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Abgestürzt und ohne die Möglichkeit der Rückkehr: Maksim strandet auf Saraksh.
Abgestürzt und ohne die Möglichkeit der Rückkehr: Maksim strandet auf Saraksh.(Foto: Capelight)
Montag, 30. Januar 2012

Russisches SciFi-Epos: "Dark Planet": Willkommen auf Saraksh

von Thomas Badtke

Um 2150 sind Kriege, Hunger und Terrorismus vergessen. Es ist die Blütezeit der Menschheit. Die freie Forschung in den Weiten des Alls ist Normalität. Maksim hat sich ihr verschrieben, bis er Schiffbruch auf einem unerforschten Planeten erleidet, deren Bewohner von einer grausamen Diktatur unterdrückt werden. Maksim sagt ihr den Kampf an - aus Liebe zu einer Einheimischen.

Maksim: So stellt sich Regisseur Bondarchuk den "neuen Menschen" vor.
Maksim: So stellt sich Regisseur Bondarchuk den "neuen Menschen" vor.(Foto: Capelight)

Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Nein, nicht ganz. Wir schreiben das Jahr 2157. Die Blütezeit der Menschheit. Geläutert durch die große Theorie der Erziehung haben die Menschen Kriege, Hunger und Terrorismus vergessen. Der medizinische Durchbruch hat die Menschen von Krankheiten erlöst und ermöglicht die Nutzung versteckter Ressourcen des menschlichen Körpers. Die Bewohner der Erde haben weit entfernte Planeten besiedelt und es sind neue Generationen herangewachsen, für die eine freie Forschung in den Weiten des Alls normal ist. Die jungen Erdenbewohner sind tapfer, stark - aber auch naiv. Sie sind der Meinung, alles zu können. Maksim Kammerer (Wassili Stepanow), blond gelockt und blauäugig in doppeltem Sinn, verkörpert all das perfekt. Statt an der Uni zu studieren, fliegt er lieber in seinem Raumgleiter durchs All, oder besser den Kosmos. Denn Maksim ist Russe, ein Bild von Juri Gagarin in seinem Raumschiff belegt das.

Als sein Gleiter in einen Meteoritenschauer gerät, wird er getroffen und stürzt ab. Kurz nach dem Aufprall explodiert das Schiff. Maksim überlebt unverletzt und steht plötzlich mutterseelenallein und ohne Aussicht auf eine Rückkehr zur Erde auf einem ihm vollkommen fremden Planeten. Ganz Forscher, macht er sich aber unverdrossen auf den Weg, den Planeten zu erkunden. Es dauert nicht lang, bis er dem ersten Lebewesen über den Weg läuft. Schnell noch eine sonderbare Kapsel ins Ohr geschoben, damit er das unwirsche Gebrabbel seines mit einer Art Gewehr bewaffneten Gegenübers versteht und schon wird er gefangen genommen. Er erfährt, dass er auf Saraksh gelandet ist, einem sternenlosen Planeten, dessen Bewohner denken, sie leben im Inneren einer Kugel.

Rada verdreht Maksim den Kopf.
Rada verdreht Maksim den Kopf.(Foto: Capelight)

Er lernt Guy (Pjotr Fjodorow), einen jungen Gardisten, kennen und auch dessen Schwester Rada (Julija Snigir). Er freundet sich mit Guy an und verliebt sich in die wunderschöne Rada. Aber Maksims Freundschaft und seine Liebe werden ihm zum Verhängnis. Der Staat, in dem die Geschwister leben, ist nach einem jahrelangen Atomkrieg politisch und gesellschaftlich instabil. Er wird durch ein System von Strahlen kontrolliert, die von Türmen und von Fahrzeugen aus gesendet werden. Dadurch werden die Gedanken der Menschen manipuliert und ihre Handlungen kontrolliert. Diejenigen, die weiterhin frei denken können, heißen Ausgeartete. Aber wenn die Strahlen mit voller Leistung gesendet werden - offiziell passiert das nur zwei Mal am Tag -, leiden die Ausgearteten unter fürchterlichen Schmerzen. Sie sterben nach und nach qualvoll an den Folgen.

Veränderungen sind nie gut

Die Machthaber nennen sich selbst die Unbekannten Väter. Sie sind zu fünft und alle Ausgeartete. Die Strahlung ist für sie ein Machtinstrument - aber auch Folter. Ausgeartete, die nicht der Machtelite angehören, gelten als Feinde. Sie werden gejagt, aufgespürt, verurteilt und vernichtet. Auf Saraksh heißt das "getilgt".  

