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Lehrt uns auch mit fast 70 noch das Fürchten: Alice Cooper.
Lehrt uns auch mit fast 70 noch das Fürchten: Alice Cooper.(Foto: Rob Fenn / earMusic)
Freitag, 28. Juli 2017

"Nichts schockt so wie CNN": Alles ganz paranormal mit Alice Cooper

Der Vater des Schock-Rocks meldet sich zurück - mit seinem neuen Album "Paranormal". Mit n-tv.de spricht Alice Cooper über gespenstische Erlebnisse, das wahre Grauen im Leben und den Tod so vieler Musikkollegen in jüngster Zeit.

n-tv.de: Ich frage mich, ob Sie heute schon zum Golfspielen gekommen sind …

Alice Cooper: Nein, wenn ich auf Interview-Tour bin, spiele ich nie. Aber es ist okay, für ein paar Tage damit zu pausieren - ansonsten spiele ich ja an sechs Tagen in der Woche, egal, ob ich zu Hause oder auf Tournee bin. Und wenn ich mal wie jetzt eine Pause einlege, weiß ich es wieder richtig zu schätzen, wenn ich auf den Golfplatz zurückkehre.

Was ist Ihr aktuelles Handicap?

Vier.

Ich habe leider keine Ahnung vom Golf. Aber das ist gut, oder?

Ja, ziemlich gut.

Ich kann mir vorstellen, dass Golf ein Sport ist, bei dem man gut runterkommt und entspannt …

Es ist der am meisten süchtig machende Sport überhaupt. Ich nenne ihn das Heroin des Sports. Wenn man den Ball perfekt trifft, sieht man ihn im Flug verschwinden. Das ist so ein großartiges Gefühl … Das will man immer wieder haben.

Trotzdem hat Golfen ja etwas sehr Bodenständiges - das anscheinend komplette Gegenteil von "Paranormal", wie Ihr neues Album betitelt ist …

In meinem Fall ist es in gewisser Weise schon sehr paranormal. Wenn mich Leute auf einem Golfplatz sehen, fragen sie sich: "Hey, ist das der Typ, der jede Nacht auf der Bühne getötet wird? Ist das der berüchtigste Bösewicht der Rockmusik? Was, der hat ein Handicap von vier?! Das ergibt doch keinen Sinn!" Das ist schon ziemlich paranormal. (lacht)

Daran haben Sie aber sicher nicht bei der Wahl des Albumtitels gedacht. Worauf bezieht sich "Paranormal" in dem Fall?

Jedenfalls nicht auf irgendetwas Okkultes. Es geht nicht um Geister, Ufos oder andere Dinge, die man als paranormal bezeichnet. Mir ging es um das Paranormale in den Menschen. Ich habe mich gefragt: Was ist eigentlich normal? Jeder hat seinen ganz eigenen Charakter und seine Spleens, die ihn interessant machen. Jeder macht doch irgendetwas, was für andere vielleicht seltsam anmutet. Ganz ehrlich, mir fällt keine einzige Person ein, die "normal" ist.

Auch wenn es Ihnen bei dem Titel nicht darum ging - glauben Sie an paranormale Phänomene?

Ja, Alice Cooper spielt gern Golf.
Ja, Alice Cooper spielt gern Golf.(Foto: imago stock&people)

Ja, weil ich solche Sachen auch schon erfahren habe. Ich glaube, jeder erlebt in seinem Leben ein paar Dinge, die er nicht erklären kann. Mir ist das mal passiert, als ich zusammen mit Joe Perry (Gitarrist von Aerosmith und neben Johnny Depp Bandkollege in Coopers Seitenprojekt Hollywood Vampires, Anm. d. Red.) in einem großen, alten, dunklen Haus in New York City, das meinem Manager gehörte, ein paar Songs geschrieben habe. Wenn du einen Horrorfilm drehen würdest, würdest du das genau dort machen.

Was ist passiert?

