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Mit Tricks, Witz, Überzeugung und Härte hat er erreicht, was er wollte: Abraham Lincoln.
Mit Tricks, Witz, Überzeugung und Härte hat er erreicht, was er wollte: Abraham Lincoln.(Foto: dpa)

Daniel Day-Lewis for President: "Lincoln" - Geschichte reloaded

Von Sabine Oelmann

Es ist wie bei "Titanic" - das Ende ist klar. Das Ende ist schon klar, oder? Er wird erschossen. Die Frau ist hysterisch, Politik wird mit Erpressung und Stimmenkauf gemacht, der Sohn rebelliert. Und trotzdem ist dieser Lincoln, verkörpert vom herausragenden Daniel Day-Lewis, die Reinheit in Person.

Das Ende einer grausamen Zeit steht bevor ...
Das Ende einer grausamen Zeit steht bevor ...(Foto: dpa)

Diese gebeugte Gestalt, dieser hinkende Gang. Und dann diese wachen Augen, in denen eine Art ewiges Licht zu lodern scheint. Daniel Day-Lewis in der Rolle des wahrscheinlich legendärsten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika - ein Fest, ihm dabei zuzuschauen. Gezeigt werden die letzten vier Monate im Leben des einflussreichsten Präsidenten der Vereinigten Staaten. In jenen wenigen Monaten vor seiner Ermordung am 15. April 1865 wird Lincoln in einem außerordentlichen Kraftakt und mit ungewöhnlichen Mitteln die entscheidenden Weichen für das Schicksal kommender Generationen stellen. Er ist es, der die Sklaverei abgeschafft hat, ihm ist es zu verdanken, dass eine Zeit, die mit als die schrecklichste in den USA angesehen werden muss, nach 250-jähriger Knechtschaft endet.

Steven Spielberg ist tatsächlich ein Meisterwerk gelungen, das es schafft, Geschichte so zu transportieren, dass es junge Menschen interessieren wird, diesen Film zu sehen. Und wenn sie im Englisch-Leistungskurs von ihren Lehrern dazu genötigt werden sollten - manchmal muss man die Menschen eben zu ihrem Glück oder zu ihrem Wissen zwingen, so hat es ja bereits Abraham Lincoln aufgezeigt. 

Visionär, Taktierer, Storyteller, Vater: Daniel Day-Lewis als Abraham Lincoln.
Visionär, Taktierer, Storyteller, Vater: Daniel Day-Lewis als Abraham Lincoln.(Foto: dpa)

Das hervorragende Schauspieler-Ensemble macht es dem Zuschauer leicht, den wahren Begebenheiten zu folgen und nötigt der Leistung des 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten noch heute Respekt ab. Fast nebenbei wird Lincoln aber auch als Privatmensch gezeigt, mit dem es das Schicksal nicht unbedingt nur gut gemeint hat. Wir beobachten den meist etwas linkisch und schlaksig wirkenden, großen Mann dabei, wie er Hof hält, wie er Geschichten erzählt (über die er selbst nach mehreren Malen noch immer herzlich kichern kann), wie er ein Ohr hat für sein Volk, auch für seine Frau Mary - selbst wenn ihn diese von Zeit zu Zeit fast in den Wahnsinn treibt - und vor allem für seinen jüngsten Sohn, Thomas, der durch sein Büro toben darf, ihn umarmt und küsst und somit Bilder bietet, wie wir sie erst von John F. Kennedy kennen.

"Wenn Sklaverei nicht falsch ist, ist nichts falsch"

Dieser Lincoln ist ein Mann der Gegensätze: ein ehrgeiziger Typ, aber er geht deswegen nicht über Leichen. Er denkt nach und läuft auf und ab, er grübelt, und er lässt sich weder von Feind noch Freund von seinem Weg oder Ziel abbringen. Er hat klare Ziele, vor allem eines, sein größtes: die Sklaverei abzuschaffen. Für dieses Ziel nimmt er vieles in Kauf, auch, dass er die Stimmen einiger Südstaaten-Politiker kaufen muss, damit sie für ihn, das Ende des Krieges und die gleichzeitige Abschaffung der Sklaverei stimmen. Er verteilt Posten und Pöstchen, er taktiert und überredet. Er hat diese pazifistische Aura, auch wenn er sich mitten in einem Krieg befindet. Er wirkt großzügig und aufgeklärt, möchte seinem ältesten Sohn auf patriarchalischste Art jedoch verbieten, in den Krieg zu ziehen. Wer dieser Abraham Lincoln war, wird dem Zuschauer nach zweieinhalb Stunden sehr viel klarer sein - dank Daniel Day-Lewis. Fast ist der Film wie ein Theaterstück, es wird viel gesprochen, wir sind nah dran an den Gesichtern und schnelle Schnitte scheinen nicht zu existieren.

