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Da verstehen sich aber ein paar Leute quasi blind, möchte man meinen.
Da verstehen sich aber ein paar Leute quasi blind, möchte man meinen.(Foto: dpa)

Wer spricht gern über Sex am Tisch?: Wieder kein Liebesfilm von Tarantino

Von Sabine Oelmann

Für viele ist der 28. Januar ein Feiertag: "The Hateful Eight" von Quentin Tarantino läuft in den Kinos an und kaum einer wird sich von viel Kunstblut und Überlänge davon abhalten lassen, zu sehen, wie acht Irre aufeinander losgehen. n-tv.de traf den Meister zum Gespräch.

Wir wissen einiges über Quentin Tarantino. Aber eine Begegnung mit dem Mann, über den alle Schauspieler wie die Backfische schwärmen, macht unmissverständlich klar: Wir können auf keinen Fall einschätzen, wie groß das Universum eines Quentin Tarantino tatsächlich ist. Man mag sich darüber streiten, ob der neue Film "The Hateful Eight" nun sein bester ist, das ist vollkommen nebensächlich. Wichtig ist, dass Schauspieler wie Kurt Russell oder Jennifer Jason Leigh der Meinung sind, ein Dreh mit Quentin sei so ziemlich das Beste, was einem als Schauspieler passieren könne. Man spricht nach einem Dreh mit Tarantino auch davon, dass man die "Tarantino-University" absolviert habe.

Kann man einen Mann wie Tarantino eigentlich noch in Verlegenheit bringen? Ja, indem man ihm Komplimente macht. Fragt man: "Mister Tarantino, wie schaffen Sie das eigentlich, ständig vor guten Ideen in Ihren Drehbüchern nur so überzusprudeln?" - dann stottert er richtig ein bisschen und wirkt ehrlich erfreut, bedankt sich mehrfach, als hätte er lange nicht mehr etwas sooo Nettes gehört. Man versteht dann, warum die Leute mit diesem eigenartigen Typen zusammenarbeiten, zusammensein wollen: Er hat etwas Kindliches, Junges, Herzliches. Und trotzdem kommen diese blutrünstigen Filme dabei raus - herrlich schizophren!

Die nehmen sich alle nichts ...
Die nehmen sich alle nichts ...

Wir wissen inzwischen auch, dass Quentin Tarantinos Lieblingsregisseur Howard Hawks ist. Der inszenierte den Western "Rio Bravo", einen von Tarantinos absoluten Lieblingsfilmen. Nach dem Interview wissen wir nun aber ebenfalls, dass Tarantino sich ab und an tatsächlich deutsche Filme anguckt, vor allem, wenn deren Darsteller in seinen Filmen mitspielen. Über Christoph Walz brauchen wir nicht zu reden, aber Tarantino hat tatsächlich schon den einen oder anderen Til-Schweiger-Film gesehen, etwa "Knockin' On Heaven's Door". Schweiger spielte in "Inglourious Basterds" mit.

Wir wissen, dass Quentin Tarantino schon früh die Bekanntschaft mit der Filmindustrie machte. So wurde er bereits im zarten Alter von 16 Jahren Platzanweiser im Pussycat Theater in Torrance, Kalifornien - ein Kino, das Pornos zeigte. Der heute 53-Jährige soll damals bezüglich seines wahren Alters gelogen haben, um den Job zu bekommen. Nun wissen wir aber auch, dass er in einer Folge von "Golden Girls" einen Elvis-Imitator spielte. Und das ist auch schon fast 30 Jahre her.

"It's not about dick ..."

Außerdem: In einem Videoarchiv in Manhattan Beach, Kalifornien, arbeitete Quentin Tarantino von 1985 bis 1990 und wurde im Ort schnell bekannt für sein großes Filmwissen, vor allem im Bereich Weltkino. In den fünf Jahren, die er dort arbeitete, entwickelte Tarantino unter anderem die Drehbücher zu den Kultfilmen "Reservoir Dogs", "True Romance" und "Natural Born Killers". Apropos "Reservoir Dogs" - die Eingangsszene in "Reservoir Dogs" ist ja legendär: In einem Restaurant sitzen ein paar Männer und unterhalten sich ausufernd über den Song "Like A Virgin" von Madonna. Nachdem die Sängerin den Film gesehen hatte, ließ sie Tarantino eine ganz besondere Nachricht zukommen. Sie schickte dem Regisseur ihr Album "Erotica" und schrieb als Botschaft: "To Quentin. It's not about dick, it's about love."

Apropos Love: Was ist mit Sexszenen, Liebesgeschichten, wie sieht es damit aus? Immerhin will er nur noch zwei Filme drehen - was sich eigentlich niemand so richtig ausmalen möchte, vor allem die Schauspieler nicht. "Ja, mit Sexszenen habe ich es tatsächlich nicht so," räumt er ein. "Ich bin Sex nicht abgeneigt (lacht), ich seh' mir das auch gern an, in anderen Filmen, aber die Vorstellung, dass ich mit meinen Schauspielern jetzt haarklein eine Sexszene durchgehen müsste - ich weiß nicht." Dabei sind die Schauspieler gern nah beisammen in "The Hateful Eight": Jennifer Jason Leigh ist fast die ganze Zeit an Kurt Russell gekettet, wie war das? "Es war herrlich. Es gibt niemanden, an den ich lieber gekettet gewesen wäre", sagt sie und lächelt fast träumerisch.

