Unterhaltung
Mick Jagger kannte schon immer auch die leisen Töne.
Mick Jagger kannte schon immer auch die leisen Töne.(Foto: AP)
Mittwoch, 30. April 2014

Muss man gehört haben: Glimmer, Sex, Drugs: The Rolling Stones

Von Anja Kleinelanghorst

"It's only Rock 'n' Roll (But I Like It)" - wir stellen Bands, Genres, Künstler und ihre wichtigsten Werke vor, lassen die Reinfälle nicht unerwähnt und geben damit einen Überblick, welche Werke in keiner Plattensammlung fehlen sollten.

Mit wem könnte man besser beginnen als mit diesen hier: Denn im Fall der Rolling Stones kann man aus dem Vollen schöpfen - satte 29 Studioalben weisen sie auf, wenn man die amerikanischen Ausgaben dazuzählt. Angefangen hat es mit den LPs (Langspielplatten!) im April vor 50 Jahren - da brachten Sänger Mick Jagger, die Gitarristen Keith Richards, Brian Jones, der Bassist Bill Wyman und Schlagzeuger Charlie Watts ihr erstes Album heraus.

The Glimmer-Twins

Die Glimmer-Twins bei der Arbeit.
Die Glimmer-Twins bei der Arbeit.(Foto: AP)

Das Debüt bestand zum größten Teil aus Cover-Versionen - R&B-Songs oder Rock 'n'Roll-Knaller wie Chuck Berrys "Carol". Einzig die Popballade "Tell Me ('You're Coming Back)" war eine Eigenkomposition der "Glimmer Twins" Jagger und Richards. Das sollte sich im Laufe der nächsten Jahre erst langsam ändern. Bei "The Rolling Stones 2" und "Out Of Our Heads" vertraute die Band noch auf ihre Interpretationen alter Blues- und Rock'n'Roll-Klassiker, aber "Aftermath", das 1966 herauskam, markierte die Wende, denn es besteht nur aus Eigenkompositionen.

Interessanterweise findet sich nicht "Satisfaction" darauf - der erste Riesenhit der Band, der 1965 als Single veröffentlicht wurde. Der Song kam Richards im Schlaf - und Mick Jagger lieferte den passenden Text hinzu. Diese Dynamik sollte die nächsten Jahrzehnte bestehen bleiben und sich auf "Aftermath" manifestieren. Was sie besonders macht, ist Richards Fähigkeit, Riffs von hohem Wiedererkennungswert zu liefern. Der selbsternannte "Riff-Meister" gibt den Takt vor und sein Kumpel mit der Rotzstimme liefert den Text.

Jagger als Alice Schwarzer

Bilderserie

Was Jagger da singt, klingt in den Ohren von Frauen nicht gerade freundlich. Richards gibt in seiner Autobiografie "Life!" zu, dass Songs wie "Under My Thumb" und "Stupid Girl" doch sehr harsch gegenüber den Damen waren. Und bastelt sich dann seine eigene - etwas abstruse - Philosophie zusammen: die Lieder hätten vielleicht auch bewirkt, dass sich Frauen bestärkt sahen, keine kleinen Mädchen mehr zu sein und ihren eigenen Weg zu finden. Wie dem auch sei - "Aftermath" ist ein großer Meilenstein in der Geschichte der Rolling Stones und das Lieblingsalbum von Mick Jagger.

Anrüchige Texte

Auch der Nachfolger "Between the Buttons" aus dem Jahr 1967 kann sich hören lassen - besonders die US-amerikanische Fassung, denn dort finden sich das in Großbritannien nur als Single veröffentlichte "Let's Spend The Night Together" und die Popballade "Ruby Tuesday", die in den Staaten gleich in Richtung Nummer Eins der Charts marschiert. Da hatte es "Let's Spend The Night Together" schwerer, da die Radio-DJs sich zieren, den anrüchigen Song zu spielen. In der berühmten US-amerikanischen "Ed Sullivan Show" muss Jagger dann auch "Let's Spend Some Time Together" singen, aber es ist den kreischenden Mädchen schon klar, worüber ihr Idol hier singt.

