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Meckerst du noch oder protestierst du schon? Alonso Quijano aka Don Quijote ruft nur Demonstration.
Meckerst du noch oder protestierst du schon? Alonso Quijano aka Don Quijote ruft nur Demonstration.
Montag, 16. Juli 2012

Gegen Windräder und Comics, die blöd machen: Don Quijote zieht wieder in den Kampf

Hier kommt der Autor hin

"Wer ist Don Quijote heute?", hat sich Zeichner Flix gefragt und den Romanhelden gekonnt in die Gegenwart geholt. Statt gegen Windmühlen kämpft Alonso Quijano, wie der Don mit bürgerlichem Namen heißt, in dieser sehr gelungenen Comicadaption gegen Windräder. Und seine wackere Rosinante ist ein Drahtesel. Das ist auf den ersten Blick eine sehr witzig erzählte Geschichte. Doch Flix macht hier nicht halt. Stattdessen behandelt er in seinem Buch auch ernste Themen wie Demenz und das Leben im Altersheim. Wie er darauf kam, erklärt er im Interview mit n-tv.de. Außerdem spricht er über seinen Großvater, den Wunsch, einen Batman-Comic zu zeichnen und die Gründe, warum viele Menschen Veränderungen ablehnen.

n-tv.de: Ihr neues Buch "Don Quijote" beginnt mit einem fiktiven Leserbrief, der den Abdruck von Comics in Zeitungen kritisiert. Comics werden dabei als "intellektueller Schmutzfleck" und "Unsinn" gebrandmarkt, die den Analphabetismus fördern und Jugendliche "zu Gewalt und Rache erziehen". Das ist ein altes Vorurteil, aber teilweise immer noch aktuell, oder?

Der Comic fängt mit einem Leserbrief an - der gegen Comics wettert.
Der Comic fängt mit einem Leserbrief an - der gegen Comics wettert.(Foto: Flix / Carlsen Verlag Hamburg 2012)

Flix: Ja, ich werde auch immer wieder mit dem Vorurteil konfrontiert, Comics seien Kinderkram und keine richtige Literatur. Da schwingt immer noch der Gedanke mit, dass sie zur Verdummung führen würden. Diese Erziehung war also sehr erfolgreich.

Das Buch erschien zunächst als Comicserie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Wie haben die Leser auf diesen Start von "Don Quijote" reagiert?

Es gab eine ganze Welle von realen Leserbriefen, die diesem Schreiberling Alonso Quijano zustimmten. "Endlich sagt's mal einer und endlich druckt es die FAZ mal ab", hieß es da etwa. Das zeigte, dass die bekannten Vorurteile noch immer virulent sind. Lustiger weise gab es aber auch Leser, die schrieben: "Der Brief ist völliger Quatsch und zwar aus dem und dem und dem Grund. Das ist eine veraltete Meinung und das kann man so nicht abdrucken."

Beide Seiten haben die Ironie des Leserbriefes nicht verstanden?

Flix in seinem Atelier.
Flix in seinem Atelier.(Foto: Flix / Carlsen Verlag)

Genau. Und gerade von den Leuten, die Alonso Quijano zustimmten, waren einige ganz enttäuscht, dass es dann ausgerechnet eine Comic-Serie war, die so losging. Wir hatten insgesamt mehr als 100 Zuschriften. Das war großartig.

Ihre Adaptionen von "Faust" und "Don Quijote" erscheinen im Design der berühmten gelben Reclam-Hefte. Steckt die Idee dahinter, dass Comics wie andere Literaturklassiker in die Schule gehören?

Naja, eigentlich nicht. Vor allem will ich mit der Gestaltung Leute erreichen, die kein typisches Comic-Publikum sind. Die kennen natürlich die Reclam-Aufmachung von Literaturklassikern und haben so vielleicht eher Interesse, auch mal einen Comic zu lesen.

"Don Qujote" ist nochmal länger als "Faust" geworden. Und es gibt noch etliche andere Werke in der Weltliteratur ...

