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Der Mann mit der Flöte: Ian Anderson, immer mit sauberen Händen.
Der Mann mit der Flöte: Ian Anderson, immer mit sauberen Händen.(Foto: imago stock&people)

Muss man gehört haben: "Gut, dass Clapton nicht dieselbe Idee hatte"

Mit Alben wie "Aqualung" schaffen Jethro Tull Klassiker des ProgRock-Genres. Frontmann Ian Anderson gab der Flöte einen Platz in der Rockmusik. Mit n-tv.de spricht der 67-jährige Schotte über den Blues, die Beatles und den Stellenwert der Flötenhygiene.

Ian Anderson, anno 1963 hatten Sie bereits Ihre erste Band, The Blades. Wie fing das alles an?

Wir gingen noch zur Schule, John Evans, Jeffrey Hammond und ich. Wir hörten mehr Jazz und Blues als Popmusik. Wir spielten Coversongs von Muddy Waters und Howlin' Wolf in den örtlichen Jugendclubs, wurden aber weitestgehend vom Publikum ignoriert. Die unterhielten sich lieber.

Was war das Besondere am Blues?

Irgendwie kam uns das subversiver und gefährlicher vor. Wir diskutierten nicht wirklich, aber der Kulturclash in den USA und vor allem die Rassenunruhen damals waren uns absolut bewusst. Der einzige Laden, der die Importe hatte, war ein kleiner Record Shop in Blackpool. Dann sah ich eine Dokumentation über Muddy Waters' England-Tournee. Damit schloss sich für mich der Kreis zu Klassikern wie "Heartbreak Hotel" und "Blue Suede Shoes" oder alte Jazz-Aufnahmen von kurz nach dem Krieg. Alles ging vom schwarzen US-Blues aus.

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Ob Punk oder Popstar oder Motörheads Lemmy - am Ende sagen alle: Die Beatles waren der Anfang.

Ich hatte sie erst ab "Sergeant Pepper" auf dem Schirm. Zusammen mit Pink Floyds "Piper At the Gates Of Dawn" aus dem selben Jahr war das der Vorläufer von Prog.

Wie vollzog sich der Schritt von den Anfangstagen hin zu Jethro Tull?

Das ging eher langsam. Ein entscheidender Schritt war, statt einmal die Woche in der Schule einen Gig mit einer Amateurband zu spielen, hin zum Engagement in den Blues Clubs von London und dem Rest Großbritanniens. Wir spielten fünf Mal die Woche. Plötzlich war das ein richtiger Job. Wenn auch einer, der meinen Eltern nicht so gut gefiel.
 
Hatten Tull eine klare Vorstellung vom Sound der Band?

Niemals. Das entstand alles aus der Kreativität heraus. Bis zum heutigen Tag verfolge ich beim Komponieren keinen konkreten Plan. Kein Leitbild, allein schon, um so etwas wie einen Sell-out auszuschließen. Dankenswerterweise hatte unsere Plattenfirma über die Jahre immer viel Verständnis für uns.
 
Waren Tull jemals auf kommerziellen Erfolg ausgerichtet?

Wir hatten einige einfachere, eingängige Stücke als Singles aufgenommen, um in Radio und TV gespielt zu werden. Aber auch die waren schon anders als das sonstige Material, das damals in den Charts war.
 
Wann haben Sie das erste Mal den Begriff "Progressive Rock" gehört?

Jethro Tull bei einem Konzert in Frankreich 1970.
Jethro Tull bei einem Konzert in Frankreich 1970.(Foto: imago/Haytham Pictures)

Die Musikpresse in England benutzte den Ausdruck um 1969/70 zum ersten Mal, wenn ich mich recht erinnere. Viel früher also, als man heute so denkt. Das Kürzel "Prog" wurde erst einige Jahre später populär.

Woher stammt die Idee mit der Flöte?

Ein ausgehöhlter Knochen, vor etwa 60.000 Jahren. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Im Ernst: Es gab so viele Gitarristen damals. Erst Hank Marvin, später kamen Jimmy Page, Eric Clapton, Ritchie Blackmore und Jeff Beck. Mir war klar, dass ich in deren Liga nie mitspielen würde, also schaute ich mich um. Die Flöte fiel mir im Sommer 1967 ins Auge. Bis Dezember brachte ich keinen vernünftigen Ton raus. Von Februar 1968 an spielte ich dann täglich. Gut, dass Clapton nicht auf dieselbe Idee gekommen ist.

Fand die Band das denn auf Anhieb gut?

Also - beeindruckt waren die nicht. Noch viel weniger unsere Manager. Aber das Publikum im "Marquee Club" stieg sofort drauf ein. Das war unsere Trumpfkarte. Das eine Detail, das von uns von allen anderen Bluesbands damals unterschied.

Was ist Ihre persönliche Lieblingsband "mit Flöte"?

Die Berliner Philharmoniker. Ich bin kein Fan der Rock-Flöte …

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Haben Sie es jemals bereut, nicht in Woodstock gespielt zu haben?

Nun, auf jeden Fall nicht im Jahr 1969. Zu viele bekiffte, nackte Hippies für meinen Geschmack. Es hätte außerdem zu viel Erfolg zu einem zu frühen Zeitpunkt bedeutet. Wir waren halt sehr jung und immer noch auf der Suche.

Prog Rock ist heute so populär wie selten zuvor - was sind Ihre Favoriten unter den neuen Bands?

Porcupine Tree und Steven Wilson solo. Dream Theatre natürlich, obwohl die nicht neu sind. Das Project RnL ist ein heißer Tipp, die bestehen aus amerikanischen und isrealischen Musikern und haben nicht nur irre Ideen, sondern auch die entsprechende Technik.

Erzählen Sie uns etwas über den "Homo Erraticus", Ihr aktuelles Projekt.

Der Homo Erraticus, ist eine Art Überlebender, ein Wanderer zwischen den Welten, auf der Suche nach der besten Option. Ob syrischer Flüchtling oder ein Stockbroker von der Wall Street - wir alle versuchen, dorthin zu kommen, wo es besser für uns läuft. Wir sind immer noch Suchende, das steckt in der Natur des Menschen, sagt aber auch viel über unser Denken, unseren Antrieb und unsere Sehnsüchte aus.

Erzählen Sie uns etwas, was Sie noch keinem Interviewer verraten haben!

Ich wasche mich sehr sorgfältig. All die dreckigen Umkleideräume und komischen Hotels haben mich vorsichtig werden lassen. Ich brauche viel Seife. Ich wasche meine Hände vor der Show, in der Pause und dann noch einmal, bevor ich meine Flöte wieder einpacke. Und obwohl ich so vorsichtig bin, lande ich dann doch wieder im schlechtesten indischen Restaurant der Stadt. Bislang bin ich aber nie krank geworden, also muss der Koch wohl auch einen hohen Anspruch in Sachen Hygiene haben. Oder bin ich zu optimistisch? Auf jeden Fall hoffe ich, dass auch er seine Hände immer ordentlich wäscht, wenn mit er mit seiner Flöte gespielt hat.

Mit Ian Anderson sprach Ingo Scheel

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Ian Anderson auf Deutschland-Tour:

15. Mai Weimar, Weimarhalle
16. Mai Regensburg, Donau Arena
17. Mai Fulda, Esperantohalle
19. Mai Frankfurt, Alte Oper
20. Mai Berlin, Admiralspalast
22. Mai Leipzig, Haus Auensee
23. Mai München, Circus Krone
24. Mai Bremen, Die Glocke

Quelle: n-tv.de

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