Unterhaltung
Sonntag, 20. März 2011

Im Schatten des Spiels: Rassismus und Randale im Fußball

von Thomas Badtke

1998 zeigt der deutsche Fußball sein hässlichstes Gesicht: Hooligans prügeln in Lens den Polizisten Daniel Nivel ins Koma. Gewaltorgien rund um den Fußball gibt es immer noch, wie Ronny Blaschke beweist.

Gewalt und Randale im Fußball - es gibt sie immer noch: März 2009 St. Pauli gegen Hansa Rostock.
Gewalt und Randale im Fußball - es gibt sie immer noch: März 2009 St. Pauli gegen Hansa Rostock.(Foto: picture alliance / dpa)

Es ist der 21. Juni 1998. Deutschland trifft bei der WM in Frankreich in Lens auf Jugoslawien. Doch das Spiel ist nur eine Randnotiz: In der Innenstadt wird der französische Polizist Daniel Nivel bei gewalttätigen Krawallen deutscher Hooligans ins Koma geprügelt. Die Bilder gehen um die Welt - und zeigen das hässliche Gesicht des Fußballs. Aber was steckt hinter dieser Schreckensfratze?

Der Sportjournalist Ronny Blaschke hat sich auf die Suche nach Antworten begeben und sich des Themas Randale und Rassismus im Fußball angenommen. Er hat Hooligans nach deren "Sehnsucht nach Schmerz" befragt, hat Ultras, Polizisten, Sportsoziologen, Fußballer, Schiedsrichter und Funktionäre zu Wort kommen lassen. Opfer und Täter schildern gleichermaßen ihre Sicht der Dinge.

Fußball wird zur Nebensache

Dabei wird deutlich: Millionen Menschen streben jedes Wochenende an und auf die Fußballplätze Deutschlands. Sie wollen ihre Teams siegen sehen, ihrem Lieblingshobby frönen. Ein Bier in der einen und die Bratwurst in der anderen Hand, stellen sie das Gros der Fans hierzulande. Aber unter diesen Millionen gibt es auch tausende sogenannte gewaltsuchende und gewaltbereite Fans, die mehr sind als nur Störenfriede.

In Deutschland suchen sie sich zumeist die unteren Ligen aus, wo sie mit 20 Mann bei Zuschauerzahlen von rund 100 bei einem Spiel in einer Kreis- oder Landesliga schnell zur krakeelenden Masse werden und die Ränge als ihr Eigentum ansehen. In den unteren Ligen gibt es keine Drehkreuze am Einlass, keine Ordner, keine Sicherheitskräfte. Es gibt keine Kameraüberwachung wie in den oberen Topligen.

Von "Bimbo" bis "schwarz-rot-geil"

Ronny Blaschke
Ronny Blaschke

Das bietet Raum für rassistische Äußerungen gegen farbige Sportler, wie sie selbst Nationalspieler Gerald Asamoah nur wenige Wochen nach der "schwarz-rot-geilen" Fußball-WM 2006 im Rostocker Stadion ertragen muss oder auch Sachsen Leipzigs nigerianischer Stürmer Adebowale Ogungbure. Affenlaute, auf den Platz fliegende Bananen, "Bimbo"-Rufe: Jahrelang muss Ogungbure das über sich ergehen lassen, muss damit leben und spielen. Höhepunkt ist dabei ein Spiel 2006 gegen den Halleschen FC. Nach der damaligen Oberligapartie stürmen die Zuschauer den Platz, Ordner und Funktionäre schauen tatenlos zu - oder weg. Die HFC-Fans beschimpfen und bespucken Ogungbure. Sie schlagen auf ihn ein. Seine Reaktion: Er hebt den Arm zum Hitlergruß.

Gegen Ogungbure werden Ermittlungen eingeleitet, da er in der Öffentlichkeit ein verfassungsfeindliches Symbol gezeigt hat. Sie werden kurz darauf eingestellt. Der HFC bekommt vom Verband eine Geldstrafe aufgebrummt: 600 Euro. Aber nicht für das unsägliche Verhalten der "Fans" gegenüber Ogungbure, sondern weil auch Feuerwerkskörper abgefeuert worden waren. Ogungbure, davor auch als Profi beim 1. FC Nürnberg und bei Energie Cottbus aktiv, kann die Szenen auf dem Rasen nicht mehr vergessen, sie verfolgen ihn auch abseits der Spiele wie ein dunkler Schatten. Dabei, sagt Ogungbure Blaschke, wollte er nur "Fußball spielen".

