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Wäre er nicht Sänger, wäre er Bildhauer. Oder Orchideenzüchter. Oder Pathologe.
Wäre er nicht Sänger, wäre er Bildhauer. Oder Orchideenzüchter. Oder Pathologe.

A-ha-Sänger mit neuem Solo-Album: Auf Zeitreise in Oslo mit Morten Harket

Die Stimme von A-ha ist zurück! Morten Harket veröffentlicht sein neues Soloalbum "Brother" und geht Anfang Mai auf Tour, die ihn in vier deutsche Städte führen wird. Wir trafen den 54-jährigen Sänger, der immer noch gut aussieht und die hohen Töne trifft, bei einem Konzert für das norwegische Fernsehen in Oslo. Und im Publikum sahen ihm einige Menschen ganz schön ähnlich! n-tv.de hat sich an Familie Harket rangepirscht und Erstaunliches erfahren.

n-tv.de: Mr. Harket, gibt es bestimmte Plätze hier in Oslo, mit denen Sie besondere Erinnerungen verknüpfen?

Morten Harket: Es gibt wichtige Orte wie das Osloer Spektrum, wo A-ha ihre letzten Konzerte gespielt haben. Aber daran denke ich eigentlich nicht, wenn ich durch die Stadt fahre. Ich bin zu sehr in die Gedanken vertieft, die mir in dem jeweiligen Moment durch den Kopf gehen – und das sind nie wenige! Außerdem habe ich durch meinen Job eine Beziehung zu so vielen Städten. Ich bin aber immer neugierig auf das Leben und die Natur.

Ihr Hobby soll das Betrachten von Orchideen sein. Was genau mögen Sie so an ihnen – das Pink und das Weiß?

Das beschreibt die Orchidee in der Welt der Floristen! In der Wildnis aber gibt es eine unglaubliche Vielfalt, die gar nicht zum Ausstellen taugt, weil sie nicht so fabulös aussieht. Sie haben etwas Rätselhaftes, eine Aura. Sie gehören zu den höchst ausgebildeten Pflanzen in der Natur, bis zu 13 Chromosomen-Paare haben sie in ihrer genetischen Agenda. Ich fühle mich zu ihnen hingezogen.

So innig hört man einen Mann nur selten über eine Blume sprechen!

Vielseitig begabt, findet er: Morten Harket.
Vielseitig begabt, findet er: Morten Harket.

Schon als ich 13 oder 14 Jahre alt war, haben Orchideen meine Fantasie beflügelt. Es ist wohl eine generelle Neugier und Würdigung der Natur. Ich mache nicht mal Fotos von ihnen. Ich liebe es einfach, sie in ihrer Welt zu sehen.

Oslo ist bekannt für seinen schönen Skulpturenpark, den Vigeland Park. Haben Sie auch eine Affinität dazu?

Absolut. Ich glaube sogar, dass an mir ein echt guter Bildhauer verloren gegangen ist! Ich spüre, dass mir das gegeben ist – ich müsste es nur ausleben. Ich habe einmal eine Skulptur angefertigt, das ist noch gar nicht lange her. Das war 2008 oder so. Leider finde ich nicht die Zeit dazu, mich der Sache intensiver zu widmen. Aber ich bin überzeugt davon, dass ich in der Bildhauerei genauso viel Talent besitze wie in der Musik.

Vielleicht liegt es im norwegischen Wasser? Es gibt unglaubliche viele Skulpturen in dieser Stadt!

Es hat sogar gerade ein neuer Skulpturenpark in Ekeberg eröffnet, der ausschließlich Frauenfiguren verschiedener internationaler Künstler zeigt. Ich war noch nicht dort. Aber es gab viel Wirbel darum. Feministinnengruppen sprachen sich dagegen aus, weil sie fanden, dass es etwas Abwertendes hat, den weiblichen Körper in seinen verschiedenen Formen zu zeigen. Ich denke, das ist Bullshit! Die machen etwas zum Thema, das keins ist. Die sollten damit klarkommen, Frau zu sein. Wir sind Männer, ihr Frauen! Das sind nun mal zwei unterschiedliche Geschlechter, gewöhnt euch dran! Wir werden nie gleich sein - danken wir Gott dafür. Wir denken und fühlen oft anders. Trotzdem müssen wir die jeweils andere Seite vollkommen respektieren für das, was sie ist.

