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Hat Visionen - zum Glück: Wolfgang Niedecken.
Hat Visionen - zum Glück: Wolfgang Niedecken.

"Europa muss zum Arzt": Niedecken und BAP haben "Lebenslänglich"

Ein 40-jähriges Jubiläum ist noch lange kein Grund, wehmütig zurückzublicken - der beste Beweis ist Wolfgang Niedecken mit seiner "kleinen Rock'n'Roll-Band", wie er sie selbst gerne nennt: Niedeckens BAP! Am 15. Januar 2016 veröffentlichen sie das 18. Studioalbum "Lebenslänglich". Es ist das erste reguläre BAP-Studioalbum seit fünf Jahren. In die 14 neuen Stücken von "Lebenslänglich" fließen alle positiven Erfahrungen ein, die Wolfgang Niedecken durch sein Solo-Akustikalbum "Zosamme alt" und die anschließende "BAP zieht den Stecker"-Tour gesammelt hat. Es ist verspielt, akustisch, rockt und ist dennoch warm. n-tv.de hat ein bisschen Kölsch gelernt und mit dem Sänger in Berlin gesprochen.

n-tv.de: "Lebenslänglich" heißt Ihr neues Album - was bedeutet das für Sie? Lebenslänglich klingt ja erstmal wie eine Strafe, oder?

Wolfgang Niedecken: Finden Sie? Das ist sicher ambivalent, richtig. Es ist jedenfalls kein Jubiläumsalbum. Ich hab' es darauf angelegt, dass man mal nachdenken muss, was meint er damit eigentlich, das stimmt schon. Ich will den Hörer erstmal auf eine falsche Fährte locken. Haben Sie das Cover gesehen?

Ja, natürlich.

Ich werde in dem Booklet zum Album ja von Seite zu Seite jünger (lacht), mit ein bisschen Retusche, und ich hatte auch noch zwei alte Fotos. Das ging alles zurück auf mein erstes Soloplakat von 1978, da hatte ich dieses Verbrecherfoto von mir von vorne und von der Seite, und dann zehn Jahre später nochmal. Und jetzt eben noch einmal!

Ich finde aber, dass Sie gerade einen wunderbaren Musketiere-Look haben, da müsste man meiner Meinung nach nichts dran ändern oder retuschieren.

(lacht) Oh danke, ja, ich finde das auch ganz okay, ist aber ganz zufällig entstanden, dieser Look. Nach dem Schlaganfall vor vier Jahren konnte ich mich erstmal nicht rasieren. Das wäre ein Gemetzel geworden.

Karneval steht vor der Tür. Da haben Sie ja auch eine Entwicklung mitgemacht - vom "Gegner" zum "Mitmacher", inklusive  großer Schelte für beides. Was macht das mit Ihnen heute?

Ach, der Karneval hat sich halt auch entwickelt. Damals, in den 80ern, fand ich das alles sehr fragwürdig, es war eine ganz miefige Veranstaltung. Seit 1985 gibt es die Stunksitzungen und überhaupt viele Veränderungen, andere Leute, die den traditionellen Karneval organisieren, die auch brisante Themen zulassen. Die haben mich sogar vor ein paar Jahren eingeladen, einen Motto-Wagen zu gestalten, mit harten Themen wie Kindersoldaten in  Afrika. So etwas wäre 1982 noch nicht möglich gewesen.

Schwierige Balance …

Ja, aber ich habe meinen Frieden damit gemacht, auch wenn ich immer noch nicht der größte Karnevalsfan bin.

Wenn man mitmacht, dann ist es doch cool …

Ja, auf so einem Zugwagen mitzufahren zum Beispiel, ist was ganz Großartiges.

Sind Sie ein Nostalgiker oder leben Sie im Jetzt?

Beides (lacht)! Ich interessiere mich sehr für Geschichte, aber ich bin natürlich im Jetzt und Hier voll verankert. In geschichtliche Zusammenhänge kann ich mich aber gut hineinvertiefen. Das Beste an der Geschichte ist ja aber, dass man aus ihr lernen kann.

Mit seiner kleinen Rock 'n Roll Band ...
Mit seiner kleinen Rock 'n Roll Band ...

Kommen wir zu Ihrer - wie Sie sie selbst nennen - kleinen Rock'n'Roll-Band und dem neuen Album. Ich habe gehört, Sie hätten eine Schreibblockade gehabt …

Ach na ja, das habe ich ein bisschen übertrieben formuliert. Wir haben seit fünf Jahren kein reguläres Studioalbum veröffentlicht, das stimmt, aber das heißt ja nicht, dass wir untätig herumgesessen hätten. Und ich hatte einfach keine Zeit, neue Songs zu schreiben. Und dann sitz' ich in der Türkei, um mich zu entspannen, und mir sind nur Sachen eingefallen, die ich schon mal geschrieben habe (lacht). Dann hab’ ich mich mal kurz verkrampft, aber dann ging's auch schon wieder. Im Nachhinein eine eher komische Situation.