Ich bin in das Haus, habe meinen Koffer abgestellt und bin ins Badezimmer. Als ich zurückkam, war der Koffer offen. Ich dachte mir: "Ich kann mich nicht erinnern, ihn geöffnet zu haben. Aber okay, vielleicht habe ich es doch getan." Dann bin ich zurück ins Bad - und das Wasser lief. Ich konnte mich aber auch nicht erinnern, es aufgedreht zu haben. Das ging den ganzen Tag so. Und Joe Perry machte genau die gleiche Erfahrung. Er sagte: "Ich habe meine Gitarrensaiten hier abgelegt, gehe ins andere Zimmer und auf einmal liegen sie dort."

Das klingt gruselig …

Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Wir saßen schließlich beim Abendessen. Unter uns war der Keller und es hörte sich an, als ob dort Menschen Möbel verrücken würden. Nicht leise, sondern laut. So laut, als wären da 20 Personen am Werk. Wir guckten uns beide ungläubig an und versuchten, so zu tun, als wäre nichts. Aber irgendwann sagte ich: "Ich hau' ab." Und Joe sagte: "Ich auch." Es ist nicht wie im Film, dass man sagt: "Ich schau' mal in den Keller, was da los ist." Ich gehe doch nicht in diesen Keller!

Was hat Ihr Manager dazu gesagt?

Er meinte: "Ja, das Haus ist verrückt. Da passieren ständig seltsame Dinge." Ich schaute ihn an und sagte: "Und das wolltest du mir wann genau sagen …?" (lacht)

Waren Sie damals nüchtern in dem Haus?

Ja, das ist das Verrückte: Joe und ich kamen beide gerade erst aus dem Entzug. Wir waren beide wirklich nüchtern. Ich wünschte, ich könnte es auf irgendetwas schieben.

Cooper gilt als Vater des Schock-Rocks.
Cooper gilt als Vater des Schock-Rocks.(Foto: Rob Fenn / earMusic)

"Paranormal" ist Ihr 27. Studioalbum. Was treibt Sie noch immer an, Musik zu machen?

Ich habe neulich einen Satz von Paul McCartney gelesen: "Ich habe meinen besten Song noch nicht geschrieben." Ich habe genau das gleiche Gefühl. Ein Künstler sollte immer so denken, denn wäre ich der Meinung, dass ich meine besten Zeiten schon hinter mir habe, bräuchte ich natürlich überhaupt kein Album mehr zu machen. So ist es aber nicht. Ich finde jetzt zum Beispiel mein neues Album großartig und liebe es. Und zugleich denke ich mir bereits: Aber das nächste wird noch besser.

Sie wurden berühmt als "Vater des Schock-Rocks". Können Künstler heute überhaupt noch schocken?

Nein, jedenfalls nicht so lange man nicht etwas vollkommen Irrsinniges macht - sich auf der Bühne den Arm abschneidet und ihn isst zum Beispiel. Das können Sie aber auch nur genau zweimal machen. Egal, ob es um Rob Zombie, Marilyn Manson oder Slipknot geht - wir alle sind nicht annähernd so schockierend wie das, was man bei CNN zu sehen bekommt. Ich habe gesehen, wie ein Mann vom IS wirklich geköpft wurde. Das schockt mich. Wie sieht dagegen meine Guillotine auf der Bühne aus?

Früher war das anders …

Ja, in den 70ern hat es Leute erschreckt, die Guillotine, Schlangen und den Namen Alice Cooper zu sehen. Heute ist es eine tolle Show - aber es schockt niemanden mehr. Marilyn Manson sagt das Gleiche. Oder nehmen Sie Lady Gaga. Als sie dieses Fleischkleid trug, taten alle sehr schockiert. Ich habe hingegen zu ihr gesagt: "In den 70ern hätten wir dich damit aufgespießt und gegrillt. Und dann hätten wir das Publikum aufgefordert, das Fleischkleid von dir runterzuknabbern." Sie antwortete: "Das ist eine gute Idee." (lacht) Sie ist echt gut. Sie ist eine Künstlerin, die genau weiß, was sie tut. Vor Lady Gaga ziehe ich wirklich meinen Hut.