Ratgeberin, Freundin, Mutter, Bremse: Sally Field als Mary Lincoln.
Ratgeberin, Freundin, Mutter, Bremse: Sally Field als Mary Lincoln.(Foto: AP)

Wenn man Steven Spielbergs Film etwas ankreiden wollte, dann vielleicht, dass er insgesamt etwas zu düster wirkt. Aber es ist auch eine düstere Zeit, und nicht nur der Lincoln-Darsteller Day-Lewis macht das deutlich, sondern auch der Rest des Ensembles: Sally Field als Mary Todd Lincoln, Tochter aus gutem Hause, spielt die zuweilen hysterische Gattin, hat aber nachvollziehbare Gründe für diese Ausbrüche. Sie gibt sich vor der Linse des Kameramannes Janusz Kaminski unglaublich uneitel und sieht der echten Mrs. Lincoln fast erschreckend ähnlich.

Ein Highlight ist auch Tommy Lee Jones, und auch wenn er wieder nur sich selbst zu spielen scheint (den grummeligen, alten Sack mit Herz), so ist seine Rolle als einflussreicher Kongressabgeordneter und glühender Gegner der Sklaverei Thaddeus Stevens doch um einiges nuancierter als in seinen letzten Auftritten und sie birgt Überraschungen, die am Ende erfreuen. Joseph Gordon-Levitt als Lincolns Sohn Robert darf zeigen, wie es ist, der Sohn eines Mannes zu sein, in dessen mächtigem Schatten er aufwachsen musste - und wie schwer es schon immer war, seinen eigenen Weg zu gehen.

A little less conversation, a little more action

Day-Lewis, der dafür bekannt ist, mit seinen Figuren fast zu verschmelzen, hat in einem Interview mit dem "Zeit-Magazin" sogar erklärt, dass er den Präsidenten liebe. Was genau? "Seine Menschlichkeit. Sie beinhaltet alles, was das Menschengeschlecht in sich trägt. Die Paradoxien und Konflikte, die Liebenswürdigkeiten und Grausamkeiten. Sein Einfühlungsvermögen im positivsten Sinne. Und als Ergebnis davon die Tiefe seines Mitgefühls für andere schwache menschliche Wesen, weil er erkannte, dass er selbst eines war."

Der irische Schauspieler macht deutlich, was einen Politiker ausmachen kann, heute noch Menschen in seinen Bann zieht und erklärt, warum Präsidenten mit Fehlern, wie zum Beispiel John F. Kennedy und Bill Clinton, trotzdem so eine Anziehungskraft auf andere ausüben: Es ist das Charisma. Von dem könnten sich so einige etwas abschneiden. Deshalb lohnt sich der Film nicht nur für Schüler, sondern auch für Politiker oder USA-Kritiker.

Der Film, der zum Teil auf Doris Kearns Goodwins Lincoln-Biografie "Team of Rivals: The Political Genius of Abraham Lincoln" basiert und zu dem Pulitzer-Preisträger Tony Kushner das Drehbuch verfasste, ist übrigens äußerst textlastig! Wer Filme gerne im Original sieht, sollte sich darüber besser im Klaren sein.

Letztes Endes setzt sich aber: "A little less conversation, a litte more action", wie Elvis ungefähr 100 Jahre später sang, auch hier durch - manche Tugenden kommen nie aus der Mode: Dem vielen Reden, Taktieren und Bestechen folgt eine Tat, die eine neue Zeit einleitet. Das Ende der Sklaverei ist die Wiedergeburt eines Landes,  das zwar auch noch 150 Jahre später seine Probleme hat, mit einem farbigen Präsidenten jedoch endlich das erntet, was sein Vorgänger gesät hat.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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