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Verspiegelte Sonnenbrille, Mais, Heavy-Metal-Shirt: Das gehört alles zum Kosmos von Jericho.
Verspiegelte Sonnenbrille, Mais, Heavy-Metal-Shirt: Das gehört alles zum Kosmos von Jericho.(Foto: Monika Keiler)
Montag, 06. Februar 2012

Jan Brandt - "Gegen die Welt": "Es geht um Außerirdische"

von Samira Lazarovic

Geradezu hymnisch sind die Kritiken zu "Gegen die Welt": Autor Jan Brandt wird immer wieder mit Uwe Johnson verglichen und freut sich diebisch darüber. Warum? Weil er im Vorfeld "Jahrestage" bewusst nicht gelesen hat. Und jetzt ist auch noch Schlecker pleite.

Über 900 Seiten, in der Mitte ein zweigeteilter Text, die Schrift verblasst mit den Befindlichkeiten der Hauptperson - Jan Brandt wollte es offensichtlich weder seinem Verleger noch seinen Lesern leicht machen. Und doch ist ihm ein Buch gelungen, das nicht nur prompt für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde (den ihm Eugen Ruge mit seinem Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" wegschnappte), sondern das auch eine Begeisterung auslöste, wie nur wenige Bücher jüngeren Datums: "Kein Debüt, ein Ereignis", "Großes Kino!" oder "ein Bastard aus dem Uwe Johnson der Jahrestage, der Abgründigkeit von JD Salinger und dem Horror von Stephen King". Das sind nur einige der Lobhudeleien, die zu lesen waren.

Doch worum geht es eigentlich? "Um Außerirdische", sagt Brandt lakonisch. Wenn er gefragt worden sei, worüber er seit Jahren schreibe, habe er immer geantwortet: "Ich schreibe über Außerirdische." Dann hätte er seine Ruhe gehabt. Tatsächlich tauchen in seinem Roman Plutonier und Kornkreise auf. Außerdem Headbanger, Gerhard Schröder und eine Heavy-Metal-Band namens "Kill Mister".

"Manischer Realismus"

Die Kritiken überschlagen sich ...
Die Kritiken überschlagen sich ...

Vor allem aber geht es um eine Jugend in Ostfriesland in den düsteren 80er und 90er Jahren. Es geht um neugierige Nachbarn und falsche Freunde, zu viel Alkohol, zu viel soziale Kontrolle, zu viel Karl Dall und Hans-Jürgen Bäumler im Fernsehen. Und mittendrin Daniel Kuper, der sich schwer tut in Jericho, dem ostfriesischen Dorf, in das er hineingeboren wurde. Der Sohn des Drogisten am Ort liebt Weltraum-Hefte und Heavy Metal und ist eindeutig zu unangepasst an seine Umgebung. Da fehlen gerade noch die seltsamen Dinge, die in Jericho passieren: Schneefall im Sommer, Kornkreise auf Maisfeldern, der Selbstmord eines Klassenkameraden und Hakenkreuze an den Hauswänden. All das scheint eine Verbindung zu Daniel zu haben. Ist er wirklich ein Ufo-Junge? Oder hat sein Vater ihn nicht im Griff? Wie weit muss man die Menschen beugen, damit sie ins Schema passen?

In "Gegen die Welt" schafft Brandt mit der kleinen fiktiven Stadt Jericho ein Universum, das man auch nach 927 Seiten nur widerstrebend verlässt. Unzählige Personen streifen durch diese Welt und Brandt schenkt ihnen allen seine Aufmerksamkeit. Bis ins Detail wird der Alltag des Dorflebens aufgelistet, bis der Leser meint, sich selber blind in dem Dorf zurechtfinden zu können. "Manischer Realismus" nennt Jan Brandt das und definiert den Begriff auf seiner Website in 10 Geboten, darunter "Der Autor ist größenwahnsinnig (Ich bin Gott und Jericho ist mein Kosmos)" oder "Jedes Detail ist recherchiert. Fehler sind beabsichtigt."

Lesungen mit Verve

In diesen Kosmos will Brandt seine Leser mitnehmen. Die verspiegelte Sonnenbrille, die richtige Musik, das "Kill Mister"-T-Shirt - auch wenn er gerade eine Wohnzimmer-Lesung vor einigen Berliner Exil-Ostfriesen hält, er hat alles dabei. Nur für das Jericho-Schild, das ein Fernsehsender einmal für eine Reportage gebastelt hat, war diesmal kein Platz.