Sie haben einige Bands oder Künstler, die definitiv von Ihnen beeinflusst wurden, schon erwähnt. Wussten Sie das eigentlich immer zu schätzen oder hat es Sie auch mal genervt, weil Sie das Gefühl hatten, kopiert zu werden?

Oh nein, das hat mich nie genervt! Nicht bei Kiss, nicht bei David Bowie und auch bei niemand anderem, der uns gefolgt ist. Ich hatte vielmehr das Gefühl, eine Bewegung anzuführen. Wir haben etwas losgetreten - und ich hatte sogar damit gerechnet. Nicht nur, weil wir das Eis gebrochen hatten, sondern weil wir es zudem geschafft haben, als extrem theatralische Band auch wirklich Platten zu verkaufen. Normalerweise werden Bands wie die unsere als tolle Show-Band gesehen - aber sie verkaufen keine Platten. Wir hatten 14 Alben in den Top 40. Die Platin-Alben kamen uns aus den Ohren - dank Bob Ezrin (langjähriger Produzent von Alice Cooper, Anm. d. Red.). Darauf konnten andere Bands aufbauen.

Bob Ezrin hat auch Ihr neues Album wieder produziert. Auf einem Song ist ZZ-Top-Gitarrist Billy Gibbons, auf einem anderen Deep-Purple-Bassist Roger Glover zu hören. Überraschend ist aber vor allem, dass Sie U2-Schlagzeuger Larry Mullen für das Album verpflichtet haben. Wie kam es dazu?

Für das Album "Paranormal" trommelte er auch seine Originalband noch einmal zusammen.
Für das Album "Paranormal" trommelte er auch seine Originalband noch einmal zusammen.(Foto: Rob Fenn / earMusic)

Bob und ich sind uns bei einer Sache immer einig: Wir machen ein von Gitarren geprägtes Hardrock-Album. Wenn man dann aber dem Album eine bestimmte Note verleihen will, muss man weiterdenken. Bob sagte: "Lass uns mal etwas komplett Neues ausprobieren - mit einem Schlagzeuger, der nicht nur Snare und Hi-Hat bearbeitet, sondern künstlerischer an die Sache herangeht." So kamen wir auf Larry. Als wir angefangen haben, die Songs zu spielen, bat er mich darum, die Texte zu sehen. Danach hat mich noch nie ein Schlagzeuger gefragt! Er guckte sich die Texte an und meinte: "Okay, ich weiß, wie ich das mache." Das war paranormal. Ich habe auf dem Album einen paranormalen Drummer. (lacht)

Eine noch größere Überraschung ist womöglich, dass Sie auch zwei Songs mit der originalen Alice-Cooper-Band eingespielt haben …

Die Original-Band spielt wie niemand anderes! Sie hat ihren ganz eigenen Sound, der sich nie ändern wird. Als sich die Band damals aufgelöst hat, gab es keinerlei böses Blut. Wir sind immer Freunde geblieben. Ich konnte sie ebenso jederzeit anrufen wie sie mich. Diesmal sagte ich zu ihnen: Ich hätte euch gern alle drei dabei. Lasst uns zusammen ein paar Songs schreiben, zusammen ins Studio gehen und sie zusammen live einspielen. Das Ergebnis ist exakt der Alice-Cooper-Sound von 1972/73.   

Sie haben gesagt, Sie denken jetzt bereits an das nächste Album. Sie denken also nicht über den Ruhestand nach?

Nein, kein bisschen! Ich schreibe bereits Songs für das nächste Album mit den Hollywood Vampires. Und danach wird es ein weiteres Album von Bob Ezrin und Alice Cooper geben. Ich werde nächstes Jahr 70. Aber ich schließe nicht aus, auch mit 80 noch auf der Bühne zu stehen. Ich fühle mich jetzt mit 70 wirklich gut. So gut, als wäre ich 40. Solange körperlich nicht irgendetwas schiefläuft, sehe ich keinen Grund, warum ich nicht auch noch mit 80 weitermachen sollte.

