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Olympisches Ringen um Münchner Bewerbung: Goliath will Spiele, David spielt nicht mit

Von Christoph Wolf

In München entscheiden die Bürger am Sonntag, ob sich Deutschland erneut für Olympische Winterspiele bewirbt, diesmal für 2022. Der Wahlkampf war ein ungleiches Duell, die Olympia-Gegner fühlen sich demokratisch unfair benachteiligt. Die Befürworter glauben an eine öffentliche Mehrheit. Der Ausgang ist völlig offen.

Fragen & Antworten

Wie lautet die Frage?

"Sind Sie dafür, dass sich die Landeshauptstadt München zusammen mit der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen und den Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein um die Olympischen und Paralympischen Winterspiele 2022 bewirbt?"

Wann ist der Entscheid erfolgreich?

Das gesetzlich festgelegte Zustimmungs-Quorum liegt bei 10 Prozent bzw. 20 Prozent (Garmisch-Partenkirchen). Zudem muss es mehr Ja- als Nein-Stimmen geben.

Wann gibt es die Ergebnisse?

Die ersten Hochrechnungen sind am Sonntag gegen 18.30 Uhr zu erwarten, das vorläufige Endergebnis um 21.30 Uhr. Bis Montagabend soll das offizielle Endergebnis vorliegen.

Wie geht es dann weiter?

Wenn nur eine der vier Abstimmungen negativ ausfällt, soll die Bewerbung hinfällig sein. Bei vier positiven Bescheiden müssen München und seine Partnern bis zum 14. November ihre offizielle Bewerbung beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) einreichen.

Was würde die Bewerbung kosten?

Für die Bewerbungsphase bis 2015 sind Gesamtkosten von etwa 29 Mio. Euro veranschlagt. Das Budget liegt damit 4 Mio. unter dem Etat von 2018.

Wer bewirbt sich noch?

Bisher haben Lwiw (Ukraine), Peking (China) und Oslo (Norwegen), Krakau (Polen) und Almaty (Kasachstan) ihre Bewerbung beim IOC formell bestätigt.

Wintermärchen oder Wahnsinn? Die Olympischen Winterspiele 2022 polarisieren. Oslo ist dafür, Graubünden dagegen, München noch tief gespalten. Ob sich die bayerische Landeshauptstadt und ihre Partner nach dem 33-Millionen-Euro teuren Fehlversuch für 2018 erneut um das Wintersportspektakel bewerben, entscheidet sich am Sonntag. Dann stimmen die Bürger in München, der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen sowie den Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein ab. Dann heißt es: OlympiJa oder NOlympia?

Der Ausgang des Votums ist völlig offen, darin sind Gegner und Befürworter einig. Ansonsten trennt sie ein tiefer Graben. Kurz vor der Bürgerbefragung hat sich die Auseinandersetzung zugespitzt, nicht unbedingt argumentativ, eher bei Schärfe und Ton. Es geht nicht mehr nur um die Frage, ob Winterspiele im Alpenraum angesichts des Klimawandels ökologisch vertretbar sind, die Risiken die Chancen übersteigen und Deutschland nach der "Sommermärchen"-WM 2006 im Fußball jetzt ein "Wintermärchen 2022" braucht, wie es DSV-Präsident Alfons Hörmann mit Pathos formuliert.

"Der Mensch braucht Olympia!"

Zur Abstimmung steht auch, ob das Internationale Olympische Komitee IOC überhaupt noch das ursprüngliche olympische Ideal vertritt. "Ja!", sagen die Befürworter aus Sport, Politik und Wirtschaft, die sich im Bündnis Oja22 gesammelt haben. 22 Gründe führen sie auf ihrer Website auf. Sie schwärmen von unbezahlbaren Gewinnen für Image und Wirtschaft und preisen die Vorbildwirkung einer ökologischen Münchner Olympiabewerbung. Nachhaltig wie nie sei das Münchner Konzept. Fußball-"Kaiser" Franz Beckenbauer glaubt sogar: "Der Mensch braucht Olympische Spiele!"

Die Spiele also als Grundbedürfnis und Chance? Hubert Weiger sagt: "Nein!" Als Vorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) ist er im olympiakritischen Netzwerk NOlympia organisiert. Das hält grüne, nachhaltige Winterspiele für ein Ding der Unmöglichkeit. Weiger befürchtet irreparable Schäden in der sensiblen Alpenlandschaft, explodierende Kosten. Und er fürchtet die juristisch umstrittenen "Knebelverträge" des IOC, die das Verlustrisiko allein den Veranstaltern übertragen - also den deutschen Steuerzahlern. Den Olympiern gehe es nur noch "um die Durchsetzung einer pervertierten olympischen Idee, nicht um den Sport als solches", ist Weiger überzeugt. Eine Sichtweise, die selbst ehemalige Olympia-Teilnehmer wie Fechterin Imke Duplitzer teilen.

