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Anhänger der Hamas verbrennen im Gazastreifen US-Flaggen.
Anhänger der Hamas verbrennen im Gazastreifen US-Flaggen.(Foto: AP)

Die USA und der Nahe Osten: Ziemlich beste Feinde

Von Markus Lippold

Es begann in Libyen: Die USA waren gerade erst gegründet, da führten sie Krieg gegen muslimische Piraten in Nordafrika. Es ist der erste Konflikt des Landes mit dem Nahen Osten, aber bei Weitem nicht der letzte. Die Motive sind damals und heute ähnlich: Einfluss und Öl. Die Mittel gleichen sich ebenfalls: Geld, Gewalt, Bündnisse und Intrigen.

"Die besten Feinde" ist im Avant-Verlag erschienen. Das Hardcover hat 120 Seiten und kostet 19,95 Euro (D).
"Die besten Feinde" ist im Avant-Verlag erschienen. Das Hardcover hat 120 Seiten und kostet 19,95 Euro (D).(Foto: Avant-Verlag 2012)
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In der gesamten islamischen Welt werden derzeit . Sie protestieren gegen einen billigen und schlecht gemachten Wer steckt hinter dem Hass-Film? . Daher richtet sich die Wut vor allem gegen die USA. Das Land scheint ohnehin der Lieblingsfeind im Nahen Osten zu sein, spätestens seit den Kriegen gegen Afghanistan und den Irak nach dem . Gleichzeitig verändert sich die Region radikal, seitdem im vergangenen Jahr . Nicht nur die USA sind besorgt, an Einfluss zu verlieren - es ist ein heikles Spiel um Macht und Einfluss.

Neu ist dieses Spiel nicht. Das Verhältnis der USA zum Nahen Osten war schon immer von Geld, Gewalt und Intrigen geprägt. Das zeigt auch die Graphic Novel "Die besten Feinde", deren erster Band nun auf Deutsch im Avant-Verlag erschienen ist. Darin verfolgen der französische Historiker Jean-Pierre Filiu und Zeichner David B. das Verhältnis zwischen den USA und dem Nahen Osten in den Jahren 1783 bis 1953. Zuvor wählen sie jedoch einen ungewöhnlichen Einstieg: Auf wenigen Seiten umreißen sie das Gilgamesch-Epos, eine der ältesten Dichtungen der Menschheit, die einen großen Einfluss auf Philosophie und Religion im Nahen Osten hatte.

Um 1800 bekämpften sich US-Marine und muslimische Piraten im Mittelmeer.
Um 1800 bekämpften sich US-Marine und muslimische Piraten im Mittelmeer.(Foto: Avant-Verlag 2012)

Die beiden Autoren zeigen dabei nicht nur, dass der Beginn menschlicher Dichtung von Gewalt und Krieg handelt - sie gehen noch weiter: Gilgamesch und Enkidu, den beiden Hauptfiguren, werden Worte des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush und seines Verteidigungsministers Donald Rumsfeld zum Irak-Krieg in den Mund gelegt. Und das fällt kaum auf, denn vor mehr als viertausend Jahren wurde Krieg ebenso als notwendiges Mittel gerechtfertigt wie 2003, als die USA den Irak angriffen. Der Ort ist freilich derselbe - der Nahe Osten ist damals wie heute Schauplatz von Gewalt, Krieg und Demütigung.

Das ist auch schon kurz nach der Gründung der USA Ende des 18. Jahrhunderts so, als das Land in Konflikt mit den Barbareskenstaaten gerät, den von Piraten dominierten Territorien des Maghreb. Mehrere US-Handelsschiffe werden von den Seeräubern aufgebracht, die Besatzungen versklavt. Die USA versuchen, durch hohe Tributzahlungen die Übergriffe zu verhindern. 1797 kommt es zu einem Friedensvertrag mit der Regentschaft in Tripolis. (Dass sich die USA im Vertragstext als "in keiner Weise ein christlicher Staat" bezeichnen, ist übrigens eine interessante Randnotiz dieser Geschichte.)

Krieg gegen muslimische Piraten

Erdöl macht Saudi-Arabien zum wichtigen Bündnispartner der USA.
Erdöl macht Saudi-Arabien zum wichtigen Bündnispartner der USA.(Foto: Avant-Verlag 2012)

Doch die Tributforderungen der Piraten nehmen überhand, bis Pascha Yusuf Karamanli 1801 den USA schließlich den Krieg erklärt. Vier Jahre lang versuchen die US-Amerikaner mit mehreren Flotten, Tripolis einzunehmen - alle scheitern. Erst als sich ein Bruder des Paschas mit den US-Amerikanern verbündet, wendet sich das Blatt. Die USA können einen günstigen Friedensvertrag mit Tripolis aushandeln. Auch mit anderen Barbareskenstaaten erlangen sie einen Ausgleich. Die Nation hat sich - neben den europäischen Staaten - als ernsthafter Machtfaktor in der Region etabliert. Geholfen haben Geld und Gewalt - jene Mittel, auf die die US-Politik auch in den kommenden Jahrhunderten setzen wird.