Brian Jones, Keith Richards, Mick Jagger, Charlie Watts und Bill Wyman 1964.
Brian Jones, Keith Richards, Mick Jagger, Charlie Watts und Bill Wyman 1964.(Foto: AP)

Man sollte hier auch ein Wort über Brian Jones verlieren. Während Charlie Watts und Bill Wyman zufrieden mit ihrer Rolle im Hintergrund sind und sich der Taktvorgabe von Richards unterordnen, möchte der Blondschopf mehr. Musikalisch sehr talentiert, reicht es aber nicht zu eigenen Kompostionen, die bestehen können. Dafür darf er sich mit den verschiedenen Instrumenten auf "Their Satanic Majesties Request" austoben. Das Album, das auch 1967 erscheint, sollte die Antwort der Stones auf "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" der Beatles sein. Ist es aber nicht. Einzig die wunderschöne Ballade "She's A Rainbow" und das traumwandlerische "2000 Light Years From Home" stechen heraus. Das Werk leidet darunter, dass zwar viel mit Effekten und Instrumenten experimentiert, aber keine klare Linie gefunden wird.

Ständig auf der Flucht

Die Herren sind zu dem Zeitpunkt auch zu sehr damit beschäftigt, dem Knast zu entkommen. Jagger und Richards sind wegen Drogenbesitzes angeklagt und kommen gerade so um eine Haftstrafe herum. Die Musiker probieren munter psychedelische Drogen aus und finden kaum die Zeit, ins Studio zu gehen. Trotzdem: Nie mehr wieder sollen die Rolling Stones so experimentierfreudig sein - und das gibt dem Album dann doch seine Wichtigkeit.

Für den Nachfolger "Beggar's Banquet" verabschiedet sich die Band von psychedelischen Tönen. Ihr neuer Produzent Jimmy Miller ist maßgeblich dafür verantwortlich, den Rockern frischen Wind zu geben. Auf dem Album finden sich viele Country-Blues-Nummern wie "No Expectations" oder "Dear Doctor", aber es sollten die rockigen Nummern sein, die in die Annalen der Musikgeschichte eingehen: das dämonische "Sympathy for The Devil" und das kämpferische "Streetfighting Man". Letzteres ist einer der wenigen politischen Songs der Rolling Stones, aber es ist 1968, die Schlagzeilen sind geprägt von den weltweiten Studentenunruhen und vor dieser Stimmung möchte sich auch ein Mick Jagger nicht verschließen. Man wird bei "Beggar's Banquet" vergeblich nach einem Gitarrenstück von Brian Jones suchen: Der Brite gibt sich immer mehr seiner Drogensucht hin und spielt ein bisschen Sitar, Slide-Gitarre, aber sonst ist Richards für den alleinigen Gitarrensound verantwortlich - was schwer nervt und dafür sorgt, dass sich die Stones nach einem anderen Gitarrenpartner umschauen: Mick Taylor.

Die Dreifaltigkeit

Herrlich - teilweise mit echtem Zipper!
Herrlich - teilweise mit echtem Zipper!

Mit "Let It Bleed" im Jahr 1969 beginnt die goldene Phase der Rolling Stones: Mit "Sticky Fingers", das zwei Jahre später folgt und "Exile On Main St." aus dem Jahr 1972 hat man das entscheidende musikalische Triptychon der Jungs - nie waren sie besser. Jones spielt zwar noch auf zwei Stücken von "Let It Bleed", ist aber ab dem 6. Juni offiziell kein Mitglied der Band mehr, denn er beteiligt sich kaum noch an den Aufnahmen und befindet sich im Würgegriff seiner Drogensucht. Am 3. Juli wird er tot in seinem Swimmingpool gefunden. Zu dem Zeitpunkt ist Mick Taylor schon der zweite Gitarrist der Stones und präsentiert für Richards eine gewollte Herausforderung: "Man möchte ihm etwas geben, woran er seine Freude hat", beschreibt er in seiner Autobiografie den positiven Effekt, den Taylor auf seine Kompositionen hat. Der Neue ist ein brillanter Gitarrist und harmoniert hervorragend mit dem Riff-Stil von Richards. Das Gitarrenspiel der Band wird präziser und melodiöser, all dies zeichnet die drei Alben aus. Auf "Let It Bleed" gibt es keine Füller, jedes Lied ist ein kleines Meisterwerk. Es beginnt mit dem überwältigenden "Gimme Shelter", geprägt von dem Background-Gesang von Gospelsängerin Merry Clayton, die gerade in der oscarprämierten Dokumentation "20 Feet From Stardom" gewürdigt wurde."Let It Bleed" endet mit der unvergessenen Hymne "You Can't Always Get What You Want", das für eine bestimmte Zeit einer der beliebtesten Songs auf Beerdigungen war - kaum verwunderlich bei dem engelsgleichen Mädchenchor, den die Jungs hier benutzen.