Sie haben einmal gesagt, Mick Jagger sei fünf Jahre älter als Sie und Sie würden ihn in Sachen Langlebigkeit auf der Bühne nicht gewinnen lassen ...

Das Album ist ab sofort erhältlich.
Das Album ist ab sofort erhältlich.(Foto: earMusic)

Ja, das habe ich mal rausgehauen und werde es seitdem nicht mehr los. (lacht) Es ist einfach so: Er war der Prototyp des Frontmanns. Und er ist es noch immer für jede Band, die jemals gegründet wird. Keiner von uns war je so gut wie Mick Jagger. Er war und ist noch immer der Beste. Schon als ich als kleiner Junge in die Rolle eines Frontmanns schlüpfte, sagte ich: "Er ist nur fünf Jahre älter als ich. Wenn er einmal aufhört, mache ich noch einmal mindestens fünf Jahre weiter - um wenigstens mit ihm gleichzuziehen." Das war damals mehr als Scherz gemeint. Aber mittlerweile habe ich das Gefühl, es wirklich durchziehen zu müssen. (lacht)

Sie waren mit den Rolling Stones ja selbst auch schon auf Tournee …

Ja, und das war toll, weil das einfach coole Typen sind. Nimm Keith Richards. Er würde mich nie Alice nennen. Er nennt mich Vinnie (Alice Coopers bürgerlicher Name ist Vincent Damon Furnier, Anm. d. Red.). Und er ist einfach Jack Sparrow (mit lallender Stimme): "Vinnie, wann hast du das letzte Mal etwas getrunken?" Ich antworte: "Vor 25 Jahren." Und er (wieder mit lallender Stimme): "Ah! Nächste Frage: Warum?" Und dann torkelt er davon - original wie Jack Sparrow.

Bilderserie

Wir mussten uns in den vergangenen zwei Jahren von sehr vielen Musikern verabschieden - von Lemmy von Motörhead über David Bowie bis Prince. Ist Ihnen ein Abschied besonders nahegegangen?

Mich hat nichts davon überrascht. Von David und Lemmy wusste ich, dass sie krank sind. Gut, von Prince wusste niemand irgendetwas. Er kapselte sich in seiner eigenen Welt ab. Sein Tod hat mich von daher schon etwas schockiert. Aber wirklich getroffen hat mich der Tod von Chris Cornell. Ich habe zwei Songs mit ihm gemacht. Und ich bin nie einem Menschen begegnet, der positiver und reflektierter gewesen wäre als er. Chris hatte eine tolle Stimme, eine tolle Einstellung, eine tolle Familie. Die Welt stand ihm offen, ich hätte gesagt, dass er einmal als einer der ganz Großen in die Geschichte des Rock'n'Roll eingehen wird … und er bringt sich selbst um?!

Glauben Sie nicht an Selbstmord?

Tatsächlich kam in mir der Gedanke auf: "Seid ihr sicher, dass er sich selbst getötet hat? Oder könnte es Mord gewesen sein?" Sehen Sie: Denken Sie an den positivsten Menschen, den Sie kennen. An den Menschen, dem Sie am wenigsten einen Selbstmord zutrauen würden. Das war Chris. Es macht mir Angst, dass ein so positiver Mensch sich selbst umbringt. Ich verstehe allerdings auch nichts von klinischer Depression. Ich habe nur eine Ahnung, wie es sein könnte - und es muss furchtbar sein. Wenn ein Typ wie Chris Cornell sich erhängt, muss es sich wie Folter angefühlt haben.

Sie haben es schon erwähnt: Sie werden nächstes Jahr 70. Wird das groß gefeiert?

Oh, meine Frau wird sicher eine irrwitzige Party schmeißen. Und meine Band wird auch durchdrehen und irgendeine verrückte Feier auf Maui organisieren. 70 - das ist ja schon ein Meilenstein.

Mit Alice Cooper sprach Volker Probst

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Quelle: n-tv.de

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