Was brauchen Sie denn, damit die Muse Sie küsst?

Ich bin gerne unterwegs, wenn ich schreibe. Ich habe aber zuhause auch einen Schreibtisch mit einem wunderbaren Rheinblick. Da sitze ich dann und schaue dem Fluss beim Fließen zu. "Watch the river flow" singt Bob Dylan. Diese Aussicht fördert meine Kreativität. Ich brauche ein Thema, das mich umtreibt, das zu einem Song werden will. Aber das Thema muss da sein. Danach zu suchen, bringt nichts - die Themen kommen zu einem, sie liegen in der Luft.

Dann war das eine Frage der Zeit …

Ja, und innerhalb von vier Monaten war ich fertig.

Und wenn Sie partout kein Thema finden, greifen Sie dann noch zum Pinsel? Sie sind ja ein ausgebildeter Maler.

Leider nur sehr selten. Da ich das richtig gelernt habe, habe ich auch in diesem Bereich professionelle Maßstäbe an mich. Deswegen kann ich das nicht mal eben so zwischendurch machen, weil ich weiß, dass ich mit dem Resultat unzufrieden sein würde. In der Bildenden Kunst geht es ja immer um den nächsten Schritt …  Also nein, ich male keine Bilder für "übers Sofa". Außerdem soll ich ja ein bisschen kürzer treten, ich hatte ja diesen blöden Schlaganfall. Kennen Sie den kölschen Begriff "höösch"?

Leider nein …

Das heißt so viel wie "alles ganz in Ruhe angehen". Das versuche ich.

"Dä Herrjott meint et joot met mir" - Ihr persönliches "Dankeschön" an den Schöpfer?

Ja, das ist mein restkatholisches "Danke", stimmt.

Brauchen wir manchmal etwas Restkatholizismus?

Etwas Glaube schadet nie, oder? Mein Vater stammt aus einer sehr katholischen Winzerfamilie, und da hab‘ ich sicher eine Menge mitgekriegt. Ich bin zwar aus der Kirche ausgetreten, würde mich aber nicht als Atheisten bezeichnen. Es gibt sicher so eine Art genetisches Gedächtnis. In meinem ist sicher viel Katholisches verankert, beispielsweise, dass ich kein Brot wegschmeißen kann (lacht).

Haben Sie früher rebelliert?

Ja, schon, aber ich bin nicht aus der Kirche ausgetreten, so lange mein Vater gelebt hat, das hätte ich ihm nie antun können.

Müsste ich Sankt Florian kennen? Auch ein Song-Titel …

Sie kennen mit Sicherheit das Sankt Florians-Prinzip!

Nein, ich kenne nur Sankt Martin …

Sankt Florian, zu dem wird gebetet, dass der Blitz doch bitte beim Nachbarn einschlagen soll und nicht bei einem selbst.

Oh, nein, das kenne ich tatsächlich nicht.

Das ehrt Sie (lacht).

"Vision von Europa" singen Sie … "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen", sagte Helmut Schmidt. Was sind Ihre Visionen? Und muss Europa dann zum Arzt?

Europa muss dringend zum Arzt. Hier läuft vieles in die falsche Richtung, Europa ist eine Solidargemeinschaft, und nicht nur eine Zugewinngemeinschaft. Und solange das nicht alle europäischen Länder verstanden haben, haben wir ein großes Problem. Unsere Kultur gerät ins Wackeln, befürchte ich. Wir sind doch alle zur Nächstenliebe und Solidarität erzogen worden, oder? Ein Fundament kann nicht auf Egoismus aufgebaut werden. Die Väter des Grundgesetzes wissen schon, warum man in der Flüchtlingsfrage keine Obergrenze angesetzt hat.

Ich muss Ihnen etwas gestehen - ich verstehe als Saupreuß nicht alles, was Sie singen. Wie erklären Sie sich Ihren großen überregionalen Erfolg?

Wir haben damals anscheinend einen Nerv getroffen in einer Zeit, in der sowas ging. Da gab es die Neue Deutsche Welle, aber dazu zählten wir nicht, Liedermacher waren wir aber auch nicht, eine bedingungslose Rockband auch nicht, aber wir hatten wohl zufällig die richtige Mischung am Start. Unser Bassist war damals im Finanzamt tätig, unser Gitarrist stand im Volkswirtschaftsexamen, wurde jeden Moment Vater, ich war Maler, wir waren eigentlich gar nicht für eine Rock’n’Roll-Karriere bereit. Aber plötzlich waren wir im Radio, und wir dachten selbst noch: Das versteht doch keiner! Und nun haben wir das 18. Studioalbum rausgebracht. Wir haben einfach immer weitergemacht (lacht).

Mit Wolfgang Niedecken sprach Sabine Oelmann

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Quelle: n-tv.de

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