Wenn ich einen früheren Lehrer von Ihnen treffen würde, was würde der mir über den Schüler Morten erzählen?

Dass er die Schule stets langweilig fand! Es fiel mir schwer, mich auf das zu konzentrieren, was vor sich ging. Mein Kopf war meistens irgendwo anders.

Sie waren wohl eher der Tagträumer!

Das auch. Ich suchte mir selbst Dinge, die ich interessant fand. Ich habe meine Recherchen betrieben, wie die Dinge und die Mechanismen dahinter funktionieren. Die Schule lief da eher so nebenbei.

Konnten Sie Frauen beeindrucken mit dieser Einstellung?

Da müssen Sie die Frauen fragen.

Aber im Sportunterricht waren Sie doch bestimmt der Hammer, oder?

Nicht wirklich. Ich habe damals lieber Schmetterlinge gefangen!

Sie haben Schmetterlinge getötet?

Ich habe nicht gesagt, dass ich ihnen eine Stecknadel in den Körper gerammt habe. Ich habe sie nur gefangen. Nun ja, zumindest am Anfang war es so. Irgendwann habe ich sie dann tatsächlich auch gesammelt. Ich hatte sogar eine ziemlich beeindruckende Sammlung. Damals war ich im Alter von 12 bis 16 Jahren.

Trifft man Sie in Norwegen in Kneipen oder Restaurants?

Nein, da wäre nichts, was mich interessiert. Ich muss keine Leute treffen, die sich fragen, wie es mir gerade geht. Ich will einfach nur ich sein. Das kann ich nicht, wenn alle sich in meiner Gegenwart merkwürdig verhalten, weil ich ein Objekt der Schaulust bin. Ich bin für die Leute nicht irgendjemand, sondern eine Abwechslung in ihrem Alltag.

Aber Sie wären gerne nur irgendjemand?

Ich bin nur irgendjemand! Das ist es, was ich bin. Der normale Typ aus der Menge. Deshalb ist ein Restaurant in meiner Freizeit kein Ort für mich, um mein Dinner einzunehmen. Aus demselben Grund geht es übrigens Tieren in den meisten Zoos nicht gut. Ihre Integrität sollte genauso akzeptiert werden wie meine und die von allen anderen Menschen.

Wo Sie gerade ein Konzert fürs norwegische Fernsehen gegeben haben: Ist es anders an, in Ihrer Heimat Norwegen aufzutreten?

Eindeutig ein Herzensbrecher!
Eindeutig ein Herzensbrecher!

Schon. Denn es ist sonderbar, in Norwegen Englisch zu sprechen, weil das Publikum überwiegend aus Landsmännern und -frauen besteht.  Aber auch mit A-ha waren wir immer und konsequent eine Englisch sprechende Band. Das hat sich für mich als Solokünstler nicht geändert.

Ihre halbe Verwandtschaft war bei Ihrem Gig zugegen. Ist das immer so?

Zwei meiner Brüder und meine Schwester waren heute da, ja. Wenn ich in Oslo auftrete, schauen sie gern vorbei. Wenn ich in anderen Städten in Norwegen unterwegs bin, bevorzugen sie doch lieber gleich einen Trip ins Ausland. Sie benutzen Konzerte von mir dann gern als Vorwand, um fremde Orte kennenzulernen.

Ihre beiden Brüder sehen Ihnen recht ähnlich. Arbeiten die auch kreativ?

