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Alarmierende Antibiotika-Studie: Fast alle Masthähnchen gedopt

Masthähnchen sollen unter widrigen Bedingungen schnell wachsen. In den 30 Tagen ihres Lebens werden sie mit durchschnittlich drei verschiedenen Antibiotika behandelt, manchmal aber auch mit deutlich mehr. Eine Studie aus Nordrhein-Westfalen schreckt selbst den Deutschen Bauernverband auf.

Antibiotika in der Tiermast können auch für den Menschen riskant werden.
Antibiotika in der Tiermast können auch für den Menschen riskant werden.(Foto: dpa)

Fast alle Hähnchen aus deutschen Mastbetrieben erhalten einer Studie zufolge Antibiotika. Die Züchter setzten die Medikamente zum Wachstumsdoping oder zum Gesundheitsdoping ein, erklärte Nordrhein-Westfalens Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) als Auftraggeber der Studie. Der Deutsche Bauernverband und die Geflügelwirtschaft erklärten, die Ergebnisse "sehr ernst" zu nehmen.

Teile der Studie waren bereits Ende Oktober bekannt geworden und hatten eine erste Debatte über den Antibiotika-Einsatz in der Geflügelzucht ausgelöst. Jetzt liegen die Endergebnisse der Untersuchung vor, die  von Februar bis Juni durchgeführt wurde:  96,4 Prozent der untersuchten Tiere in Nordrhein-Westfalen wurden mit entsprechenden Wirkstoffen behandelt. Damit war weniger als jedes 25. Masthähnchen unbehandelt. Laut Remmel sind die Studienergebnisse bundesweit übertragbar. "NRW ist hier kein Sonderfall, sondern steht exemplarisch."

Illegales Wachstumsdoping?

Remmel machte den Züchtern massive Vorwürfe und warf ihnen vor, womöglich gegen Recht verstoßen zu haben. "Entweder es handelt sich um Wachstumsdoping - was seit 2006 europaweit verboten ist. Oder aber das System der Tiermast ist derart anfällig für Krankheiten, dass es ohne Antibiotika nicht mehr auskommt. Das ist dann Gesundheitsdoping." Wenn die Hähnchenmast nur noch mit Antibiotika funktioniere, sei für ihn klar, dass diese Art von Massentierhaltung keinen Bestand haben könne.

Der Deutsche Bauernverband und der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft kündigten als erste Konsequenz an, zusammen mit Tierärzten ein Überwachungsprogramm in Deutschland einzuführen, um die Antibiotika-Abgaben bundesweit auszuwerten. Zugleich relativierten die Verbände aber die Zahlen zu den Medikamentengaben: In Deutschland gebe es einen im EU-Vergleich ohnehin niedrigen Antibiotika-Einsatz, der nun mit Hilfe der besseren Überwachung weiter minimiert werden solle. Außerdem erklärten Bauernverband und Geflügelwirtschaft, "dass trotz der ermittelten Antibiotikaabgaben Geflügelfleisch bedenkenlos verzehrt werden kann".

Kein Dauereinsatz

Wie die Studie weiter ergab, kam bei den untersuchten Durchgängen der Aufzucht der Hähnchen in deren etwa 30 bis 35 Tage dauerndem Leben eine Vielzahl von Wirkstoffen zum Einsatz. Im Durchschnitt seien pro Zuchtdurchgang drei verschiedene Antibiotika verabreicht worden, in der Spitze erhielten die Hähnchen bis zu acht verschiedene Antibiotika. Im Durchschnitt seien die Medikamente 7,3 Tage verabreicht worden.

Bei 53 Prozent der Behandlungen wurde das Medikament der Studie zufolge allerdings nur ein bis zwei Tage verabreicht und lag damit außerhalb der Zulassungsbedingungen für bestimmte Antibiotika. Bei zu kurzen Gaben können Bakterien gegen Antibiotika Resistenzen entwickeln.

Die Studie untersuchte in insgesamt 182 Betrieben in Nordrhein-Westfalen 962 Zuchtdurchgänge. Nach Angaben des Landesministeriums war es die erste Studie dieser Art in Deutschland. Als Konsequenz aus den bereits vor gut zwei Wochen bekannt gewordenen Ergebnissen hatte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) angekündigt, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung neu regeln zu wollen, um eine Minimierung der Antibiotika-Mengen zu erreichen.

Quelle: n-tv.de

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