Unterhaltung
Die Dreharbeiten zu "Der Schatz der Sierra Madre" - Hal Croves' Schatten (links) ist dabei.
Die Dreharbeiten zu "Der Schatz der Sierra Madre" - Hal Croves' Schatten (links) ist dabei.(Foto: Avant-Verlag 2011)

Die Suche nach dem Phantom von Mexiko: Wer zur Hölle ist B. Traven?

von Markus Lippold

Vor 43 Jahren stirbt Hal Croves. Oder ist es Traven Torsvan, Ret Marut oder B. Traven? Jener B. Traven, der mit seinem Romanen große Erfolge feiert, dessen Identität aber bis heute nicht restlos geklärt ist? Es ist eine spannende Spurensuche nach einem der größten Geheimnisse der jüngeren Literaturgeschichte.

1925: Traven beginnt zu schreiben.
1925: Traven beginnt zu schreiben.(Foto: Avant-Verlag 2011)

Thomas Pynchon ist ein Waisenknabe. Die Versuche des US-Schriftstellers, die eigene Identität zu verschleiern, muten wie kleine Streiche an. Zumindest verglichen mit B. Traven. Denn bis heute, 43 Jahre nach seinem Tod am 26. März 1969, weiß niemand zu sagen, wer genau der Autor von Romanen wie "Der Schatz der Sierra Madre" und "Das Totenschiff" ist. Literaturwissenschaftler weltweit haben sich an der Frage die Zähne ausgebissen, wer er war, woher er kam und wie er lebte.

Theorien gibt es natürlich viele. Da schwirren Namen umher, von denen man nie genau weiß, ob sie verschiedene oder ein und dieselbe Person beschreiben: Berick Traven Torsvan, Hal Croves, Ret Marut - wobei es sich bei Letzterem um den deutschen Schauspieler Otto Feige gehandelt haben soll. Dreißig Identitäten und ein halbes Dutzend Nationalitäten soll B. Traven besessen haben. Manche meinen, er sei ein unehelicher Sohn Wilhelms II. gewesen oder der mexikanische Präsident.

Ret Marut bei seiner Verhaftung 1923 in London.
Ret Marut bei seiner Verhaftung 1923 in London.(Foto: dpa)

Seinem Erfolg als Schriftsteller tat all dies keinen Abbruch. Millionen Exemplare in dreißig Sprachen verkaufte Traven von seinen Büchern. Albert Einstein zählte zu seinen Fans. Hollywood riss sich um die abenteuerlichen Stoffe, die meist in Mexiko spielen. "Der Schatz der Sierra Madre" wurde 1948 von John Huston verfilmt. In den Hauptrollen: Humphrey Bogart und Walter Huston, der Vater des Regisseurs, der für seine Darstellung den Nebenrollen-Oscar kassierte. Huston Junior bekam die Academy Awards als bester Regisseur und für das Drehbuch.

Bleibt nur diese eine Frage: Wer war B. Traven? Dem geht nun der französische Zeichner Golo in seiner großartigen Graphic Novel "B. Traven - Portrait eines Unbekannten" nach, die im Avant-Verlag erscheint. Leicht hat es sich Golo allerdings nicht gemacht. Denn ihm ging es nicht nur um eine spannende Geschichte, sondern auch um eine authentische Bestandsaufnahme der verschiedenen Theorien. Herausgekommen ist beides: eine Zusammenfassung der Fakten und glaubwürdigsten Mutmaßungen, die B. Traven betreffen, vor allem aber eine farblich überwältigende, erzählerisch dichte und spannende Geschichte, die teils dokumentarisch, teils phantasievoll vom Leben eines Ausgestoßenen und Getriebenen erzählt.

Novemberrevolution und Räterepublik

Große farbige Collagen sind das Herzstück des Buches.
Große farbige Collagen sind das Herzstück des Buches.(Foto: Avant-Verlag 2011)

Als wahrscheinlichste Person hinter B. Traven gilt heute der Anarchist und Schauspieler Ret Marut, der sich als US-Amerikaner ausgab, hinter dem aber wohl wiederum der aus (dem heute polnischen) Schwiebus stammende OttoFeige steht. Golo beschreibt dessen Lebensweg vom ersten Auftauchen auf deutschen Theaterbühnen 1908 bis zu seinem Verschwinden 1924. Es ist ein kurzes, intensives und kenntnisreiches Kaleidoskop der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg,das Golo hier entfaltet. Er taucht in die politischen Wirren der Novemberrevolution ein, in die Konflikte zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten in Berlin und in die Kämpfe um die Münchner Räterepublik.

Marut beteiligt sich aktiv an der Räteherrschaft. Bereits seit 1917 gibt er zudem die anarchistische Zeitschrift "Ziegelbrenner" heraus. Als Freikorps und Armee die Räterepublik brutal beenden wird Marut verhaftet, nur die Flucht rettet ihn vor der Hinrichtung. Es beginnt eine unstete Zeit. Die geplante Einreise in die USA, wo seine Freundin Irene weilt, scheitert - man glaubt Marut seine US-Herkunft nicht. Er heuert auf Schiffen als Heizer an (was ihn zu seinem Buch "Das Totenschiff" inspiriert). 1923 wird er in London verhaftet. Doch dann verliert sich seine Spur.

Im strahlend-farbigen Mexiko

Wie Maruts Biographie macht auch die Graphic Novel hier einen Schnitt. Der erste Teil, der relativ gesicherte Daten über Marut darstellt, ist farblich zurückhaltend, teils sogar einfarbig. Durchbrochen wird dies allerdings immer wieder durch ganzseitige, wunderbare, farbige Collagen, die geschickt Motive aus den Büchern Travens mit Lebensstationen Maruts und Traumsequenzen verknüpfen. Sie sind ein Herzstück des Buches.

"B. Traven - Portrait eines Unbekannten" ist im Avant-Verlag erschienen, umfasst 144 Seiten im großen Hardcover und kostet 24,95 Euro (D).
"B. Traven - Portrait eines Unbekannten" ist im Avant-Verlag erschienen, umfasst 144 Seiten im großen Hardcover und kostet 24,95 Euro (D).(Foto: Avant-Verlag 2011)

Im zweiten Teil beschreibt Golo Maruts Ankunft in Mexiko. Vom grauen revolutionären Deutschland wechselt die Stimmung ins sonnige, strahlend-farbige Mittelamerika. Marut bezieht (als Traven Torsvan) eine kleine, abbruchreife Hütte, schlägt sich als Baumwollpflüger und mit anderen Gelegenheitsjobs durch, tritt auch hier für soziale Gerechtigkeit ein. Vor allem aber trifft er auf die ihm vollkommen neue Kultur der indianischen Ureinwohner. Sie bestimmt seine Träume, inspiriert ihn. Schließlich beginnt Marut zu schreiben, zunächst vor allem über sein Leben und die Arbeitsbedingungen des Proletariats. Seine Werke schickt er unter dem Namen B. Traven nach Deutschland, wo sie im "Vowärts" erscheinen, später bei der Büchergilde Gutenberg.

Und B. Traven hat Erfolg mit seinen Geschichten. Er bereist Mexiko und verarbeitet das in seinen Büchern. Am eindrücklichsten ist vielleicht eine Reise nach Chiapas, die ihn zu dem sechsteiligen Caoba-Zyklus inspiriert. Ab 1933 schließlich erscheinen seine Werke auch in den USA mit großem Erfolg. "Der Schatz der Sierra Madre" wird 1948 sogar verfilmt. Ein gewisser Hal Croves arbeitet an dem Film mit - angeblich als Vertreter Travens. Doch viele sind der Meinung, bei Croves handele es sich um Traven selbst. Reporter aus aller Welt versuchen, die wahre Identität Travens zu ergründen. Doch es gelingt ihnen nicht wirklich. Selbst dann nicht, als Hal Croves 1969 stirbt und seine Witwe einiges aus dessen Vergangenheit enthüllt.

Vier Namen, ein Mann

Ret Marut, Traven Torsvan, B. Traven, Hal Croves - alle diese Namen sollen zu einer Person gehören, so die gängigste Theorie. Golo hält sichdaran, vermeidet aber geschickt, dies als endgültige Wahrheit darzustellen. Er spielt mit den Namen, gibt ihnen ähnliche Gesichter, Schatten und Silhouetten, ohne sich wirklich festzulegen. Das ist überzeugend, selbst wenn die Geschichte dadurch ebenfalls im Wagen bleibt und einer wirklichen Auflösung entbehrt. Die größten Stärken des Buches aber sind Stil und Farbgebung Golos. Die Zeichnungen sind einfach und realistisch, witzig und anspielungsreich. Im Teil über die Weimarer Republik etwa sind Verweise auf George Grosz und berühmte Fotos aus dieser Zeit unübersehbar. Die Farbgebung ist wunderbar klar, aber je nach Handlung differenziert. Vor allem der mexikanische Teil gewinnt durch die klaren Farben an Stimmung, was die Handlung unterstreicht.

Golo legt eine großartige gezeichnete Biographie vor, die vor allem im zweiten Teil an Fahrt aufnimmt, weil er hier wegen fehlender Vorlagen stärker auf die eigene Phantasie zurückgreifen kann. "B. Traven" ist eine spannende Zeitreise auf der Spur eines der größten Geheimnisse der jüngeren Literaturgeschichte.

"B. Traven - Portrait eines Unbekannten" direkt im n-tv Shop bestellen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen