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Der Krieg in Afghanistan hat die Bundeswehrreform beschleunigt.
Der Krieg in Afghanistan hat die Bundeswehrreform beschleunigt.

Die Deutschen und der Afghanistan-Einsatz: "Soldaten machen Krieg"

Von Markus Lippold

Stell dir vor, es ist Krieg und wir nennen es Friedensmission: Lange wurde der Einsatz in Afghanistan zur Mission von Brunnenbauern verklärt. "Aber es sind Soldaten. Und Soldaten machen Krieg", sagt der Journalist David Schraven. In "Kriegszeiten" kritisiert er, dass Politiker ein falsches Bild von der Lage am Hindukusch gezeichnet haben.

Der Krieg beginnt nicht mit dem Einmarsch in Afghanistan. Der Krieg beginnt am 11. September 2001. Der deutsche Journalist David Schraven steht auf einem Hochhaus in New York. Er sieht das brennende World Trade Center und die über Manhattan aufsteigenden Rauchschwaden, er atmet den Staub ein. "Das war eine sehr intensive Erfahrung", sagt Schraven im Gespräch mit n-tv.de. "Das war wie der Beginn eines Krieges."

Am 11. September 2001 stand Schraven auf einem Hochhaus in New York und beobachte die Auswirkungen der Anschläge auf das World Trade Center.
Am 11. September 2001 stand Schraven auf einem Hochhaus in New York und beobachte die Auswirkungen der Anschläge auf das World Trade Center.

Und ja, es ist der Beginn des Afghanistankrieges, der seit mehr als zehn Jahren andauert. Nun zieht Schraven Bilanz in Form eines dokumentarischen Comics. "Kriegszeiten", erschienen im Carlsen-Verlag, ist ein Gemeinschaftswerk von Autor Schraven und Zeichner Vincent Burmeister, die zusammen bereits den Comic "Die wahre Geschichte vom Untergang der Alexander Kielland" vorgelegt haben.

In drei Kapiteln zeichnen Schraven und Burmeister die Entwicklung dieses Krieges nach. Und doch geht das Buch über eine reine chronologische Darstellung des Einsatzes hinaus: Schraven, der als Leiter der Recherche-Redaktion bei der WAZ-Gruppe arbeitet, hat etliche Fakten und Hintergründe zusammengetragen, die den dokumentarischen, realistischen Ton von "Kriegszeiten" untermauern. Er hat geheime Bundeswehr-Wochenberichte und Statusmeldungen durchforstet, Bundestagsdebatten verfolgt und ist selbst nach Afghanistan gereist.

Schraven hat unzählige Dokumente und Berichte durchforstet.
Schraven hat unzählige Dokumente und Berichte durchforstet.

Der Aufwand hat sich gelohnt: "Kriegszeiten" ist spannend, vor allem aber öffnet es die Augen für Zusammenhänge und Hintergründe. Zudem zeigen sich Schraven und Burmeister als Vorreiter des Reportage-Comics in Deutschland, der bisher eher ein Schattendasein führt. Hinter internationalen Meistern des Genres wie Joe Sacco ("Gaza") und Guy Delisle ("Aufzeichnungen aus Jerusalem") brauchen sie sich jedenfalls nicht zu verstecken.

"Hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen"

Allerdings erzählen sie die Geschichte aus streng deutscher Perspektive. Afghanen spielen nur am Rande eine Rolle, und wenn, dann als korrupte Politiker oder Kriegsverbrecher. Stattdessen schildern Bundeswehrsoldaten ihren Alltag, das Leben in den Lagern und den Umgang mit der Bevölkerung. Es ist ein Alltag, der vor allem in der Anfangszeit des Krieges in der deutschen Öffentlichkeit ganz anders ankommt. Hier stehen die "Provicial Recontruction Teams" im Vordergrund, die Brunnen und Schulen bauen. Von den Kampfeinsätzen, die sich gleichzeitig häufen, erfährt man wenig.

Immer wieder versuchten und versuchen verschiedene Mächte, Einfluss auf Afghanistan zu nehmen.
Immer wieder versuchten und versuchen verschiedene Mächte, Einfluss auf Afghanistan zu nehmen.

Wie die deutsche Öffentlichkeit mit diesem Krieg umgeht, steht im Mittelpunkt von "Kriegszeiten". Schraven kennt das aus eigener Erfahrung: Als er 2001 zurück nach Deutschland kommt, ist er erstaunt - der Krieg, der in den USA noch so präsent war, ist auf einmal weg. "Früher dachte man, wenn Deutschland im Krieg ist, ist das eine totale Erfahrung, das ganze Volk wäre unter Strom", erklärt Schraven. "Aber der Afghanistan-Krieg ist wie ein Krieg bei George Orwell, hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen."

Falsche Bilder, falsche Worte

Irgendwann beginnt der Journalist, sich Fragen zu stellen über diesen Krieg, der nicht so genannt wird. "Wir haben von einer Friedensmission gesprochen, wir haben unsere Leute als Brunnenbauer verkauft. Aber das sind sie nicht, sondern es sind Soldaten. Und Soldaten machen Krieg", sagt Schraven. "Das ist in meinen Augen das Problem." Die falschen Bilder und Worte, verbreitet von Politikern, aber auch Medien, seien mittlerweile so fest in der öffentlichen Wahrnehmung verankert, dass es schwierig werde zu erklären, was wirklich passiert.

