA haben und wie es auch der Wehrbeauftragte Königshaus sinnvoll finden würde, ist Deutschland noch weit entfernt. Andreas Timmermann-Levanas, Oberstleutnant a.D., fühlte sich nach seiner Rückkehr aus Afghanistan als Kriegsheimkehrer völlig unverstanden. Er erlitt nach einem Gefecht eine posttraumatische Belastungsstörung und musste lange darum kämpfen, dass seine Wehrdienstbeschädigung anerkannt wurde. "In Deutschland ist zwar jeder Hund registriert, die Zahl der Einsatzveteranen und die Auswirkungen ihrer Erfahrungen auf die Gesellschaft sind aber völlig egal."

Dr. Peter Zimmermann war selbst mehrfach im Auslandseinsatz und betreut in der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Berliner Bundeswehrkrankenhaus Soldaten, die nach einer Mission psychisch erkrankt sind. Er hat die Erfahrung gemacht, dass sich bei vielen durch die Erfahrungen die Werte verschieben. "Materielle Werte sind ihnen nicht mehr so wichtig, dafür haben gegenseitige Unterstützung und zwischenmenschliche Beziehungen an Bedeutung gewonnen." Generalleutnant a.D. Roland Kather fasst seine Erkenntnis so zusammen: "Aus dem Einsatz kommst du reifer, bescheidener und besonnener zurück."

Für "Operation Heimkehr" sind die Autorin Ulrike Scheffer und die Fotografin Sabine Würich zwei Jahre durch Deutschland gereist. Insgesamt 74 Soldaten, ehemalige Bundeswehrangehörige und Reservisten haben sie interviewt. Unmittelbar nach dem Gespräch hat Würich hat die Soldaten fotografiert. 66 Männer und 8 Frauen mit zum Teil sehr persönlichen Angaben und ihren Einsatzorten. Offen schauen sie in die Kamera, manchmal trotzig. Besonders anrührend sind allerdings andere Bilder in den Innenklappen des Buches: Dinge und Objekte, die den Soldaten im Einsatz oder danach wichtig waren. Fotos, Tagebücher, Granatsplitter, ein Paar Stiefel, Talismane, ein USB-Stick. Diese Dinge erzählen noch einmal eine ganz andere Geschichte der Einsätze.

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Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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