Ist es ein Wink des Schicksals, dass die US-amerikanische Nahost-Politik ausgerechnet in Libyen beginnt, US-Botschafter getötet ? In jenem Land, USA entsenden Kriegsschiffe ? Wie gesagt: Die Nahost-Politik der USA beginnt dort (und war auch ein erster Test für die junge Armee des Landes), aber der Maghreb ist natürlich nicht genug. In zwei weiteren Kapiteln loten die Autoren Filiu und David B. das Verhältnis der inzwischen zur Großmacht gewordenen USA zu Saudi-Arabien und dem vorrevolutionären Iran aus.

Ein Bündnis mit den Strenggläubigen

Dabei kann es durchaus verwundern, dass ausgerechnet die strenggläubige Dynastie der Saud zum engen Verbündeten Washingtons wurde. Die Wurzeln dieses Bündnisses führt das Buch auf eine simple Formel zurück: Die USA brauchen das saudische Öl. Und sie haben einen guten Ruf in der Region, weil sie sich nicht an der britisch-französischen Gebietsaufteilung nach dem Ersten Weltkrieg beteiligt haben. So ist es nicht mehr weit bis zum amerikanisch-saudischen Bund, der 1945 geschlossen wird.

Im Iran stützen sich die USA auf Militär, Klerus und bezahlte Schläger-Trupps.
Im Iran stützen sich die USA auf Militär, Klerus und bezahlte Schläger-Trupps.(Foto: Avant-Verlag)

Mit Geld, Krieg und Bündnispolitik sind die USA zur Großmacht in Nahost aufgestiegen. Um diesen Status zu halten, ist ihnen jedes Mittel recht, wie das abschließende Kapitel zeigt, das die Hintergründe des Sturzes des iranischen Premiers Mossadegh beleuchtet. Wieder geht es um Öl: Mossadegh will Anfang der 1950er Jahre nicht nur den starken ausländischen Einfluss im Iran zurückdrängen, sondern auch die Ölindustrie verstaatlichen, die von britischen Konzernen beherrscht wird. Zudem befürchtet der Westen, dass Mossadegh den Iran zum sowjetischen Verbündeten machen könnte.

Um den Premier zu stürzen, planen Washington und London gemeinsam die Operation Ajax. Unterstützt werden sie von Teilen der Armee, von Anhängern des Schahs und von Ayatollah Kashani. Selbst ein gewisser Mullah Khomeini prangert die Regierung Mossadegh an. Von den USA gesteuerte, gewalttätige Massendemonstrationen gegen Mossadegh führen den Iran in den folgenden Monaten gezielt ins Chaos - bis die Putschisten die Oberhand gewinnen und Mossadegh verhaftet und verurteilt wird. Dieses Erfolgsrezept werden die USA später auch in Guatemala anwenden.

Überzeichnung, Symbole und Humor

Zu den Drahtziehern der Operation Ajax zählte übrigens auch US-General H. Norman Schwarzkopf, der nach dem Zweiten Weltkrieg Teile der iranischen Armee ausgebildet hatte. Sein gleichnamiger Sohn wurde auch General. Er war der Oberbefehlshaber der alliierten Truppen im Golfkrieg 1991 - es ging gegen den Irak.

"Die besten Feinde" zeigt gekonnt, wie die USA zu einem der entscheidenden Machtfaktoren in Nahost werden konnten. Wobei die Autoren der US-Außenpolitik offensichtlich sehr kritisch gegenüberstehen und stark auf Meinungsbildung setzen. Denn im Mittelpunkt stehen die machtpolitisch heiklen, ja zwielichtigen Aspekte: Gewalt, Krieg und Intrigen. Dem Leser bieten sie dabei zwar keine tiefgreifende Analyse - dazu ist der Platz einfach zu knapp. Interessant und unterhaltsam ist der Einblick in die komplizierten Sachverhalte der Nahost-Politik aber allemal. Wobei vor allem eher unbekannte Randaspekte, Hintergründe und Zusammenhänge dem Leser neue Perspektiven ermöglichen - sie sind die große Stärke des Buches.

Besonders überzeugen können zudem die ausdrucksstarken schwarz-weißen Zeichnungen von David B. Hintersinnig nutzen sie Überzeichnungen, Symbole wie Turban und Ölleitung sowie ungewöhnliche Perspektiven, um die Handlung zu unterstreichen. Dabei kommt aber auch der Humor nicht zu kurz. Filiu und David B. planen zwei weitere Bände in der Reihe, der zweite Teil von "Die besten Feinde" ist für kommendes Jahr geplant (auf Deutsch ebenfalls bei Avant).

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Eine Leseprobe aus dem Buch gibt es hier.

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Quelle: n-tv.de

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