Maksim in der Obhut der Garden: Wenig später kämpft er mit ihnen, dann gegen sie.
Maksim in der Obhut der Garden: Wenig später kämpft er mit ihnen, dann gegen sie.(Foto: Capelight)

Auf Maksim wirken die Strahlen nicht. Als "Kind der Erde" ist er immun dagegen. Er ist zudem ungewöhnlich stark und mental hoch entwickelt. Seine körperlichen Fähigkeiten, seine Reflexe sind atemberaubend. Seine Strahlenimmunität ist es aber in erster Linie, die zwei rivalisierende Machthaber der Unbekannten Väter auf Maksim aufmerksam werden lassen. Sie jagen ihn, wollen ihn für ihre jeweiligen Zwecke gewinnen: Hier der Wanderer. Er ist Leiter des Ministeriums für besondere Forschungen (wie sich am Ende des Films herausstellt, ist sein richtiger Name Rudolf). Dort der Kluge. Er ist der oberste Staatsanwalt des Landes.

Die Mutanten: Die einen sagen, es sind Tiere. Andere meinen, irgendwo sind sie auch Menschen. Genau weiß es keiner.
Die Mutanten: Die einen sagen, es sind Tiere. Andere meinen, irgendwo sind sie auch Menschen. Genau weiß es keiner.(Foto: Capelight)

Um zu überleben und seinen Freund und die Liebe seines Lebens zu retten, beginnt Maksim das Strahlensystem zu zerstören. Er sucht Verbündete für seinen Kampf, doch die Ausgearteten sind entweder zu schwach oder verfolgen eigene Interessen. Auch außerhalb des repressiven Staates der Unbekannten Väter, bei den Mutanten etwa, findet er keine Hilfe. Der Status quo soll beibehalten werden, stellt er enttäuscht fest. Alle fürchten die Veränderung, auch wenn sie eine Verbesserung der eigenen Lage bedeuten könnte. Maksim ist auf sich allein gestellt, nur sein treuer Freund Guy und zwei Ausgeartete stehen ihm zur Seite.

Als Rada vom Wanderer gefangen genommen wird, setzt Maksim alles auf eine Karte: Er will die Zentrale, von wo aus alle Strahlentürme gespeist werden, in die Luft sprengen. Der Wanderer ahnt Maksims Plan und es kommt zum Showdown - mit gleich mehreren bitterbösen Überraschungen und Wendungen und einem offenen Schluss.

Episch - im wahrsten Sinn des Wortes

Düster sieht es aus auf dem Planeten Saraksh.
Düster sieht es aus auf dem Planeten Saraksh.(Foto: Capelight)

Allein diese Kurzzusammenfassung der Handlung von "Dark Planet" macht deutlich, dass es sich bei der russischen Produktion um ein wirkliches Epos, ein monumentales Werk handelt. Die Kinofassung "Prisoners of Power" bringt es auf 120 Minuten. Sie basiert auf den beiden Originalteilen "Dark Planet: The Inhabited Island" und "Dark Planet: Rebellion". Die schaffen es dann auf knapp 230 Minuten Länge und sind bei Capelight in einer 3-Disc-Special-Edition erschienen, zu der auch ein Film über den Film gehört.

Zu empfehlen ist die etwas teurere 3-Disc-Special-Edition. Wenn aus 230 Minuten 120 gemacht werden, geht einiges verloren. Das merkt man der Kinofassung "Prisoners of Power" auch an. Die Schnitte sind teilweise sehr abrupt gesetzt und die Handlung wirkt dadurch zerrissen und sprunghaft. Die Story leidet darunter. Zudem kommt bei der ungekürzten Version, trotz der 230 Minuten Länge, keinerlei Langeweile auf. Die Geschichte wirkt zudem runder und satter.

Russen lassen's krachen

Die Zentrale: Wird sie zerstört, erhalten die Bewohner ihre geistige Freiheit zurück. So stellt es sich Maksim zumindest vor.
Die Zentrale: Wird sie zerstört, erhalten die Bewohner ihre geistige Freiheit zurück. So stellt es sich Maksim zumindest vor.(Foto: Capelight)