Bilderserie

Beide Bücher haben mir als Zeichner großen Spaß gemacht. Und es gibt natürlich noch das eine oder andere Buch, das sich lohnen könnte. Aber es geht mir nicht darum, einen Klassiker nach dem anderen zu einem Comic zu verwursten. Ich möchte mich eigentlich nur mit literarischen Vorlagen beschäftigen, bei denen ich das Gefühl habe, dass es noch etwas hinzuzufügen gibt, das ich in dieser Form noch nicht gelesen oder gehört habe. Das Werk muss mir die Chance bieten, einen eigenen Zugang zu finden. Es gibt eine Menge Bücher, die das nicht tun, zum Beispiel weil sie von vornherein schon toll und voller Bilder sind.

"Don Quijote" haben Sie Ihrem Großvater gewidmet. Hat die Entstehung der Adaption also auch einen ganz persönlichen Hintergrund?

Mein Großvater hat mir früher alle möglichen Bücher vorgelesen, darunter war auch "Don Quijote". Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir über diesen Ritter von der traurigen Gestalt gesprochen haben: Ich saß bei ihm auf dem Schoß und es war diese typische Großvater-Enkel-Situation. Für mich als Kind war diese Fantasiewelt, in der Don Quijote lebt, völlig verständlich und hat mich total angesprochen. Das war auch bei der Adaption mein Zugang zu diesem Mann und seiner Welt.

Alonso Quijano, so wie Sie ihn schildern, erinnert an meckernde Rentner und Wutbürger. Wie haben Sie sich an die Figur herangetastet?

Als ich über den Stoff nachgedacht habe, stellte ich mir mehrere Fragen: Wer ist Don Quijote heute? Mit welchen Waffen würde er heute kämpfen? Ich kam darauf, dass er wohl ein Leserbriefschreiber wäre, der immer alles besser weiß und die alten Tugenden hochhält. Mit heutigen Mitteln wie Leserpost oder einer Demonstration kämpft er gegen Veränderungen in der Gesellschaft und in seinem Leben.

Wo hört überbordende Phantasie auf ...
Wo hört überbordende Phantasie auf ...(Foto: Flix / Carlsen Verlag Hamburg 2012)
... und fängt Demenz an?
... und fängt Demenz an?(Foto: Flix / Carlsen Verlag Hamburg 2012)

In dem Roman "Der Gattopardo" von Giuseppe Tomasi di Lampedusa gibt es den Satz: "Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert." Don Quijote beherzigt diesen Satz nicht, er weigert sich, auch nur einen Schritt mit der Zeit zu gehen. Woher kommt das?

Don Quijano hat einen inneren Auftrag aus einer anderen Zeit, der ganz tief in ihm wurzelt. Und danach handelt er. Er erkennt nicht, dass sich das Umfeld stark verändert hat. Schuld ist seine traumatische Erfahrung als Kind im Krieg. Sie lässt ihn zu dem werden, der er ist. Das, was er da als Kind erlebt und aufgetragen bekommen hat, leitet ihn. Es ist stärker als alles, was er als Erwachsener in der Realität sieht.

Ist diese Weltvergessenheit das verbindende Element zwischen Faust und Don Qujote?

Und wie geht die Familie damit um? Der Enkel von Alonso Quijano hat jedenfalls einiges klarzustellen.
Und wie geht die Familie damit um? Der Enkel von Alonso Quijano hat jedenfalls einiges klarzustellen.(Foto: Flix / Carlsen Verlag Hamburg 2012)

Beide sind Archetypen, weil sie urmenschliche Verhalten zeigen. Deshalb sind beide Bücher auch solche Klassiker. Der eine - Don Qujote - zimmert sich ein eigenes Weltbild zurecht und nimmt die Wahrheit nicht so genau. Der andere - Faust - will immer tiefer vordringen und sucht schonungslose Wahrheit, um an den Kern des Seins heranzukommen. Das jeweilige Ziel ist eine so große Motivation, dass beide außergewöhnliche Dinge vollbringen. Doch gleichzeitig sind Faust und Don Quijote zum Scheitern verurteilt, weil sie jeweils Extreme vertreten, die nicht funktionieren können.

