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Datenschutz im Dopingkampf: Nada weist harsche Kritik zurück

Der Anti-Doping-Kampf in Deutschland wird in einer an die Presse lancierten Bewertung von Datenschützern vernichtend kritisiert. Die stört vor allem die Meldepflicht und das Prozedere bei Dopingkontrollen. Die Nationale Anti-Doping Agentur reagiert mit Unverständnis.

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Für kommenden Mittwoch ist ein Treffen zwischen der Nationalen Anti-Doping Agentur (Nada) und Datenschützern geplant, um über den Datenschutz im deutschen Dopingkampf zu beraten. Die Atmosphäre in Düsseldorf dürfte eisig werden, weil als Grundlage für die Beratungen ein eigentlich vertrauliches Papier dienen sollte. Dieses wurde aber schon am Wochenende an die Medien lanciert und sorgt seitdem für Unruhe und Unverständnis. Schließlich stellt es - offensichtlich in Unkenntnis des Spitzensportsystems - dem bisherigen Anti-Doping-Kampf in Deutschland ein vernichtendes Urteil aus.

Urin muss unter Aufsicht abgegeben werden, aus gutem Grund.
Urin muss unter Aufsicht abgegeben werden, aus gutem Grund.(Foto: picture alliance / dpa)

Zudem ist weder die Diskussion neu noch das nun scharf kritisierte Prozedere, vielmehr gilt es schon seit fast zwei Jahren. Bereits vom 1. Januar 2009 an gelten auch für die deutschen Athleten die schärferen Meldepflichten. Diese wurden von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) vorgegeben. Die Nada musste sie umsetzen. So muss jeder Spitzenathlet eine Stunde am Tag und den Ort angeben, wo er für die Dopingkontrolleure zu erreichen ist. Zudem erfolgt die Urinabgabe, im Wissen um die Schamlosigkeit von Dopern und die Verwendung von Fremdurinbeuteln oder Gummipenissen, unter direkter Aufsicht des Kontrolleurs.

In dem ungewöhnlich emotional formulierten 15-seitigen Bewertungsentwurf  ("Datenschutzrechtliche Bewertung des NADC, Nationaler Anti-Doping-Code, 2009") heißt es unter anderem, dass die Nada durch ausforschende Überwachung Einblicke in die Privatsphäre erhalte, die selbst staatlichen Strafverfolgungsbehörden nicht gestattet seien. Die Meldeauflagen zeugten "von einer geradezu grotesken Übersteigerung eines allenfalls im Grundsatz nachvollziehbaren Kontrollinteresses". Deshalb wird sogar die Forderung erhoben, dass dem Athleten die Gelegenheit gegeben werden muss, "mit sofortiger Wirkung aus dem Anti-Doping-Kontrollsystem auszusteigen". Auch im ARD-Politikmagazin "Report Mainz" äußerte der Landesbeauftragte für den Datenschutz Rheinland-Pfalz, Edgar Wagner, in einem Interview scharfe Kritik an den Tests und am Meldesystem der Nada.

Kompromisslosigkeit alternativlos

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Die reagierte äußerst überrascht auf Inhalt und Form der vorab veröffentlichten Kritik. "Es ist doch klar, dass wir nur über einen Konsens mit den Datenschützern weiterkommen. Aber die Diskussion darüber läuft ja schon zwei Jahre", sagte Nada-Sprecher Berthold Mertes. Deshalb sei man von der Veröffentlichung "derart scharfer Kritik - und das aus einem internen Papier der Datenschützer - im Vorfeld des Treffens schon überrascht". Es gebe "keine Alternative" zu einem kompromisslosen Anti-Doping-Kampf.

Das sieht auch die Sportpolitik so. "Datenschutz und Dopingkontrollsystem sind vereinbar. Die Sportler unterwerfen sich diesem System ja freiwillig, damit sie ihren Sport unter fairen Bedingungen ausüben können", sagte Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und gab zu bedenken: "Wenn man dieses Papier in letzter Konsequenz umsetzen würde, wäre das ganze Anti-Doping-System nicht mehr durchführbar." Die Autoren bezeichnete er deshalb als "praxisfern und bar jeder Kenntnis des Spitzensports". Insgesamt sieht Vesper den Bericht dennoch "eher als eine Meinungsäußerung". Er ist überzeugt, "dass es da zu einer Vereinbarung kommt".

Aufweichung unrealistisch

Die Nada beteuert, sie nehme "die datenschutzrechtlichen Bedenken einiger Spitzensportler gegenüber dem Dopingkontrollsystem sehr ernst". Bei der Konferenz am Mittwoch werde an "notwendigen Anpassungen" gearbeitet. Dass die Lage eskaliert, muss die NADA zunächst wohl nicht befürchten. "Wir haben keine Klagen in der Pipeline. Wir wollen einen fairen Interessenausgleich, in dem das System nicht zu schaden kommt", sagte Rechtsanwalt Jürgen Leister, der die Basketballer-Gewerkschaft Spin vertritt. Sie  hatte sich nach einer internen Diskussion an die rheinland-pfälzischen Datenschutzbeauftragten gewendet, die daraufhin das Papier erstellten.

Spin-Generalsekretär Jonas Baer-Hoffmann ergänzte: "Ein effektives Kontroll- und Testsystem ist natürlich notwendig und im Sinne des Sports. Aber Tatsache ist, dass die deutschen Athleten europaweit die größten Eingriffe in die Privatsphäre hinnehmen müssen. Das wollen wir ändern." Im Kern fordert Spin also eine Aufweichung der Kontrollregeln, die der Effektivität des Doping-Kampfes aber zuwider laufen würden. Der jüngste Dopingskandal in Spanien darf als direktes Resultat einer laschen Kontrollpolitik angesehen werden.

Sportler entsetzt über die Datenschützer

"Mehrere deutsche Spitzensportler" sollen sich gegenüber "Report Mainz" vom SWR "entsetzt" über die Auffassungen der Datenschützer geäußert haben. Auch DOSB-Aktivensprecher Christian Breuer äußerte sich zurückhaltend über den Schriftsatz und kritisierte die Lösungsansätze. Etwa den Vorschlag, "die körperlichen Unversehrtheit, sprich die Blutabnahme, dem Eingriff in die Privatssphäre, der Urinabnahme, künftig vorzuziehen. Da bin ich ganz anderer Meinung". Mögliche Änderungen hält er ohnehin für schwer umsetzbar: "Der Sport ist international, nicht auf Deutschland begrenzt. Wir sind eingebettet in ein weltweites System, nach dem wir uns zu richten haben."

Werner Franke fordert sogar eine Verschärfung der Kontrollen.
Werner Franke fordert sogar eine Verschärfung der Kontrollen.(Foto: dpa)

Deutschlands profiliertester Dopingjäger Werner Franke spricht genau deshalb der Nada die Kompetenz ab, in der kommenden Woche effektiv mit den Datenschützern verhandeln zu können. "Ich halte das für Schwachsinn. Die Dopingbekämpfung unterliegt der Wada, nicht der Nada. Die Nada ist nur ausführendes Organ", sagt der Molekularbiologe, der sogar radikalere Kontrollen fordert: "Das System müsste sogar verschärft werden. Allein die Tatsache, dass zwischen 23 und 6 Uhr nicht kontrolliert werden darf, führt dazu, dass in dieser Zeit wie verrückt gedopt wird - tausendfach auf dem ganzen Globus."

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Quelle: n-tv.de

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