Der geneigte Hollywood-Kinogänger erkennt einige Filme in "Dark Planet" wieder: Da wäre die "Mad Max"-Saga (wenn es um die unwirtlichen Lebensbedingungen nach einem Atomkrieg geht), "Das 5. Element" (wenn es um die Stadt der Unbekannten Väter geht), "Star Wars" (wenn es um die technische Ausstattung und die Kamerafahrten geht), die "Matrix"-Trilogie (Slow-Motion-Kampfszenen Mann gegen Mann) und vor allem "Dune - Der Wüstenplanet". Die Story dieser SciFi-Perle von David Lynch aus den 1980ern findet sich gleich mehrfach in "Dark Planet" wieder: Hier kämpfen der Wanderer und der Kluge um die Vorherrschaft ("Dark Planet"), dort die Häuser der Harkonnen und der Atreides ("Dune"). In "Dune" (Paul Atreides) und in "Dark Planet" (Maksim) ist jeweils ein Mann auserkoren, das Schicksal eines Planeten zu retten. Die kühle Atmosphäre ist auch beiden Filmen eigen, ebenso der Showdown Mann gegen Mann am Ende. Beides sind zudem völlig abgedrehte, surreale Visionen einer nahenden Zukunft und beide basieren auf literarischen Vorlagen ("Dune"-Reine von Frank Herbert; "Prisoners of Power" von Boris und Arkadi Strugatski).

Die beiden Strugatski-Brüder gehören zu den bekanntesten und erfolgreichsten SciFi-Autoren Russlands. Ihr ins Englische übersetztes Werk "Roadside Picnic" wurde von Andrej Tarkowski als "Stalker" verfilmt. Tarkowski (1932-1986) gilt heute als einer der wichtigsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts und erschuf etwa "Solaris", in dessen späterer US-Adaption Oscar-Gewinner George Clooney die Hauptrolle spielte.

"Dark Planet" gibt es unter dem Titel "Prisoners of Power" als 120-minütige Kinofassung und als hier abgebildete 3-Disc-Special-Edition.
"Dark Planet" gibt es unter dem Titel "Prisoners of Power" als 120-minütige Kinofassung und als hier abgebildete 3-Disc-Special-Edition.(Foto: Capelight)

Die Romanvorlage "Prisoners of Power" entstand Ende der 1960er Jahre. Laut Capelight kostete die filmische Umsetzung knapp 40 Jahre später rund 38 Millionen Dollar. Für einen russischen Film eine enorme Summe. Aufgebracht wurde sie teilweise vom russischen Kultusministerium. Auch die Bank von Moskau mischte mit, wie im Abspann zu lesen ist. Das Mitwirken von Staat und Finanzsystem ist wohl auch dem Namen des Regisseurs zu verdanken: Fjodor Bondartschuk. Er zeichnet beispielsweise für den Film "Die 9. Kompanie" verantwortlich, einen mit viel Pathos inszenierten Kriegsfilm über den Afghanistan-Feldzug der Sowjetunion - und der erfolgreichste Film des Jahres 2005 in Russland.

Am Ende bleibt festzuhalten: "Dark Planet" ist ein Epos im besten Sinn des umgangssprachlichen Wortes. Episch bedeutet so viel wie besonders, heldenhaft, sagenhaft, außerordentlich oder außergewöhnlich. Legt man Bertolt Brechts Definition eines epischen Theaters zugrunde, wird das noch deutlicher: Das Stück soll den Zuschauer "zum Nachdenken über gesellschaftliche Verhältnisse, ihre Veränderbarkeit und die Notwendigkeit ihrer Veränderung anregen. Der Schluss bleibt offen. Die aufgeworfenen Fragen müssen vom Zuschauer selbst beantwortet werden" (Brockhaus).

Und genau das alles zeichnet "Dark Planet" aus, verleiht ihm das Prädikat "episch" - denn am Ende gelingt es Maksim zwar, das von den Unbekannten Vätern und deren Gedankenstrahlen beherrschte Volk und seine Geliebte Rada zu befreien. Sein Traum, dass es danach allen nur besser gehen kann, stellt sich aber als zu naiv heraus. Als Trugschluss. Und er kommt ins Grübeln, ob das, was er getan hat, wirklich das Richtige gewesen ist. Denn statt Friede, Freude, Eierkuchen droht nun nicht nur der ökonomische Zerfall und ein Bürgerkrieg. Es stellt sich auch heraus, dass der Feind von außen die chaotische Lage im Innern des in seiner Auflösung befindlichen Staates für eine Invasion nutzen will.

Und genau dieses Ende unterscheidet das russische SciFi-Epos "Dark Planet" von seinen Hollywood-Brüdern: Statt einer "Alles ist gut"-Hochzeitskuss-Szene von Maksim und Rada wartet vielmehr die politisch vieldeutige Frage: Darf sich jemand von außen in ein ihm völlig unbekanntes politisches System einmischen, es stürzen, nur weil er denkt, dass es seinen eigenen, subjektiv für besser befundenen Werten entgegensteht? Neben diesem Denkanstoß bietet "Dark Planet" aber vor allem eines: fantastische SciFi-Unterhaltung.

 

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Der Trailer zum Film

Quelle: n-tv.de

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