Unterhaltung
Mittwoch, 24. November 2010

Assaf Gavron "Alles Paletti": Road-Movie zwischen Buchdeckeln

von Samira Lazarovic

"Alles Paletti" heißt die New Yorker Umzugsfirma, bei der Jonsy, Schlomi und Izzi das schnelle Geld machen wollen. Doch der Diebstahl des Lasters bringt sie nicht ans Ziel, sondern in Schwierigkeiten. Bald sind ihr Chef, die ukrainische Mafia und das FBI hinter ihnen her.

Ein ganz und gar unpolitischer Roman aus Israel.
Ein ganz und gar unpolitischer Roman aus Israel.

Mitten in den 1990er Jahren, El Nino fegt gerade über das Land, Celine Dion nervt im Radio und Bill Clinton ist in Erklärungsnot, heuern Jonsy, Izzi und Schlomi bei einem der vielen israelischen Umzugsunternehmen in New York an. Und zwar bei Sababa Moving und Storag'e, mit dem vermeintlich französischen Apostroph im Namen, denn ihrem Chef Chaim ist beim Übersetzen aus dem hebräischen ein peinlicher Fehler unterlaufen. Sababa – das kommt aus den arabischen und heißt übersetzt so viel wie "Alles Paletti". Ein Ausdruck, der in Israel lange benutzt wurde und heute aber ähnlich antiquiert und schnoddrig klingt wie "Alles Paletti" im Deutschen. Und ähnlich schnoddrig geht es auch zwischen Jonsy, Izzi und Schlomi zu, den drei jungen Israelis, die als Umzugshelfer Geld verdienen, um damit das große Glück zu finden.

Was für Izzi ein einfacher Job nach der Armee und vor dem Studium ist, ist für Schlomi der schnöde Ersatz für eine gescheiterte Schauspielerkarriere. Jonsy, der erfahrenste Umzugshelfer des Trios, hat über das Geschäft jedoch eine wahre Philosophie entwickelt: Die drei traumatischsten Dinge, die Leute passieren, seien der Verlust der Kinder, Scheidung und Umzug. Und beim Umzug ist der Umzugshelfer, der Mover, an Deiner Seite. "Auch wenn Deine Jeans dreckig sind und Du ein simpler Nahostler bist, der nur seine Muskeln für einen Tag hergibt, Du bist der beste Freund in einem Stadium, in dem es fast keine Freunde mehr gibt", glaubt er. Und dieses lang erworbene Wissen nutzt Jonsy, um die Trinkgelder in die Höhe zu treiben. Denn sein Ziel ist das große Geld – der eine fantastische Coup, der ihm so viel einbringt, dass er sich ein gutes Leben zu Hause in Jerusalem leisten kann.

Da die Trinkgelder dafür nicht ausreichen, kommt Jonsy auf eine fatale Idee: Warum nicht einfach mit dem vollbeladenen Lastwagen verschwinden und den ganzen Inhalt irgendwo verscherbeln? Doch Jonsy und sein mehr oder weniger freiwilliger Komplize Izzi haben keine Ahnung, dass ein Teil der Fracht aus zwei von der ukrainischen Mafia frisierten Glücksspielautomaten besteht, an denen nicht nur die Mafiosi sondern auch das FBI Interesse haben. Und so wird die Fahrt Richtung Las Vegas zu einer wilden Verfolgungsjagd, in der sich jüdische FBI-Agenten, melancholische Mafia-Bosse, indianische Schönheiten, nervtötende jiddische Mammes, die Pessach feiern wollen, und eine verschmähte Geliebte in ein wirres Knäuel verstricken. Doch wer den Faden findet und den Knoten auflöst, dem winkt am Ende der Millionengewinn, wenn er im richtigen Moment den Hebel des manipulierten einarmigen Banditen zieht.

Keine Politik, keine Intellektuellen

Mit "Alles Paletti" legt Assaf Gavron ein vermeintlich "untypisches" Buch für einen israelischen Autor vor. Es geht nicht um Politik, es geht nicht um den Nahostkonflikt, seine Romanfiguren sind alles andere als intellektuell und arbeiten in einer für Israelis scheinbar ungewöhnlichen Branche. Gavron empfindet seinen Roman jedoch nicht als exotisch. "In Israel ist es allgemein bekannt, dass die Umzugsbranche in New York fast komplett in israelischer Hand ist", erzählt er im Gespräch mit n-tv.de. Wie es genau dazu kam, wisse er auch nicht, vielleicht seien ein oder zwei Israelis in dieser Branche erfolgreich gewesen und alle anderen seien hinterhergekommen. Aber seiner Meinung nach passe die Branche ganz gut zu seinen Landsleuten: "Israelis haben einen guten Kopf, aber die jungen Männer, die ihren Armee-Dienst abgeleistet haben, haben auch Muskeln und brauchen Geld." Gavron weiß, wovon er redet, denn er hat selber als Umzugshelfer in den USA gearbeitet – zu Recherchezwecken. "Ich hatte die Idee und suchte den entsprechenden Job, in der Hoffnung, dass daraus ein Buch entsteht."

Dass Jonsy, Izzi und Schlomi alles andere als intellektuelle Akademiker sind, fällt auch ihren Kunden auf: "Wie kommt es, dass die Juden, nach dreitausend Jahren Leiden, Lastträger geworden sind?", fragt sie ein alter jüdischer Mann. Eine Frage, die auch Gavron gerne beantwortet: Gerade dieser Typ Israeli, einfach, smart, aber nicht so smart wie sie denken und manchmal etwas hinterhältig, sei ihm und jedem der Israel kenne, sehr vertraut. "Nicht alle Israelis sind intellektuell, ich wünschte, sie wären es."

"Alles Paletti" ist nach "Ein schönes Attentat" und "Hydromania" Assaf Gavrons dritter Roman, der in Deutschland erscheint – auch wenn er ihn lange vor den anderen beiden Büchern geschrieben hat. Warum sein Verleger die Reihenfolge auf den Kopf gestellt hat? "Ich denke, dass liegt tatsächlich daran, dass es kein politisches Buch ist", meint Gavron. Deutsche Verleger und Leser würden von israelischen Autoren erwarten, dass sie sich vorwiegend mit dem Nahost-Konflikt beschäftigen, so der Autor. Aber immerhin hätten die beiden Vorgänger den Weg für "Alles Paletti" in Deutschland geebnet, auch wenn das mediale Echo sehr viel leiser ausfalle. Doch bei den Lesungen hierzulande werde viel gelacht, der Text scheine den Leuten Spaß zu machen, hat der Schriftsteller beobachtet. In Israel sei übrigens "Alles Paletti" mit Abstand sein größter Erfolg gewesen. Gerade weil es nicht politisch, sondern lustig ist und zudem im Sehnsuchtsland USA spiele.

"Alles Paletti" im n-tv shop kaufen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen