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Superstar Usain Bolt läuft allen Konkurrenten lässig davon - auch den gedopten. Das sorgt für immer größere Skepsis.
Superstar Usain Bolt läuft allen Konkurrenten lässig davon - auch den gedopten. Das sorgt für immer größere Skepsis.(Foto: dpa)

Entwicklung im Sprint "einfach nicht plausibel": Doping-Experte zweifelt an Superstar Bolt

Muss Sprintstar Usain Bolt sauber sein, nur weil er noch nie des Dopings überführt wurde? Nein, findet der Mediziner Perikles Simon. Skeptisch machen ihn der von Bolt ausgelöste Quantensprung bei den 100-Meter-Zeiten und das völlig ineffiziente Kontrollsystem. Zudem vertuscht der Leichtathletik-Weltverband eine brisante Dopingstudie.

Die Leichtathletik duckt sich weg angesichts des neuen Doping-Skandals im Sprint. Sie feiert sich lieber mit neuen Weltjahresbestleistungen wie in Monaco. Die Zweifel bleiben. Nicht nur das: Sie werden größer. Immer mehr Experten zweifeln nach den positiven Dopingproben der Sprintstars Tyson Gay (USA) und Asafa Powell (Jamaika) öffentlich daran, dass ausgerechnet der jamaikanische Übersprinter und Weltrekordler Usain Bolt sauber sein soll.

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Hinzu kommen Vorwürfe, der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF halte seit Monaten eine Studie zur WM 2011 im südkoreanischen Daegu zurück, bei der die Doping-Dunkelziffer untersucht wurde. Offenbar sind die Ergebnisse dem Verband nicht genehm, deutete der an der Studie beteiligte deutsche Dopingforscher Perikles Simon im ZDF-Sportstudio (zum Video) an. "Man kann sagen, die Daten werden unter Verschluss gehalten", sagte der Mediziner.

Simon weiter: "Vor ein paar Monaten habe ich erfahren, dass der Welt-Leichtathletikverband diese Daten offiziell gegenüber der Wada (Welt-Anti-Doping-Agentur, Anm.d.Red.) als noch nicht begutachtet bezeichnet. Und wir Forscher werden zurückgerufen." Dabei beziehe sich die IAAF auf eine Vertraulichkeits-Vereinbarung. Die hätten Simon und seine Forscherkollegen im treuen Glauben unterschrieben, "dass wir die Daten publizieren dürfen".

Bolt könnte sauber sein - theoretisch

Mit Blick auf den aktuellen Dopingskandal stellte Simon infrage, dass Sprint-Superstar Usain Bolt seine Weltrekorde über 100 Meter (9,59 Sekunden) und 200 Meter (19,19 Sekunden) sowie seine sechs Olympiasiege ohne Doping erreicht habe. Das sei zwar theoretisch möglich, weil Bolt für einen Sprinter hervorragende körperliche Anlagen habe - eine Tatsache, auf die auch der Kölner Sportwissenschaftler Joachim Mester gegenüber n-tv.de hingewiesen und deshalb für die Unschuldsvermutung plädiert hatte. Alles andere, so Mester, "wäre wissenschaftlich nicht seriös".

Simon ist dennoch skeptisch. Er nimmt nicht nur Bolt allein in den Blick, sondern die Zeitenentwicklung insgesamt im Sprintsport. Weltrekorde wie von Bolt, der die Bestmarke seit 2008 um sagenhafte 0,16 Sekunden verbessert hatte, seien "im 100-Meter-Lauf an sehr viele Faktoren gekoppelt", gab Simon im ZDF zu bedenken: "Es gibt nicht das eine Gen, das das macht, sondern das ist ein sehr komplexes Zusammenspiel. Und wenn ein Sachverhalt so komplex ist, dann ist es häufig so, dass die Fortschritte, die erzielt werden, keine richtigen Meilensteine sind, bei denen einer plötzlich allen davonrennt."