Brandt ist spürbar selbst gefesselt von der Welt, die er da geschaffen hat. Immer wieder nimmt er das Buch zu Hand, um noch eine Stelle vorzulesen, damit man Jericho und seine Bewohner auch wirklich gut kennenlernt. Er setzt die Pointen bewusst, freut sich über die Fragen und flicht auch schon mal die eine oder andere Anekdote über seine traumatischen Urlaubserlebnisse als kleiner ostfriesischer Junge im Schwarzwald ein.

Die radikalste Form von Literatur

... Jan Brandt bleibt gelassen.
... Jan Brandt bleibt gelassen.(Foto: Harry Weber)

Jan Brandt hat aber offensichtlich nicht nur genaue Vorstellungen, wie seine Lesungen sein sollen, sondern auch darüber, wie das Buch gesetzt werden sollte. Die Länge des Buches, die sei einfach so passiert, räumt der Autor ein. Erst habe er eine Novelle über Daniel Kuper geschrieben, die ungefähr auf der jetzigen Seite 500 einsetzte. Dann habe er aber gemerkt, dass er die Vorgeschichte auch erzählen muss.

Was die verblassende Schrift, die Werbeanzeigen für die Drogerie Kuper und vor allem den zweigeteilte Abschnitt, in dem einmal das Leben der Jerichoer Jugend weitergeht und einmal die Geschichte eines Lokführers erzählt wird, der schon einige Selbstmorde auf den Gleisen verkraften musste, angeht, habe er nicht mit sich verhandeln lassen. "Ich wollte den zweigeteilten Abschnitt eigentlich noch spiegelverkehrt drucken lassen und war relativ besessen von der Idee", erzählt Brandt: "Die radikalste Form von Literatur - unleserliche Texte!" Als er schließlich seinen Verleger anrief und ihm sagte, dass er es lassen könne, wie es sei, habe der sich mehr gefreut als über die Buchpreisnominierung.

Gewundert hat sich der 37-Jährige aber trotzdem, was für ein Echo diese Spielereien auslösten: Bei Amazon war das Buch nach der Erscheinung zunächst nicht erhältlich, mit dem Hinweis, dass es "geprüft" werden müsse, einige Leser trugen es in die Buchhandlungen zurück, weil sie Druckfehler vermuteten. Und dann sei er auf Lesungen immer wieder gefragt worden, wie man den zweigeteilten Abschnitt lesen soll. Und? "Na ja, ich habe es ja auch nicht parallel geschrieben."

Kleine Hinweise für die Kritik

Dass das Feuilleton auf den Namen Jericho für sein fiktives Dorf angesprungen ist und "Gegen die Welt" mit den "Jahrestagen" von Uwe Johnson verglichen wurde, in denen ein fiktives Jerichow eine Rolle spielt, freut Brandt besonders. Schließlich war die Namensgleichheit durchaus beabsichtigt, auch wenn er im Vorfeld die "Jahrestage" nach einigen Seiten bewusst beiseite gelegt hatte, um sich davon nicht zu sehr beeinflussen zu lassen. "Dann war es aber das erste Buch, das ich gelesen habe, als ich das Manuskript abgegeben habe. Ich wollte wissen, worauf ich mich beziehe." Dass nun auch noch Schlecker, der ausgewiesene Feind des Drogisten Kuper, pleitegegangen ist, ist ein besonderes Sahnehäubchen: "Das Buch hat seine geheimen Kräfte entfaltet", meint Brandt grinsend. "Wenn das so gut funktioniert, mache ich genau so weiter

Und weitergehen soll es mit einer Auswanderergeschichte von Ostfriesen nach Amerika. Darin könnte es ein Wiedersehen mit einigen Figuren aus "Gegen die Welt" geben. "Ich habe so viele Handlungsstränge noch nicht zu Ende erzählt, da könnte man wieder anknüpfen. Da ist noch ein ganzes Universum, aus dem ich schöpfen kann." Besonderen Druck, nach dem Erfolg von "Gegen die Welt" weiterzumachen, verspürt Brandt jedoch nicht: "Wenn ich nicht zufrieden bin, dann veröffentliche ich es nicht", sagt er trocken. Das glaubt man dem Ostfriesen sofort. Und will doch gleichzeitig wissen, wie es im Kosmos Jericho weitergeht.

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Quelle: n-tv.de

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