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Tessa, ganz taffe Werbeagentur-Frau, hat Stress mit ihrem Chef - sie ist hin- und hergerissen zwischen Job und Familie.
Tessa, ganz taffe Werbeagentur-Frau, hat Stress mit ihrem Chef - sie ist hin- und hergerissen zwischen Job und Familie.(Foto: wildbunch)

Wenn die Tochter entführt wird: "Ein Atem" - zwei Frauen, ein Kind

Von Andrea Beu

Tessa und Jan sind die typischen Lohas-Deutschen, gut situiert, gesundheits- und umweltbewusst. Ihre Tochter bekommt nur Bio und fast nichts Süßes. Die griechische Nanny sieht alles etwas entspannter. Plötzlich verschwindet das Kind - und sie gleich mit.

Nur eine Süßigkeit am Tag für das Kind und Essen nur aus dem Bioladen gegen mediterrane Gelassenheit - bei der deutschen Familie und ihrem griechischen Kindermädchen prallen Welten aufeinander. Aber Elena (Chara Mata Giannatou) braucht den Job - sie hat extra dafür ihre Heimat verlassen, weil es dort keine Arbeit, keine Zukunft für sie gab. Und die geplante Stelle als Barfrau platzte, als beim Gesundheitsamt herauskam, dass Elena schwanger ist.

Tessa ist nicht ganz zufrieden mit Elenas Betreuung von Lotte.
Tessa ist nicht ganz zufrieden mit Elenas Betreuung von Lotte.(Foto: wildbunch)

Also erschwindelt sie sich mit ihrer angeblichen Erfahrung in der Kinderbetreuung den Platz bei Tessa (Jördis Triebel), Jan (Benjamin Sadler) und deren kleiner Tochter Lotte. Sie brauchen umgekehrt Elena ganz dringend - ihr Kindermädchen hat sie sitzenlassen, beide sind berufstätig, eine Nanny muss schnell her. So sind alle voneinander abhängig und schlucken darum manchen Ärger runter.

Wobei die Machtverhältnisse natürlich klar sind - wer zahlt, hat das Sagen. Aber bei dem folgenden Horrorszenario sind Tessa und Jan machtlos - als sie abends nach Hause kommen, sind Kind und Kindermädchen weg. Und bleiben es auch. Elena geht nicht ans Handy. Für Tessa ist klar: Sie hat ihre Tochter nach Griechenland entführt.

Verzweifelte Suche im fremden Land

Verzweifelt sucht Tessa in Athen nach ihrer Tochter; als Übersetzer und Vermittler hat sie Tiberios Laskari angeheuert.
Verzweifelt sucht Tessa in Athen nach ihrer Tochter; als Übersetzer und Vermittler hat sie Tiberios Laskari angeheuert.(Foto: wildbunch)

Unter Protest ihres Mannes, ihrer Schwiegermutter und der Polizei fliegt sie kurzerhand nach Athen - sie beschließt, die Suche nach ihrer kleinen Tochter selbst in die Hand zu nehmen, da ja offenbar auf die Polizei kein Verlass ist. Auf die deutsche nicht, auf die griechische auch nicht, die suchen ja nicht mal richtig ... Also macht sie das auf eigene Faust, völlig verzweifelt, aber wild entschlossen.

Sie heuert einen Übersetzer an, Tiberios Laskari (Akilas Karazisis), der sie auf Ämter begleitet und mit ihr das Suchplakat verfasst, das sie überall in der Stadt aufhängt. 20.000 Euro werden darauf versprochen für Hinweise, die zu Lotte und Tessa führen. Das wird voller fieser Gewalt missbraucht, Tessa ist völlig am Ende, findet dann aber immerhin Elena. Aber wo ist Lotte? Das Kind ist nicht bei ihr.

Gutes und ungutes Ende

Familienvater Jan versucht Ruhe zu bewahren
Familienvater Jan versucht Ruhe zu bewahren(Foto: wildbunch)

Am Ende wird ein Kind verloren, ein anderes gefunden, es kommt zu sehr emotionalen Begegnungen, hochdramatischen Situationen und einem zugleich glücklichen und unglücklichen Ende. Ganz großartig verkörpert Jördis Triebel die zwischen Arbeit, Familie und ihrer Mutterrolle zerrissene Tessa - sie läuft fast die ganze Zeit über wie eine geladene Knarre durch die Szenerie. Verzweifelte, liebende Mutter, taffe Werbeagentur-Frau, kämpfend an allen Fronten und dabei oft gnadenlos, rücksichtslos und hart erscheinend: Sie ist glaubwürdig in allen Facetten der Rolle. Eine attraktive Frau in edler Kleidung, der man die Härte des Lebens dennoch ansieht, keine gelackte, glatte Tussi.

Auch Benjamin Sadler, der wegen seines blendenden Aussehens gern als "der deutsche George Clooney" bezeichnet wird, kann viel mehr als nur attraktiv sein. Sein Jan versucht in all dem Chaos die Ruhe zu bewahren, zwischen Tessa und Elena zu vermitteln, die Ehe zu retten. Gut, seine Bemerkung, Tessa hätte doch noch nicht wieder arbeiten gehen müssen, er verdiene doch genug, goss eher Öl ins Feuer, als dass es hilfreich war, und auch seine Aktion, überraschend ein Hotelzimmer zu buchen, um mal wieder ungestört und überhaupt Sex zu haben, ging eher nach hinten los. Aber genau das ist es, was den Film "Ein Atem" unter anderem auszeichnet: Jeder zeigt menschliche Schwächen, niemand ist nur gut oder mies, Klischees werden weitgehend vermieden. (Nur der griechische Dolmetscher Tiberios ist ein guter Mensch durch und durch, hilfreich, geduldig und selbstlos.)

Regisseur Christian Zübert ("Lammbock", "Dreiviertelmond", "Hin und weg") schafft es, verschiedene Konfliktebenen bruchlos miteinander zu verknüpfen: das Nord-Süd-Gefälle, Arm und Reich in Europa im Fall von Griechenland und Deutschland, Paarkonflikte, (Un-)Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor allem für Frauen, Kindererziehung, Sex in der Ehe ... und das alles mit einer Intensität, Spannung und Lebensnähe, dass man im Kinosessel das eine oder andere Mal schwer schlucken muss. Verbindendes Element im Film ist der titelgebende Atem - beim Sex, bei großem seelischen Leid, bei körperlichem Schmerz. Und beim erleichterten Aufatmen, wenn das Schlimmste überstanden ist.

"Ein Atem" läuft seit dem 28. Januar 2016 in den deutschen Kinos.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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