Ultra oder Hooligan

Ultra oder Hooligan? Die Grenzen sind fließend.
Ultra oder Hooligan? Die Grenzen sind fließend.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Geschichte Ogungbures ist nur ein Kapitel in Blaschkes Buch. Aber sie macht deutlich, wie schnell der Fußball zur Nebensache verkommt - nicht nur im oft zu Unrecht gescholtenen Osten der Republik. Ganz Deutschland ist betroffen und dabei nicht allein: In Italien sorgen im Oktober 2010 Krawalle serbischer Holligans für den Abbruch des EM-Qualifikationsspiels. 17 Menschen werden bei den Randalen verletzt. Der mutmaßliche Anführer der Randalierer ist jüngst zu einer Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt worden.

Ein deutscher Hooligan schlägt während der Fußball-Länderspiels Polen - Deutschland im September 1996 auf andere Hools ein. Rund 300 Randalierer mussten damals zu Beginn der Partie von polnischen Polizisten gewaltsam auseinandergetrieben werden.
Ein deutscher Hooligan schlägt während der Fußball-Länderspiels Polen - Deutschland im September 1996 auf andere Hools ein. Rund 300 Randalierer mussten damals zu Beginn der Partie von polnischen Polizisten gewaltsam auseinandergetrieben werden.(Foto: picture-alliance / dpa)

Und auch in Polen versuchen Verband und Politik die Hooliganproblematik mit härteren Strafen in den Griff zu bekommen. In Polen, immerhin einer der beiden Ausrichter der Euro 2012, gibt es mit 15.000 bis 20.000 gewaltbereiten Fans fast vier Mal mehr als in Deutschland, europaweit ein Spitzenwert. In Italien wiederum gibt es etwa 80.000 Ultras. Die Grenzen zwischen den beiden Gruppen sind fließend. In Deutschland fallen die Ultras vor allem durch ihre Stadionchoreografien auf, in Italien geht die Liebe zum Verein so weit, dass bereits mehrere Präsidenten ihr Amt auf Druck der Ultras räumen mussten.

Zeitloses Werk

Die italienische Ultra-Szene erinnert dabei an die Barrabravas in Argentinien, denn oft gehen Kriminalität und Korruption bei ihnen Hand in Hand. In England, dem Geburtsland des Hooliganismus, ist es nach Jahrzehnten voll blutiger Krawalle und Randale rund um die Fußballstadien des Landes wieder ruhiger geworden. Auch dort kommen drakonische Strafen zum Einsatz. Gleichzeitig setzen Verband, Politik, Liga und Vereine aber auch auf Präventivmaßnahmen wie Fanprojekte oder auf den Einsatz von Fanbeauftragten - wie in Deutschland. Das Problem dabei: Sobald es wieder etwas ruhiger geworden ist, schlafen die Projekte ein, Zuschüsse werden gestrichen, ein nachhaltiges Arbeiten ist deshalb kaum möglich.

"Im Schatten des Spiels" ist im Verlag Neue Werkstatt erschienen und wurde 2007 als "Fußballbuch des Jahres" ausgezeichnet.
"Im Schatten des Spiels" ist im Verlag Neue Werkstatt erschienen und wurde 2007 als "Fußballbuch des Jahres" ausgezeichnet.

"Im Schatten des Spiels" ist 2007 erschienen, aber noch immer up to date. Es beweist, dass Politik, Vereine und Verbände in vielen europäischen Ländern zwar eine Menge versuchen, um des Hooliganproblems habhaft zu werden. Am Ende zeigen die von Blaschke angeführten Beispiele aber, dass Rassismus und Randale keine reinen Probleme des Fußballs sind. Die Wurzeln für die immer wiederkehrende Gewalt rund um das runde Leder reichen viel tiefer und sind fest in der Gesellschaft verankert. Das ist die wirklich beängstigende Erkenntnis aus Blaschkes äußerst lesenswertem Buch.

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Quelle: n-tv.de

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