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"Meine Kritik wurde immer härter": Sechs Monate lang hat Paula Bulling über deutsche Asylpolitik recherchiert.
"Meine Kritik wurde immer härter": Sechs Monate lang hat Paula Bulling über deutsche Asylpolitik recherchiert.

Asylbewerberheime in Sachsen-Anhalt: Rassismus ist ständiger Begleiter

Von Isabelle Daniel

Sechs Monate lang hat sich Paula Bulling mit der deutschen Asylpolitik beschäftigt - vor Ort in Asylbewerberheimen in Sachsen-Anhalt. Ihr Rechercheergebnis ist die Graphic Novel "Im Land der Frühaufsteher". Es bildet jede Menge Hoffnungslosigkeit ab, aber auch den Kampf vieler Asylbewerber um die Bewahrung der eigenen Würde.

Die Autorin hat in Halle Illustration studiert.
Die Autorin hat in Halle Illustration studiert.

Was am Ende von Paula Bullings erstem Buch bleibt, ist ein gutes Stück Desillusion. Damit geht es dem Leser allerdings nicht anders als der Autorin. Paula Bulling hat sechs Monate lang in Asylbewerberheimen in Sachsen-Anhalt recherchiert - über die Lebensumstände von Flüchtlingen, bürokratische Schranken und Vorbehalte gegenüber Asylbewerbern in der Bevölkerung. "Meine Kritik an den Zuständen ist immer härter geworden, je länger ich mich damit beschäftigt habe", schildert die Berliner Künstlerin ihre Eindrücke, die sie unter dem Titel "Im Land der Frühaufsteher" zusammengefasst hat. Bei dem 125-seitigen Band handelt es sich allerdings nicht um eine herkömmliche Enthüllungslektüre, sondern um eine Graphic Novel.

"Mich reizt der scheinbare Widerspruch zwischen der weniger ernsten Darstellungsform und dem Thema", sagt Bulling, die nach eigenen Worten über Umwege zur Beschäftigung mit deutscher Asylpolitik gekommen ist, im Gespräch mit n-tv.de. Ihre persönlichen Beobachtungen der Missstände in Migrations- und Flüchtlingsfragen habe sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen wollen. Der entstandene Comic ist eine Collage aus Porträts und Zeichnungen, die die 26-Jährige bei ihren regelmäßigen Besuchen in Asylbewerberheimen angefertigt hat.

"Die Nazis haben mich fertiggemacht"

Bullings erster Comic: "Im Land der Frühaufsteher".
Bullings erster Comic: "Im Land der Frühaufsteher".

Gewissermaßen zu den Protagonisten der Graphic Novel gehört auch Azad Hadji. Anders als andere Flüchtlinge, die Bulling getroffen und gezeichnet hat, kommt er in den Zeichnungen nicht selbst zu Wort. Und doch bestimmt seine Geschichte die Dramaturgie des Comics. Sie bestimmt auch Bullings Eindruck vom Umgang der deutschen Behörden mit Asylbewerbern und ihren Schicksalen.

Azad Hadji, ein zweifacher Familienvater aus Georgien, starb am 14. Juli 2009 unter ungeklärten Umständen im Flüchtlingsheim Möhlau, jener "Gemeinschaftsunterkunft", die zu den zentralen Orten in Bullings "Land der Frühaufsteher" gehört. Am Abend vor seinem Tod kam Hadji mit lebensgefährlichen Verbrennungen und fremden Kleidern nach Hause. Die letzten Worte, die er zu seiner Frau sagte, sollen gewesen sein: "Die Nazis haben mich fertiggemacht."

Nach zwei Monaten ad acta gelegt

"Das Einzige, was man sicher weiß, ist, dass Azad Hadji in dieser Nacht in einer Imbissbude in Roßlau war, in der es eine Explosion gegeben hat – und dass er von dort mit dem Auto von Unbekannten ins 25 Kilometer entfernte Möhlau gebracht wurde", erklärt Bulling. Einen ihrer Comic-Akteure lässt sie über den Fall sagen: "Hier sagen die Leute, wenn er früher behandelt worden wäre, könnte er jetzt noch am Leben sein.  Aber die haben ihn vor dem Tor vom Heim liegen lassen. Und weißt du, das Bitterste für mich ist, dass es keinen interessiert, ob hier einer verreckt."

"Die Lage der meisten Heime ist ungünstig."
"Die Lage der meisten Heime ist ungünstig."

Azad Hadjis Tod beschäftigte die Dessauer Polizei genau zwei Monate, dann legte sie ihn ad acta. "Es wurde unterstellt, dass er die Explosion selbst verursacht hätte - obwohl es dafür keinerlei Beweise gibt", kritisiert Bulling.

"Die Message, hier nicht willkommen zu sein, kommt durchaus bei den Flüchtlingen an", meint die Autorin, die in Halle Keramik und Illustration studiert hat. Das liege zum einen an den negativen Erfahrungen in der Ausländerbehörde oder mit der Polizei, "mit der man als nichtweißer Mensch automatisch mehr zu tun hat". Alltagsrassismus sei ein ständiger Begleiter vieler Flüchtlinge, erklärt Bulling. Das verarbeitet sie auch in ihrem Buch. In einer Szene demonstrieren Asylbewerber gegen die Residenzpflicht, ein Teilnehmer wird von der Polizei aufgefordert, seine Papiere zu zeigen.

Behinderungen bei alltäglichen Unternehmungen

"Die Residenzpflicht, die je nach Verordnung regelt, dass Asylbewerber nicht das Land oder den Landkreis verlassen dürfen, behindert die Menschen bei den alltäglichsten Unternehmungen, etwa Freunde und Familie in einer anderen Stadt zu besuchen. Davon abgesehen ist die geografische Lage der meisten Heime so ungünstig, dass es unendlich kompliziert ist, einfachste Erledigungen zu unternehmen. Fahrten mit dem öffentlichen Verkehr werden auf diese Weise teuer und umständlich bis unmöglich."

Zum anderen dringen Geschichten wie diejenige von Azad Hadji auch zu anderen Flüchtlingen durch. Der weitaus prominentere und ebenfalls ungeklärt gebliebene Fall von Oury Jalloh, der bei einem Brand in der Dessauer Polizeidienststelle starb, werde von vielen als charakteristisch für den Umgang deutscher Behörden mit Asylbewerbern empfunden. Es ist diese Einschätzung Bullings, die sich als roter Faden durch ihr erstes Buch zieht.

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Quelle: n-tv.de

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