Passt diese Sinnsuche noch in die Gegenwart oder gibt es heute zu viele Grenzen und Zwänge?

Ich glaube, dass es zu jeder Zeit Grenzen gab. In der Frühzeit kam man nur so weit, wie einen die Füße getragen haben. Im Mittelalter gab es religiöse Dogmen, die das Denken beschränkt haben. Und heute ist man so gläsern, dass man nichts machen kann, ohne dass die Welt davon Notiz nimmt. Das sind alles Einschränkungen, aber man kann mit ihnen umgehen. Denn gerade diese Grenzen fordern Menschen heraus, sie zu überwinden und Dinge auszuprobieren. Auch wenn das immer die Möglichkeit des Scheiterns impliziert.

Aber viele Menschen lehnen Veränderungen ab, sie sehnen sich nach der "guten alten Zeit". Woran liegt das?

Dafür gibt es viele Gründe. Zum Beispiel, weil sie sich nicht ändern müssen oder weil Veränderungen mehr Angst machen als die Einschränkungen, die das Festhalten an alten Mustern mit sich bringt. Jeder kann eigentlich jederzeit alles machen, was seine körperlichen Kräfte zulassen. Wir tun es aber nicht. Und warum nicht? Wahrscheinlich, weil die Erfahrung uns sagt: "Lass das mal besser! Zieh mal besser nicht in eine andere Stadt, wer weiß, ob du da noch Freunde findest." Die Angst vor Veränderungen und vor dem Verlust einer Gruppe ist sehr stark. Und deshalb bleiben wir lieber in kleinen doofen Wohnungen, an Orten, an denen wir uns vielleicht nicht wohl fühlen, in Jobs, in denen wir uns nicht wohl fühlen und in Beziehungen, in denen wir uns nicht wohl fühlen.

Gerade der Verlust der Gruppe und der Beziehungen ist auch eines der Probleme von Don Quijote, die sie in dem Buch anschneiden.

Flix beweist: Er kann auch Batman.
Flix beweist: Er kann auch Batman.(Foto: Flix / Carlsen Verlag Hamburg 2012)

Alle Freunde von Don Quijote sterben. Aber er realisiert das nicht, weil das in seiner Welt nicht passieren darf. Vielmehr hält er an seinem Auftrag fest, sein Dorf so zu erhalten, wie es ist und vor Feinden zu beschützen, die gar nicht mehr der Realität entsprechen. Dabei merkt er nicht, dass Zeit vergangen ist und er selbst gealtert ist.

Der Comic weist eine beeindruckende Bandbreite auf - von Slapstick und Komik bis hin zu ernsten Themen wie das Leben im Altenheim und Demenz. Was war die Motivation, die Handlung so zu modernisieren?

In einer Gesellschaft, in der Aktivität, Flexibilität und Schnelligkeit gefragt sind, passt Demenz nicht hinein. Dabei gehört das auch zum Leben dazu. Das Problem heute ist, dass sich Menschen dadurch in ihrem "Modern-sein" gestört fühlen. Als ich die Vorlage von Cervantes jetzt noch einmal gelesen habe, empfand ich es als ein unglaublich trauriges Buch, weil sich dieser alte Mann permanent verrennt und sich immer mehr verliert. Man muss bedenken, dass Alonso Quijano im Roman, der um 1600 erschien, etwa 50 Jahre alt ist und damit schon als alt gilt. Das entspricht einem 70- oder 80-Jährigen in der heutigen Zeit. Und das ist ein Alter, in dem Demenz eben auftaucht. Wenn man dies mit der Handlung in dem Roman vergleicht, liest man diesen ganz anders. Themen wie Alter und Demenz stecken also in dem Roman schon drin.