"Sticky Fingers" geht schon allein durch sein Cover in die Musikgeschichte ein, Andy Warhol hat es sich ausgedacht. Es zeigt ein imposantes Gemächt in einer Jeanshose und bei den ersten Fassungen gibt es einen echten Reißverschluss auf dem Cover, den man herunterziehen kann. Das ist schon mal eine Ansage. Musikalisch lassen sich die Stones auch nicht lumpen. Es fängt mit der dröhnenden Rock'n'Roll-Nummer "Brown Sugar" an, die einem Chuck Berry alle Ehre gemacht hätte und die aus Jaggers musikalischer Feder stammt.  Aber es sind vor allem die Balladen, die im Gedächtnis bleiben - "Wild Horses" und "Sister Morphine". Bei Letzterem hat auch Jaggers Freundin Marianne Faithfull textlich ihre Finger mit im Spiel. Es ist eines der wenigen Lieder, in der es offen um Drogensucht geht - einem Thema, das Richards & Co nicht fremd war. Richards selbst staunt in seiner Autobiografie, wie er es als Junkie schaffte, für sein nächstes Werk, "Exile on Main St.", täglich zwei nicht nur passable, sondern außerordentliche Songs aufzunehmen.

Jetset mit Bianca

Mit Bianca war das Partyleben noch glamouröser.
Mit Bianca war das Partyleben noch glamouröser.(Foto: AP)

Die Platte wird in einem südfranzösischen Anwesen in Nellcôte unter chaotischen Umständen aufgenommen. Die Stones fliehen aus Steuergründen nach Südfrankreich, um dort zu leben und ihr neues Album aufzunehmen. Richards mietet das Haus und heißt Freunde und Musiker willkommen. Komplett ist die Band damals nicht oft zusammen - Jagger gibt sich mit seiner Gattin Bianca dem Jetset-Leben hin, während Charlie Watts weit weg von Nellcôte ein Haus gekauft hat. Man merkt dem Doppelalbum "Exile on Main St." das Chaos schon an, aber es ist ein geniales Chaos voller Rock'n'Roll-Perlen, das zu Recht zu den besten Alben der Rolling Stones zählt.

Stones in der Disco

Kaum eine Band kann so ein Niveau halten und die nächsten Alben der Stones sind dann auch eher mittelmäßig. 1978 gibt es noch einmal ein Aufflackern genialer Kreativität, was sich in "Some Girls" zeigt. Das Album öffnet mit "Miss You", einem der größten Hits, den die Band landete. Und er hat einen Disco-Beat! Kaum zu fassen. Jagger tummelt sich damals im berühmten New Yorker "Studio 54" und als er mit der Melodie für "Miss You" ankommt, denken seine Kollegen, dass er das irgendwo aufgeschnappt hat. Aber es ist ein Original, allerdings die einzige "Disco-Nummer", die auf der Platte zu finden ist. Alle anderen Songs haben einen satten Gitarrensound, was vor allem Ronnie Wood zu verdanken ist. Der stößt 1975 zur Band, nachdem Taylor nicht mehr will. Woods wunderbare Slide-Gitarre verziert von nun an die Stücke wie "Beast of Burden". Und die Gruppe verzichtet auf viele Gastmusiker - im Prinzip sind zumeist nur die fünf und der "sechste Rolling Stone", Keyboarder Ian Stewart, im Studio, was hilft, sich auf die Wurzeln zu besinnen und wieder Spielfreude zu haben. Richards glaubt zudem, dass das Gitarrenpedal, das er für Echoeffekte benutzte, der Schlüssel zum Erfolg war. Sei's drum - "Some Girls" war noch einmal der ganz große Wurf, den die Herren danach nicht mehr wiederholen konnten.

