Akademiker-Schwemme oder MangelDen richtigen Beruf finden
Nachdem sie über ein Jahrzehnte lang die Schulbank gedrückt haben, wollen viele studieren. Nach welchen Kriterien sich die jungen Leute für einen Studiengang entscheiden sollten, erklärt Manja Kraatz von der Agentur für Arbeit im Gespräch mit n-tv.de.
Nachdem sie über ein Jahrzehnte lang die Schulbank gedrückt haben, stehen den Schülern nach dem Abitur einige Veränderungen bevor. Viele wollen studieren. Nach welchen Kriterien sich die jungen Leute für einen Studiengang entscheiden sollten, erklärt Manja Kraatz von der Agentur für Arbeit in Berlin Mitte im Gespräch mit n-tv.de.
n-tv.de: Nach dem Abitur haben junge Schulabgänger die Wahl zwischen Ausbildung und Studium. Ein Studium gilt als zeitaufwändiger und teuer. Wieso würden Sie Schulabgängern trotzdem dazu raten?
Manja Kraatz: Generell kann man sagen, dass die Karrierechancen mit einem abgeschlossenem Studium steigen. Die Verdienstmöglichkeiten und die Arbeitsmarktchancen sind besser, als bei einer Ausbildung. Insofern ist das Studium die günstigere Wahl, womit ich eine Ausbildung natürlich nicht abwerten will. Beides hat Vor- und Nachteile.
Womit kann die Entscheidung zu einem Studium oder einer Ausbildung begründet werden?
Insgesamt machen etwa 20 bis 30 Prozent der Abiturienten eine Ausbildung. In Berlin kann man jedoch Unterschiede zwischen den Stadtbezirken feststellen. Manche Abiturienten haben sich von Anfang an zum Ziel gesetzt, eine Ausbildung zu absolvieren. Für sie bedeutet das Abitur eine bessere Chance auf einen Ausbildungsplatz. Im Vergleich zu denen, die einen mittleren Schulabschluss gemacht haben, stehen sie meist besser dar. Auch das soziale Umfeld spielt eine große Rolle. Für die Prägung der jungen Leute ist es entscheidend, inwiefern das Thema Studium im Elternhaus diskutiert wird. Wird die Möglichkeit ein Studium aufzunehmen von den Eltern unterstützt, oder wird sogar dazu geraten? Es ist klar, dass ein Studium kurzfristig eine finanzielle Belastung bedeutet. Dieser Punkt muss auf jeden Fall thematisiert werden und über Finanzierungslösungen nachgedacht werden.
Sie sprachen die Unterschiede zwischen den Stadtbezirken an. Woran kann es liegen, dass in bestimmten Stadtbezirken häufiger die Wahl auf ein Studium fällt, als in anderen?
Diese Unterschiede rühren von den sozialen Strukturen, in denen die Jugendlichen aufwachsen. Wir stellen manchmal in Beratungsgesprächen fest, dass die Prägung der sozialen Hintergründe im "Osten" anders als im "Westen" ist.
Die Studiumswahl ist eine wichtige Entscheidung. Was würden Sie für die Orientierung raten?
Berufsorientierung ist ein Prozess, deshalb sollte jeder möglichst früh damit anfangen. Die Familie kann Hinweise, Tipps und Anregungsmöglichkeiten geben. Genauso Freunde oder Lehrer. Jedoch sollte sich jeder Schüler auch über das nähere Umfeld hinaus Informationen suchen. Die Agentur für Arbeit bietet Berufsinformationstage, Broschüren sowie individuelle Beratungsgespräche. Ich rate auch zu Praktika, um in die Berufswelt reinzuschnuppern. Eine weitere Möglichkeit ist es, an Hochschulen zu gehen und an Vorlesungen der Studiengänge teilzunehmen, für die man sich interessiert.
Worauf sollte der Schulabgänger bei der Studienwahl achten?
Ein Teilaspekt sind natürlich die Arbeitsmarktchancen und die Karrieremöglichkeiten. Wir merken, dass sich die Jugendlichen immer mehr damit auseinandersetzen. Jedoch sind eigene Interessen und Fähigkeiten genauso wichtig, wenn nicht noch wichtiger. Wenn jemand sich nicht für den Beruf des Ingenieurs interessiert, dann macht es wenig Sinn, ihm diesen Beruf zu empfehlen. Die eigene Motivation ist wichtig, sie bringt den Studenten dazu, das Studium erfolgreich zu meistern. Jeder Berufsberater versucht in seinen Beratungsgesprächen herauszukitzeln, welche Motivationen der Schulabgänger hat und welche Fähigkeiten er mitbringt.
Welcher Studiengang hat Zukunft? Welche Arbeitsmarktperspektiven gibt es für Akademiker, welche Fachkräfte werden in Zukunft gesucht werden?
Was die Arbeitsmarktperspektiven und Jobchancen betrifft, so kann man lediglich Tendenzen aufzeigen. Wie der Arbeitsmarkt in drei bis fünf Jahren aussehen wird, das kann man nur prognostizieren. Der Bereich der Ingenieure - der Elektroingenieure und Maschinenbauingenieure - wird wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren gute Chancen bieten.
Was sagen Sie zu der Annahme, dass es immer sicher ist, Jura oder BWL zu studieren, Geisteswissenschaften aber brotlose Kunst sind?
Grundsätzlich sind Akademiker im Durchschnitt weniger von Arbeitslosigkeit betroffen, als Jobsuchende mit niedrigeren Abschlüssen. Wenn jemand sich dazu entscheidet einen Studiengang zu verfolgen, der magere Berufsperspektiven vorhersagt, dann muss der Student sich unbedingt schon während des Studiums Gedanken machen, wo er hin will und dies konsequent verfolgen. Es ist ratsam Praktika zu machen und/oder einen Auslandsaufenthalt, um sich so gut wie möglich zu qualifizieren. Als Geisteswissenschaftler gibt es kein festes Berufsbild, er kann vieles machen. Bei Jura wandelt sich übrigens die Arbeitsmarktperspektive. Da es viele Studierende der Rechtswissenschaften gibt, ist es schwer einen Job zu finden. Auch sollte man wissen, dass viele Studenten dieses Studium abbrechen.
Es wir oft von einer Akademikerschwemme, aber auch von einem Mangel gesprochen. Was stimmt denn nun?
Es kann nur in bestimmten Bereichen von einem Mangel gesprochen werden, wie etwa im Bereich der Ingenieure. Mangel und Schwemme hängen meist von zyklischen Entwicklungen ab. Als die Wirtschaftslage schlecht war, wurden viele Bauingenieure arbeitslos. Als die Konjunktur wieder anzog, war es andersherum. Auch rechtliche Veränderungen haben Einfluss auf den Beschäftigungsgrad. Wenn zum Beispiel die Bundesländer mehr Lehrer einstellen wollen, dann wird es eine verstärkte Nachfrage an Lehrern geben.
Das Interview führte Mona Husemöller.