Flix

Flix heißt Felix Görmann und wurde in Münster geboren. Er studierte in Saarbrücken und Barcelona Kommunikationsdesign. Für seine Diplomarbeit "held" erhielt er den Max-und-Moritz-Preis, die wichtigste deutschsprachige Auszeichnung für Comics. Einen zweiten erhielt er 2012 für seine Stripserie "Schöne Töchter". Weitere Veröffentlichungen sind "sag was", "mädchen" sowie mehrere Cartoonsammlungen und die Stripserie "Da war mal was" über die deutsche Teilung (alle bei Carlsen). Seine Adaption des "Faust" erschien 2010. Im Netz findet man ihn unter www.der-flix.de.

Dabei wird Cervantes Buch heute ja vor allem als lustiger Roman gesehen.

Mit seinen burlesken und absurden Szenen ist "Don Quijote" ja auch eine Komödie. Etwa, wenn sich die Personen gegenseitig in die Gesichter kotzen. Andererseits hat der Roman aber auch diesen traurigen Kern. Ich wollte beide Seiten zeigen. Erst ist die Figur in meiner Adaption nur sonderbar, doch irgendwann kippt die Erzählung und die Anzeichen der Demenz werden immer schlimmer. Das entspricht durchaus dem realen Verlauf der Krankheit.

Wie schwer fällt es als Autor, so eine traurige Geschichte zu erzählen?

Schwer. Zwar steckt selbst im Original ein Funken Hoffnung, aber eigentlich muss man die Geschichte konsequent zu Ende erzählen, alles andere würde nicht funktionieren. Nach bestimmten Szenen brauchte ich dann auch erst mal eine Pause, weil es mich so mitgenommen hat. Danach weiter zu machen, ist schon eine Herausforderung.

"Don Quijote" von Flix ist bei Carlsen erschienen, hat 136 Seiten im Hardcover, die Zeichnungen sind schwarz-weiß, der Band kostet 16,90 Euro (D).
"Don Quijote" von Flix ist bei Carlsen erschienen, hat 136 Seiten im Hardcover, die Zeichnungen sind schwarz-weiß, der Band kostet 16,90 Euro (D).

Die Geschichte erschien zunächst als tägliche Serie in der Zeitung. Reagiert man dabei zwischendurch auch auf Leser, die einzelne Strips kommentieren?

Ja. Vor allem am Anfang kamen auch kritische Kommentare von Lesern, die von mir lustigere Sachen gewohnt waren. Das hat mich wirklich beschäftigt, weil ich dachte, meine Geschichte funktioniert nicht oder der Aufbau ist falsch. Das ist natürlich schwierig, wenn man noch 100 Folgen vor sich hat. Meine Leser hatten offenbar Probleme, mit meiner Hauptfigur warm zu werden, denn er ist ja ein eher schwieriger Charakter. Im Laufe der Serie merkte ich dann aber, dass die Leser besser mit der Geschichte klarkamen. Kritik am Anfang muss man eben aushalten.

Der Enkel von Alonso Quijano ist großer Batman-Fan und die Figur taucht im Buch auch immer wieder auf. Ist das nur durch die Handlung bedingt oder auch eine Hommage an die Comic-Figur?

Ich wollte schon immer mal einen Batman-Comic machen. Also habe ich diesmal versucht, den klassischen Batman-Look nachzuahmen. Allerdings merkte ich, dass das ziemlich schwer zu zeichnen ist. Es hat schon Spaß gemacht, aber die kantigen Formen, die actiongeladene Handlung und das Posing liegen mir überhaupt nicht. Deshalb bin ich jetzt eigentlich damit durch.

Aber Comiczeichner bleibt der Traumberuf von Flix?

Ja, klar. Ich merk das immer wieder, auch wenn manchmal Hand und Rücken wehtun. Ich mag einfach diese Freiheit der Gestaltung von Geschichten. Man braucht dabei wie beim Film nicht mal ein großes Team. Ich kann das alles alleine schaffen. Das ist super.

In dem Buch gibt es den schönen Satz: "Ist noch Saft in der Limette?"

Ja, in der Limette ist noch Saft. Bei mir schon.

 

Mit Flix sprach Markus Lippold.

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Quelle: n-tv.de

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