Die Entwicklung der 100-Meter-Zeiten seit 2008 stellt diese Erkenntnis auf den Kopf. Sie ist es, die Simon auch bei Bolt zweifeln lässt - weil in der Folge auch die Konkurrenz einen Leistungssprung gemacht hat. "Jetzt aber ist einer davongerannt, und alle anderen liefen innerhalb kürzester Zeit fast genauso schnell hinterher", sagte Simon: "Das ist einfach nicht plausibel." Zumindest nicht ohne Doping.

Geipel sieht Warnschuss für Bolt

Doping auf der 100-Meter-Bestenliste
   1.  9,58 s  Usain Bolt  JAM
   2.  9,69 s  Tyson Gay  USA
   3.  9,69 s  Yohan Blake  JAM
   4.  9,72 s  Asafa Powell  JAM
   5.  9,78 s  Nesta Carter  JAM
   6.  9,79 s  Maurice Green  USA
   7.  9,79 s  Justin Gatlin  USA
   8.  9,80 s  Steve Mullings  JAM
   9.  9,84 s  Donovan Bailey  KAN
 10.  9,84 s  Bruny Surin  KAN

fett:
Dopingsperre/Dopingvorwurf

Ähnlich hatte sich am Samstag auch die ehemalige DDR-Sprinterin und Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfevereins, Ines Geipel, geäußert. Sie hält die Überführung des ehemaligen Weltmeisters Gay und des früheren Weltrekordhalters Powell auch für einen "Warnschuss in Richtung von Usain Bolt. Ohne Befund zu sein, ist noch kein Wert an sich", sagte die ehemalige DDR-Sprinterin der "Stuttgarter Zeitung". Sie sei nun gespannt auf dessen Auftritt bei der kommenden WM in Moskau: "Welche Zeit? Welche Performance? Wieder mit Weltrekord mit offenen Schnürsenkeln und im Trab?", meinte die 53-Jährige sarkastisch.

Der sechsfache Olympiasieger Bolt ist mittlerweile nur noch einer von vier Sprintern auf der offiziellen IAAF-Liste der zehn schnellsten 100-Meter-Läufer der Leichtathletik-Geschichte, der noch nicht wegen Dopings gesperrt oder vor Gericht belastet wurde. Er selbst äußert sich öffentlich nur selten zum Thema Doping. Seinen einzigen Kommentar dazu in diesem Jahr gab er vor knapp drei Wochen im Vorfeld des Diamond-League-Meetings in Paris ab. "Ich bin sauber. Das war ich schon immer. Sie können mich jederzeit testen", sagte der 26-Jährige.

Genau wie Simon bezweifelt Geipel aber, dass mehr Tests zu mehr überführten Dopern führen. Im Gegensatz zur IAAF wertet sie die positiven Proben bei Gay und Powell nicht als Zeichen für ein verbessertes Kontrollsystem. Stattdessen ist der Anti-Doping-Kampf in den Augen von Geipel und Simon völlig unterfinanziert und hinke den Sportbetrügern stets hinterher – weil dieses "Hase-und-Igel-Spiel" offenbar so gewollt sei.

Hase-und-Igel-Spiel erwünscht

"Könnte es vielleicht sein, dass der Athlet gar nicht richtig von den Kontrollbehörden in den Fokus genommen wird? Dass die Kontrollbehörden vielleicht sogar selber versagen?", gab Simon zu bedenken: "Dass es gar nicht die Wissenschaftler und die Labore sind, die keine Methoden bereitstellen, sondern dass auch gar keine Gelder bereitgestellt werden, um Methoden zu entwickeln?"

Der Sport gebe pro Jahr "300 Millionen für Tests aus, die anscheinend gerade einmal das Auffälligste detektieren. Wir sollten uns lieber fragen, ob das System überhaupt funktioniert. Und ob wir nicht neue und solide Methoden entwickeln können, die die Doper entlarven."

Der von Simon öffentlich gemachte Umgang der IAAF mit der Dopingstudie zur WM 2011 wirft allerdings noch eine andere Frage auf: die, ob Doper überhaupt entlarvt werden sollen.

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Quelle: n-tv.de

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