Ja, eigentlich alle. Mein älterer Bruder Håkon ist Autor und Verleger – der sieht mir wie aus dem Gesicht geschnitten aus, oder? Kjetil ist der jüngere, und er stellt erstklassige Möbel her.

Handelt Ihr neues Album "Brother" also von ihnen?

Nicht konkret, das muss man spiritueller betrachten. Es geht eher um Brüderschaft als solches. Es geht darum, die Integrität jedes einzelnen zu respektieren. Brüder können aber auch Gorillas sein, wenn man mal von dem Ursprung ausgeht. Wie jedes Lebewesen verdienen auch die Respekt und müssen das ausleben dürfen, was sie sind.

Ihren Vater habe ich vorhin auch kennengelernt. Der scheint ein ziemlicher Gentleman zu sein!

Das ist er. Wir haben eine tolle Beziehung. Und er hat echt was auf dem Kasten: Er ist Doktor, ein Spezialist für innere Medizin und Pathologie.

Haben Sie ihm jemals assistiert?

Indem ich gestorben bin? (lacht) Nein, mal im Ernst: Ich bin ihm tatsächlich schon zur Hand gegangen. Als Kind war ich oft in der Pathologie. Ich habe Herzen abgetrennt von Eingeweiden.

Was haben Sie?

Na ja, das Herz war schon dem Körper entnommen. Es lag da für sich auf dem Tisch. Ich habe also nicht an Personen rumgeschnibbelt, sondern nur an ihren Organen. Ich bin nun mal der Sohn eines Pathologen, da kriegt man einiges mit. Es lagen oft Körperteile rum, wenn ich meinen Vater besuchte. Die waren dann Teil einer Obduktion.

Und das hat keine bleibenden Schäden bei Ihnen hinterlassen?

Für manche Kinder mag das mehr als genug sein. Aber nicht für mich. Es war keine Horrorshow, auch wenn ich verstehe, dass das auf Leute abstoßend wirken kann. Das Unbekannte hatte auch für mich etwas Beängstigendes, aber gleichzeitig war ich auch unglaublich neugierig und interessiert. Das liegt mir wohl im Blut, dank meines Vaters.

Also könnte man sagen: vom Herzensschneider zum Herzensbrecher?

(lacht) Ja, so ungefähr. Wobei ich Ersteres weniger als symbolischen Akt betrachte. Das Herz ist ein funktioneller, pumpender Muskel. Und es kann vom Körper abgetrennt werden wie ein Finger oder ein Bizeps. Und dann gibt es da eben noch das andere Herz, was in Verbindung steht mit unserem emotionalen, spirituellen Ich. Das gibt es auch in meiner Musik. Denn nur wenn sie Herz hat, kann sie Menschen berühren.

Ist Popmusik im Grunde nicht viel zu oberflächlich für Sie?

Nun, auch die Oberfläche ist komplex! Aber Sie haben Recht: Ich passe eigentlich gar nicht ins Musikbusiness. Ich habe mich die ganzen 30 Jahre, die ich Musik mache, nicht darum geschert, was im Musikbusiness los ist. Ehrlich gesagt höre ich sogar kaum Musik, außer natürlich, wenn ich selbst schreibe.

Und was ist mit A-ha? Man munkelt, eine Reunion wäre schon in trockenen Tüchern!

Ist das so? Na, dann fragen Sie mich vielleicht ja auch noch, ob ich Zeit dafür habe. (lacht) Aber mal ehrlich: Das sagt man ja schon, seitdem wir das letzte Konzert gespielt haben! In trockenen Tüchern ist da noch nichts.

Mit Morten Harket sprach Katja Schwemmers

Morten Harket "Brother" (Starwatch Entertainment/Sony Music, VÖ: 11.4.)

Morten Harket on tour:

5.5. Hamburg, Laeiszhalle
6.5. Köln, E-Werk
8.5. Berlin, Columbiahalle
9.5. Offenbach am Main, Capitol

Quelle: n-tv.de

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