Live sind sie am besten!
Live sind sie am besten!(Foto: dpa)

"Tattoo You" aus dem Jahr 1981 ist ein Sammelsurium von Songs vergangener Jahre, die es nicht auf die vorherigen Platten geschafft hatten. Eines dieser Lieder wurde zur Stadionhymne - "Start Me Up" ist auch der Song, mit dem die Band meist ihre Konzerte beginnt. Die vergangenen 30 Jahre bringen keine Werke vom höchsten Standard. Das liegt anfangs auch daran, dass die Glimmer-Twins sich nicht mehr gut verstehen: Jagger macht in den 80er-Jahren sein eigenes Ding, Richards dann irgendwann auch. Darunter leidet das Album "Dirty Work" (1986). Bei den Aufnahmen zu "Steel Weels" im Jahr 1989 haben sich alle wieder lieb und die Platte ist so etwas wie ein kleines Comeback. Trotzdem hat Bill Wyman 1991 genug und widmet sich lieber seinem Londoner Hamburger-Laden und anderen Hobbys statt seiner Band. Die wiederum verträgt den Ausstieg ziemlich gut, macht 1994 mit "Voodoo Lounge" allerdings ein von Don Was ziemlich glatt produziertes Album. Für "Bridges of Babylon" lassen die Stones 1997 dann mehrere Produzenten ran, aber der erwartete Schwung bleibt aus. Auf "A Bigger Bang" wollen sie es 2005 noch einmal richtig rocken lassen und verzichten auf die eher glatten Produktionen aus den Vorjahren.

Live ist das, was zählt

Man erwartet auch nicht mehr den großen Wurf von den Herren, mittlerweile hat sich der Schwerpunkt verschoben - live ist das, was zählt. Die Rolling Stones gehören immer noch zu den besten Live-Bands der Welt. Sie auf der Bühne zu sehen, bringt immer noch das Herz zum Hüpfen und das Portemonnaie wegen der exorbitanten Preise zum Weinen. Und die Band hat eines der besten Live-Alben unter dieser Sonne herausgebracht: "Get Yer Ya-Ya's Out". Vom Cover angefangen zu den dargebotenen Songs - alles erster Güte, was im November 1969 im New Yorker Madison Square Garden aufgenommen wurde.

Wie gesagt, einige diese schillernden Momente bietet die Band auch noch heute auf der Bühne. Und vielleicht gelingt ihnen ja noch ein phänomenales Alterswerk, wie es ihr Kumpel Bob Dylan mit "Time Out Of Mind" vor langer Zeit schon ablegte. Vielleicht fällt dem Riff-Meister Keith Richards noch einmal etwas Magisches ein. Und hoffentlich kommt Mick Jagger über den Tod seiner Lebensgefährtin hinweg. Dann würden wir die Herren gern noch einmal live sehen, das wäre doch schön.

Buchtipp

Keith Richards - "Life" (2010) - Richards hält sich nicht zurück und berichtet schonungslos über seine Drogensucht, den Knatsch mit Mick Jagger und wie man seine Gitarre stimmen sollte, damit sie so klingt wie seine.

DVD-Tipps

Stones in Exile (2010) Eine Dokumentation über die leicht chaotischen Aufnahmen zu "Exile on Main St." im Jahr 1972 .

Shine A Light (2008) Dokumentation von keinem Geringeren als Martin Scorsese, der zum einen das Konzert der Stones 2006 im heimeligen Beacon Theatre filmt und darüber hinaus noch schönes Archivmaterial aus den fast 50 Jahren Bandgeschichte zeigt.

Quelle: n-tv.de

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