Wie Goldie gerne küsst

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Kurt Russell und Jennifer Jason Leigh machen unmissverständlich klar, dass es ein absolutes Highlight in ihrer Karriere darstellt, mit Tarantino gedreht zu haben. "Und zwar auf dem Höhepunkt seiner Karriere", wie Russell hinzufügt. "Wir haben diesen Film nicht gemacht, um einen Regisseur oder Schauspieler wiederzubeleben, wir haben diesen Film zu der besten Zeit gedreht, die dieser Regisseur hat." Russell wird richtig schwärmerisch und guckt in die Ferne, kriegt sich aber wieder ein: "Dass ich die ganze Zeit diesen Bart hatte, war allerdings eine Zumutung! Goldie hasst Bärte!" Wir wollen lieber nicht darauf eingehen, wie lange Mrs. Hawn ihn nun nicht geküsst hat, aber finden auch: Ohne Bart sieht der Mittsechziger ziemlich umwerfend aus! 

Sollte nach zwei weiteren Filmen wirklich Schluss sein mit Tarantinos Karriere als Regisseur, dann kann man aber immer noch "Captain Peachfuzz and the Anchovy Bandit" aus dem Ärmel beziehungsweise dem Archiv ziehen. Denn so lautet der Titel von Tarantinos erstem, noch nicht verfilmten Drehbuch. Übersetzt bedeutet er in etwa so viel wie "Kapitän Pfirsichflaum und der Sardellenbandit". Geschrieben wurde es bereits 1985, als Tarantino gerade mal 22 Jahre jung war. Verfilmt wurde es bis heute allerdings nicht.

Und wundern Sie sich nicht, Sie werden keine It-Produkte in einem Tarantino-Streifen sehen. Er hasst Product Placement! Deshalb gibt es in seinen Filmen keins - bis auf zwei Ausnahmen. Immer wieder rauchen die Charaktere in seinen Werken Zigaretten der Marke Red Apple und essen Müsli von Fruit Brute. Jedoch wird man in US-amerikanischen Kiosken vergebens nach Red-Apple-Fluppen suchen, da sie ein Hirngespinst Tarantinos sind. Und auch die ehemals real existierenden Fruit Brutes sind nicht mehr erhältlich.

Beeilung Leute, die Plätze werden knapp!

In der US-Talkshow "The Tonight Show with Jay Leno" erklärte Quentin Tarantino übrigens den 007-Film "Liebesgrüße aus Moskau" zu seinem Lieblings-Bond-Film. Außerdem gab er einmal bekannt, an irgendeinem Punkt in seiner Karriere einen Bond-Film inszenieren zu wollen. Da dürften einige Darsteller Schlange stehen, denn nach der Ankündigung Tarantinos, nur noch zwei Filme machen zu wollen, werden die begehrten Plätze ja knapp.

Tarantino ist ein Kumpeltyp, so viel steht fest: Für "Sin City" drehte er eine Szene als Gastregisseur, übrigens für einen Arbeitslohn von nur einem US-Dollar. Der Grund: "Sin City" wurde von seinem Kumpel Robert Rodriguez gedreht, der zuvor - ebenfalls für einen Dollar - den Soundtrack zu Tarantinos erstem "Kill Bill"-Film beigesteuert hatte. Und der Soundtrack bei Tarantinos Film Nummer acht? Der kommt von keinem Geringeren als Ennio Morricone.

Über die Handlung von "The Hateful Eight" haben Sie bereits mehr als genug gehört, nur zwei Dinge noch: In dem Film gibt es keinen wirklichen Helden, niemanden, mit dem man sich wirklich solidarisieren wollte. "Das liegt daran, dass ich eine Geschichte erzählen wollte, aus der jeder Zuschauer rausgehen und sagen kann: ich habe einen ganz anderen Film gesehen als du." Typisch Tarantino? Ja, und auch diese Tatsache: "Ich habe das Drehbuch für den Film in einer Zeit geschrieben, in der ich wirklich deprimiert war." Nein, er möchte nicht sagen, warum er so deprimiert war, nur, dass er es war. Das ist auch okay, denn seinen ganzen Frust hat er an den Figuren abgelassen. Vielleicht kann man ja direkt im Film erkennen, welche Art Frust er hatte? Und wie hoch der Frustrationsgrad war? Probieren Sie es aus.

Angesprochen auf das viele Blut, das in seinen Filmen fließt, sagt er jedenfalls lachend: "Hey, ich kann Blut sehen! Das heißt allerdings nicht, dass ich jetzt gerne bei einer Operation zugucken würde. Ich könnte, aber ich will nicht." Und Jason Leigh, die erfrischend echt aussieht im Interview, die erfrischend witzig ist im Film, die erfrischend alt ist, nämlich 53, erzählt, wie dankbar sie Tarantino für diese Rolle der Daisy Domergue ist: "Ich bin keine Feministin, wahrlich nicht, ich denke nicht gerne in solchen Klischees. Aber so eine Rolle zu spielen wie diese, ist so unglaublich großartig! Ich werde Quentin ewig dankbar dafür sein."

Sabine Oelmann traf Quentin Tarantino, Jennifer Jason Leigh und Kurt Russel im Berliner Hotel Ritz Carlton zum Gespräch

"The Hateful Eight" läuft ab sofort in den deutschen Kinos

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Quelle: n-tv.de

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