Drei Absagen, fünf Interessenten

Olympiagegner: Hubert Weiger vom BUND. Er lehnt Winterspiele in München als "Durchsetzung einer pervertierten olympischen Idee" ab.
Olympiagegner: Hubert Weiger vom BUND. Er lehnt Winterspiele in München als "Durchsetzung einer pervertierten olympischen Idee" ab.(Foto: picture alliance / dpa)

Die USA und Frankreich haben auf eine Teilnahme am Olympia-Rennen für 2022 verzichtet. Die Bürger Graubündens wurden im März 2013 nach ihrem Placet gefragt – und entschieden sich gegen eine Bewerbung von Davos und St. Moritz. Und das, obwohl die Schweiz als klassisches Wintersportland und Sitz des IOC äußerst aussichtsreich in die Abstimmung gegangen wäre. In München wurde das Schweizer Nein als Erfolg wahrgenommen. "Ich bin wie der DOSB der Meinung, dass es unsere Chancen deutlich erhöht hat", sagte Christian Ude, als Münchens Oberbürgermeister oberster Olympiawahlkämpfer, damals der tz. Inzwischen hat auch Oslo seinen Hut in den olympischen Ring geworfen – und gilt neben Peking als Favorit unter den bisher fünf Interessenten.

Bei einer Volksbefragung im September sprachen sich 53,45 Prozent der Osloer für eine Bewerbung aus. München muss diese Hürde erst noch überspringen. Nach den Querelen vor der Bewerbung für die Spiele 2018 war sie Bedingung für einen erneuten Anlauf. Den soll es nur geben, wenn bei allen vier Bürgerbegehren ein positives Votum herauskommt. Größter Wackelkandidat scheint das Berchtesgadener Land zu sein.

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, oberster Olympiafan seiner Stadt.
Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, oberster Olympiafan seiner Stadt.(Foto: picture alliance / dpa)

Michael Vesper, Generaldirektor beim Deutschen Olympischen Sportbund DOSB, ist nicht nur vom Münchner Olympiakonzept überzeugt. Auch davon, dass es "in Bayern und den beteiligten Kommunen eine Mehrheit für die Spiele gibt", wenn alle Befürworter auch tatsächlich abstimmen. Nicht repräsentative Umfragen in Münchner Medien zeigten zuletzt ein unübersichtliches Bild, leichte Vorteile hatten die Gegner - obwohl die sich im Wahlkampf wie beim Duell David gegen Goliath vorkamen.

Demokratisch unfair?

Drei Millionen Euro haben die Befürworter von Oja22 laut WDR in ihre Kampagne investiert. Bei den Gegnern waren es 35.000 Euro an Spenden, sagte NOlympia-Sprecher Christian Hierneis gegenüber n-tv.de.  Von der Stadt München fühlten sich die Gegner im Wahlkampf an die Wand gedrückt, demokratisch unfair, wie Hierneis sagt.

Olympisches Ringen um die Gunst der Bürger.
Olympisches Ringen um die Gunst der Bürger.(Foto: picture alliance / dpa)

Nicht nur wegen der allgegenwärtigen Pro-Plakate und Flaggen. Auch in den Münchner Tageszeitungen warb Oberbürgermeister Ude einseitig pro Olympia. Die Münchner S-Bahn forderte die Fahrgäste mit Durchsagen auf, am Sonntag mit Ja zu stimmen. Und den offiziellen Wahlunterlagen für den Bürgerentscheid wurden nur die Begründungen Pro Olympia beigelegt und "unsere Argumente nicht aufgezählt", obwohl die Grünenfraktion im Stadtrat das beantragt hatte.

Die taz forderte deshalb provokativ: "Wahlbeobachter nach München!" Die Stadt München teilt die Aufregung nicht, sondern teilte auf Anfrage von n-tv.de mit, das Verfahren bei Bürgerentscheiden sei klar geregelt. Da der Olympia-Bürgerentscheid allein von der Stadt initiiert wurde, wurde auch nur "die vom Stadtrat beschlossene Begründung mit den Abstimmungsunterlagen verschickt" - plus ein Hochglanzflyer pro Olympia, ergänzt Hierneis. Er findet, für eine objektive Wahlentscheidung seien auch die Gegenargumente notwendig.

Einmalige Gelegenheit

Für den früheren Skirennfahrer Christian Neureuther, einer von vielen prominenten Befürwortern, kann es am Sonntag nur ein Ergebnis geben - das Ja für Olympia und eine erneute Bewerbung. "So eine Gelegenheit bekommen wir nie mehr wieder", sagte der 64-Jährige: "Wir sind doch in Deutschland nicht so blöd und bescheuert, dass wir diese Chance nicht nutzen - never ever."

Wichtige Weichenstellungen für die Zukunft erhoffen sich aber auch die Olympia-Gegner. Ziel sei nicht, "eine Sport-Großveranstaltung zu verhindern, weil wir gegen alles sind", sagt NOlympia-Sprecher Hierneis. Die Olympischen Spiele sollten vielmehr langfristig wieder das werden, was sie sein sollen: "Ein Sportfest für die Jugend der Welt. Und nicht eine Steuergeld- und Umweltvernichtungsmaschine auf Kosten vieler und zu Gunsten ganz weniger."

Quelle: n-tv.de

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