Im Buch kommen auch immer wieder Bundeswehrsoldaten zu Wort.
Im Buch kommen auch immer wieder Bundeswehrsoldaten zu Wort.

Das wird zum Beispiel in der Schilderung der "Operation Halmazag" vom Oktober 2010 deutlich, die im Buch viel Platz einnimmt. Es ist der erste große Vorstoß einer deutschen Armee seit der Ardennenoffensive 1944. Auch wenn es keine Geheimoperation war: Im öffentlichen Gedächtnis ist der Angriff mit Schützenpanzern, schwerer Artillerie und Fallschirmjägern nicht verankert. Interessanter ist, dass wenige Tage später der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg Afghanistan besucht.

Die schiefe Darstellung des Krieges ist für Schraven von der Politik gewollt: "Deutschland hat keine außenpolitischen Ziele, die es durchzusetzen gilt", sagt er. Die Afghanistan-Politik werde auch nicht nach der tatsächlichen Lage ausgerichtet. Stattdessen gehe es nur um die innenpolitische Wirkung. "Ich glaube, dass der Afghanistankrieg und die Politik, die daraus entspringt, in Deutschland vor allem Innenpolitik sind." Er nennt das "Schein-Außenpolitik".

"Man macht mit Verbrechern Geschäfte"

"Kriegszeiten" ist im Carlsen-Verlag erschienen, hat 128 Seiten im Hardcover und kostet 16,90 Euro (D).
"Kriegszeiten" ist im Carlsen-Verlag erschienen, hat 128 Seiten im Hardcover und kostet 16,90 Euro (D).

Nicht nur die Darstellung des Einsatzes in Deutschland wird in "Kriegszeiten" kritisch aufgegriffen. Auch die Frage, warum nach zehn Jahren Krieg noch kein Ende in Sicht ist. "Man macht mit Verbrechern Geschäfte", bringt Schraven das Problem auf den Punkt. Die Afghanen wollten keinen Krieg mehr, sie waren teilweise froh über das Ende der Taliban, über geteerte Straßen, Snickers und Strom. "Aber die Nato hat eben versucht, mit Mördern, Kriminellen, mit Kriegsverbrechern einen Staat aufzubauen", erklärt Schraven. Und das habe noch nie funktioniert.

Es sind jene Statthalter wie Raschid Dostum, den Menschenrechtler für einen brutalen Kriegsverbrecher halten, die jährlich mit hohen Millionenbeträgen aus dem Westen finanziert werden. Wohin das Geld fließt, weiß keiner. "Die gesamte Geschäftswelt, der gesamte Geldkreislauf kommt entweder aus Drogen oder aus der Nato", erklärt Schraven. "Ich weiß nicht, ob da eine Lösung möglich ist. Eine einfache schon gar nicht." Er zieht ein pessimistisches Fazit: "Irgendwann muss man einsehen, dass man einen Krieg verloren hat und ihn beenden muss."

"Kriegszeiten" lebt von diesen persönlichen, subjektiven Sichtweisen des Autors. Ergänzt wird das durch die Zitate von Soldaten und Politikern sowie Auszügen aus Bundeswehr-Unterlagen, aber auch durch die Zeichnungen von Burmeister. Zunächst stechen die Farben ins Auge: Neben Schwarz dominieren Rot und Ocker, die Gewalt und Langeweile symbolisieren. Wobei das Ocker auch an eine eitrige Wunde erinnert, an eine Verletzung, die nicht heilt. Für seine Zeichnungen hat Burmeister zudem unzählige Bilder und Videos gesichtet, um Ausrüstung und Technik der Soldaten authentisch darzustellen. Das ist schwieriger als man denkt. "Details unterscheiden sich von Einheit zu Einheit", erzählt er. Hinzu kämen Ausrüstungsteile, die offiziell gar nicht zugelassen sind, etwa Knieschoner. Bei dem einen Kommandanten dürfen sie nicht über der Uniform getragen werden, dem anderen ist es egal. Doch sie sind unerlässlich, wenn man stundenlang hocken muss.

Und es gibt noch ein Problem: "Von kaum einem Krieg gibt es so viele Bilder wie vom Einsatz in Afghanistan", sagt Burmeister. Doch gefilmt werde immer nur dort, wo es erlaubt ist. "Das heißt, dass es keine Bilder von gefährlichen Einsätzen gibt." Schraven hat solche Bilder gesehen, von Geschossen, von getöteten Taliban. Doch sie stammten aus anderen Quellen. "In Deutschland gibt es solche Bilder nicht, womit wir wieder beim Thema sind: Wir sind Brunnenbauer, das hat man uns jahrelang erzählt." Von Gewalt und Langeweile war dagegen selten die Rede. Nur langsam ändert sich das. "Mittlerweile schauen Soldaten nicht mehr total verschämt zu Boden, wenn sie erzählen, dass sie im Afghanistan-Krieg waren", sagt Schraven. Die Debatte, wie wir Deutschen mit unseren Veteranen umgehen, steht uns allerdings noch bevor.

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Quelle: n-tv.de

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