Unterhaltung
Kontrolliert außer Kontrolle - Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn.
Kontrolliert außer Kontrolle - Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn.

Das Tagebuch einer Magersüchtigen: Kontrolliert außer Kontrolle

Von Jana Zeh

Hanna ist 16 und ein ganz normaler Teenager - bis zu dem Tag, an dem sie sich entscheidet, dünner zu werden. Mit einem starken Willen und viel Disziplin beginnt sie Kalorien zu zählen, sich extrem viel zu bewegen und Mahlzeiten einfach ausfallen zu lassen. Sie findet gefallen am Hunger und wird schließlich so dünn, dass sie fast stirbt.

Hanna ist hübsch, blond, ehrgeizig, schlank und hat einen Freund - eben  ein ganz normaler Teenager. Hanna möchte schlanker sein als sie ist, genauso wie viele andere Mädchen in ihrer Altersgruppe. Doch Hanna ist fest entschlossen. Mit einem außergewöhnlich starken Willen und einer hohen Leistungsbereitschaft beginnt die 16-Jährige Kalorien zu zählen, Mahlzeiten zu verweigern, exzessiv Sport zu treiben und regelmäßig auf die Waage zu steigen. Hannah Blumroth beginnt ihr Leben als Magersüchtige und nimmt anerkennend jedes Gramm Körpergewicht wahr, das sie verliert.

Hanna in der schlimmsten Phase ihrer Magersucht.
Hanna in der schlimmsten Phase ihrer Magersucht.(Foto: Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn)

Ihren Weg zur Magersüchtigen, die Qualen, die Zweifel und die Unmöglichkeit, einfach  zu essen, beschreibt Hanna Blumroth in ihrem eindrucksvollen Buch "Kontrolliert außer Kontrolle - Das Tagebuch einer Magersüchtigen". Dabei handelt es sich nicht um Erinnerungen mit täglichen Aufzeichnungen, sondern eher um die autobiografische Beschreibung von verschiedenen Lebensabschnitten. Über einen Zeitraum von mehr als drei Jahren darf der Leser Zeuge werden, wie die Magersucht ein normales Leben schließlich unlebbar macht.

Nichts hilft

In den autobiografischen Aufzeichnungen werden auch die Auseinandersetzungen mit der Familie, vor allem mit ihrer Mutter und Freunden aufgrund der Magersucht detailliert herausgearbeitet. Rigoros stellt die Autorin klar, dass alle Außenstehenden nichts machen können, um ihr zu helfen. In Hannas Situation hilft weder reden noch drohen noch weinen. Sehr eindrucksvoll und durchaus mitfühlend beschreibt die Autorin, wie ratlos und voller Sorge alle sind, die zusehen müssen, wie sie sich verändert, hungert, sich zurückzieht und von der Sucht schließlich gefangen genommen wird. Wie sie trotz massivem Untergewicht ihr Sportprogramm durchzieht und sogar ihr Abitur beendet. Wie viel Kraft und Energie Hanna täglich in die Aufrechterhaltung einer schönen Scheinwelt steckt.

Sie gibt zu, wie sie sich freut, über jedes Gramm, das sie verliert, wie sie nachts Eiswürfel mit Kuchenkrümeln lutscht, um den schlimmen Hunger, der sie am Schlafen hindert, wenigstens ein wenig und fast ohne Kalorien lindern zu können. Wie sie versucht, das Frühstück im Ärmel verschwinden zu lassen und der ständigen Kälte auszuweichen. Sie gibt gnadenlos ehrlich Auskunft über ein Leben, das sich nur noch ums Essen dreht, obwohl gar nicht mehr gegessen wird.

Als Leser leidet man mit und stellt sich immer wieder die Frage: Warum das alles? Aber nicht nur die Betroffenen selbst stehen durch ihre Sucht unter Druck, sondern auch ihre Angehörigen, Freunde und sogar Bekannte. Neben den großen Sorgen, die aufkommen, bleibt für die meisten Außenstehenden nicht nachvollziehbar, wieso jemand nicht isst, obwohl er Hunger hat. Doch ein Hauptgrund für Hannas Handeln bleibt die Angst, die so große Macht hat, dass sie die Heranwachsende auf mehreren Ebenen gefangen hält. An erster Stelle macht jede Art von Essen Angst, weil es verantwortlich ist dafür, dass Hanna an Gewicht zunimmt und dann an bestimmten Stellen zu dick wird. Aus diesem Grund verbucht sie jede Essensverweigerung als Erfolg. Sie übergeht sämtliche Einschränkungen, die durch die Magersucht entstehen. Die Sehnsucht nach einem normalen, gesunden Leben ringt sie nieder. Für Hanna gilt es, allem zum Trotz durchzuhalten.

Die inneren Dämonen

Kontrolliert außer Kontrolle - Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn.
Kontrolliert außer Kontrolle - Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn.

Hanna Blumroht gibt mit diesem Buch den Blick auf ihre inneren Dämonen frei, stellt ihre Zweifel dar und ihre Ängste. Sie macht klar, welche zwei Seiten in ihr wüten, ohne sich selbst erklären zu können, weshalb ihre kranke Seite so mächtig ist. Obwohl sie ihr Handeln durchaus kritisch reflektieren und intellektuell normal bewerten kann, hat die Sucht weiterhin ihr Leben fest im Griff. Durch ihre schonungslos ehrlichen Aufzeichnungen wird dem Leser klar, dass sich Magersucht hauptsächlich im Kopf abspielt und dass sie im schlimmsten Falle sogar bis zum Tode führt.

Zum Glück hat Hanna ihre Familie, angeführt von ihrer Mutter, die ihr das Leben rettet. Hanna wird mit extremem Untergewicht in eine Klinik eingewiesen und zwar insgesamt vier Mal während der drei Jahre ihrer Aufzeichnungen. Auch hier geht es für Hanna wieder darum, zu lügen und zu betrügen, um ihre Sucht weiterhin leben zu können. Hanna nimmt Nahrung nur widerwillig auf und nur, weil sie so schnell wie möglich aus der Klinik entlassen werden möchte. In Wahrheit kämpft sie nach jedem Klinikaufenthalt weiterhin um jedes Gramm, das sie loswerden will, obwohl die stationären Therapien genau das Gegenteil zum Ziel hatten. Auch wenn sich ihr Körpergewicht außerhalb der Lebensgefahr stabilisiert hat, lebt sie ihre Magersucht weiter. Es scheint, obwohl der jungen Frau jegliche Hilfsangebote gemacht werden, als würde sie selbst nicht mehr entscheiden können, auch ohne die immense Kontrolle über ihr Essverhalten weiterzuleben. Die Magersucht ist zum Lebensinhalt geworden und zu einem Stück ihrer Identität - Hanna, die Magersüchtige, die sogar im Fernsehen über ihre Krankheit sprechen darf.

Obwohl Hanna Blumroth am Ende des Buches ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen scheint, von zu Hause auszieht und ein Studium beginnt, bleibt der Leser doch etwas ratlos zurück. Das Gewicht der damals fast 20-Jährigen bewegt sich einem Bereich, in dem sie außer Lebensgefahr ist, doch das Essverhalten der jungen Frau bleibt alles andere als normal. Sie fliegt deshalb aus mehreren Wohngruppen für magersüchtige Mädchen raus und macht trotzdem weiter wie bisher. Hanna scheint viel mehr als andere in ihrem Alter auf der Suche zu sein. Auf der Suche nach sich selbst, nach einem erfüllten Leben und nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Vielleicht hat sie ja einiges davon als magersüchtige Autorin für den kurzen Moment bekommen, vielleicht hat ihr das Buch auch geholfen, zu reflektieren und vor allem, zu überleben. Ein fahler Beigeschmack in Bezug auf die Gesundheit der Autorin bleibt jedoch auch beim Leser.

"Kontrolliert außer Kontrolle - Das Tagebuch einer Magersüchtigen" bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen