Sport
Die Handball-Weltmeisterschaft in Katar ist aus vielen Gründen sehr umstritten.
Die Handball-Weltmeisterschaft in Katar ist aus vielen Gründen sehr umstritten.(Foto: picture alliance / dpa)

Turnier der Farce: Sechs beschämende Fakten zur Handball-WM

Von Daniel Grochow

Wirbel um das Teilnehmerfeld, Zensur der Medien, Desinteresse bei den Fans - die Handball-WM in Katar verkommt schon vor dem ersten Anwurf zur Farce. Wir haben sechs beschämende Fakten zum Großereignis zusammengestellt.

1. Die deutsche Wildcard

Die deutsche Nationalmannschaft darf nur dank einer sehr umstrittenen Wildcard an der WM teilnehmen.
Die deutsche Nationalmannschaft darf nur dank einer sehr umstrittenen Wildcard an der WM teilnehmen.(Foto: REUTERS)

Mit 24:25 und 28:29 hat die DHB-Auswahl die Playoffs gegen die polnische Auswahl verloren - und ist trotzdem bei der WM vertreten. Möglich macht das der Ausschluss der australischen Nationalmannschaft, die bei sieben Weltmeisterschaften vertreten war, plötzlich aber zu schlecht für die Endrunde ist. Der Handball-Weltverband IHF verweigerte dem Kontinentalverband Ozeanien die Anerkennung und erklärte Australiens Qualifikation für ungültig. Die Begründung: Der Handball in Ozeanien mache keine Fortschritte, zudem habe der Kontinentalverband zu wenige Mitglieder. Beides ist nicht von der Hand zu weisen, trotzdem rechtfertigt es nicht die Rücknahme des bereits zugesicherten WM-Startplatzes.

Dass ausgerechnet Deutschland die Wildcard bekam, hat die Auswahl ihrem "guten" Abschneiden bei der WM 2013 zu verdanken. In Spanien wurden die Deutschen zwar nur Fünfter, damit aber immer noch die beste Nation, die sich nicht für die Endrunde in Katar qualifiziert hat - so zumindest die Argumentation des IHF. Das Problem: Laut den Regularien für IHF-Veranstaltungen darf die Kontinentalföderation des amtierenden Weltmeisters den Platz vergeben, sollte eine qualifizierte Mannschaft nicht antreten. Weil Spanien den Titel hält, hätte das eigentlich den europäischen Verband EHF auf den Plan rufen müssen, dessen Rangliste sich auf den Ergebnissen der EM 2014 sowie den Playoffs zusammensetzt und Island als Nachrücker vorgesehen hätte.

Video

Der frühere Nationalspieler und Welt-Handballer Daniel Stephan sprach deshalb von einer "Lex Deutschland". Die IHF brauche den DHB mit seinen rund 800.000 Mitgliedern nur als Zugpferd für die Öffentlichkeit, so der Tenor in den Medien. Nationalspieler Patrick Groetzki twitterte kurz nach der Entscheidung des IHF wahre Worte, die bei den Herrschaften vom Weltverband aber wohl nicht mehr als ein Schulterzucken auslösen: "Irgendwie ein komisches Gefühl, auf so eine Art und Weise qualifiziert zu sein."

2. Politik steht über dem Sport

Letztendlich hat es Island dann doch noch geschafft, sich für die Endrunde zu qualifizieren, die Hintergründe dafür sind aber ebenfalls fragwürdig. Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate zogen ihre Teilnahme aus politischen Ressentiments zurück. Die Staatenlenker warfen den Herrschern des Emirates Katar vor, Islamisten in Syrien zu unterstützen. Mittlerweile haben es sich sowohl Bahrain als auch die Vereinigten Arabischen Emirate wieder anders überlegt, dem IHF war das aber egal. Der Weltverband freut sich nun über die Teilnahme der großen Handball-Nation Island und der Auswahl Saudi-Arabiens, die in der Asienmeisterschaft übrigens als sechstbeste Nation hinter den fünfplatzierten und nicht bei der WM vertretenen Südkoreanern geführt wird.

Spielplan der Handball-WM

Wer spielt wann gegen wen? Alle Informationen zu den Spielen bei der Handball-Weltmeisterschaft in Katar finden Sie hier.

Es geht hier ganz offensichtlich um Politik und Vetternwirtschaft, die sich auch am Beispiel Ägyptens zeigt. Weil Katar keinen Hehl daraus macht, die Muslimbruderschaft in Ägypten zu unterstützen, stand ein Boykott im Raum. Dass es nicht dazu kommt, liegt schlichtweg in der Tatsache, dass IHF-Präsident Hassan Moustafa aus Ägypten stammt und selbstredend gute Kontakte in die politischen Kreise seines Heimatlandes pflegt.

3. Pressefreiheit - in Katar ein Fremdwort

Obwohl die deutsche Nationalmannschaft vertreten ist, haben sich die öffentlich-rechtlichen Sender letztlich gegen eine Übertragung der Handball-WM entschieden. Streitpunkt mit dem Rechteinhaber BeIn Sports, dem Sportableger des federführenden Senders Al Jazeera, und der SportA sollen nicht die Kosten gewesen sein. Vielmehr scheiterte der Deal an der Frage, ob die Satelliten, die ARD und ZDF nutzen, unverschlüsselt senden dürfen oder nicht. Der Deal platzte, die WM wird in Deutschland deshalb nur im Bezahlfernsehen übertragen.

Was die Zuschauer an den Bildschirmen von der WM zu sehen bekommen, liegt größtenteils in den Händen der Kataris, die darauf bedacht sind, dass bloß nichts Negatives in die Öffentlichkeit dringt. Für einen Dreh brauchen TV-Journalisten die Einladung eines Offiziellen, an die nur schwer heranzukommen ist. Hat man die Hürde überwunden, bekommen die Pressevertreter einen Aufpasser an die Seite gestellt, der einem ganz genau auf die Finger schaut. Der katarische Verband regelt, wer als Gesprächspartner überhaupt infrage kommt, für jede Interviewfrage muss man sich dann auch noch rechtfertigen, berichtet ein ARD-Reporter, der zusammenfasst: "Von freier Berichterstattung kann da natürlich nicht die Rede sein."

4. Die Auswahl Katars - ein Haufen Söldner

Goran Stojanovic ist einer der eingekauften Söldner in Katars Nationalteam.
Goran Stojanovic ist einer der eingekauften Söldner in Katars Nationalteam.(Foto: picture alliance / dpa)

Weil die Gastgeber nicht gerade als Handball-Macht bekannt sind, haben die Kataris mal flugs eine komplette Mannschaft eingebürgert. Goran Stojanovic ist im früheren Jugoslawien geboren, hat 43 Länderspiele für Montenegro auf dem Buckel - und hütet seit Kurzem das Tor der Auswahl Katars. Für seinen Spieler-Ausweis ließ sich der Ex-Keeper der Rhein-Neckar Löwen im traditionellen Thawb samt Turban ablichten. "Ich respektiere die Kulturen anderer Länder", sagt Stojanovic, der drei Jahre nicht für Montenegro gespielt hat und deshalb die Nationalmannschaft wechseln kann.

Diese Regelung, die ein Nationen-Turnier ad absurdum führt, haben sich die Scheichs zuletzt zunutze gemacht. Mit Rückraumspieler Zarko Markovic, einst für Frisch Auf Göppingen und den HSV Hamburg am Ball, wurde noch ein zweiter Montenegriner eingebürgert. Danijel Saric, der viele Jahre beim FC Barcelona das Tor auf Weltniveau hütete, ist Bosnier und als weiterer Neu-Katarer im Aufgebot. Schon etwas länger hat der ehemalige französische Nationalspieler Bertrand Roine den katarischen Pass. Zur Multikulti-Truppe gehören außerdem Kubaner, Tunesier und Ägypter. Dass mit Valero Rivera ein spanischer Trainer das Zepter schwingt, passt da ins Bild.

5. Handball-Fans sucht man in Katar vergeblich

Riesige Hallen mit bis zu 15.000 Plätzen wurden gebaut, aber kommen auch Zuschauer?
Riesige Hallen mit bis zu 15.000 Plätzen wurden gebaut, aber kommen auch Zuschauer?(Foto: picture alliance / dpa)

Zwar wird das Turnier über TV-Spots und Social-Media-Kanäle groß beworben, ein Handball-Hype will in Katar trotzdem nicht aufkommen. Dass es im Land gerade einmal 200.000 Kataris gibt, macht es nicht leichter, die riesigen Arenen mit Kapazitäten bis zu 15.000 Zuschauern zu füllen. Da trifft es sich natürlich bestens, dass nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen mehr als 2 Millionen Gastarbeiter in Katar ausgebeutet werden. Laut übereinstimmenden Medienberichten wurden die Arbeiter bei den Stadioneröffnungen mit Bussen zu den Spielen gekarrt, um Stimmung zu machen. Einpeitscher mit Megafonen sollen sicherstellen, dass Männer aus Nepal oder Bangladesch nicht nur teilnahmslos auf den Sitzschalen hocken.

6. Die Stars sitzen auf der Tribüne

Wenn die Kataris im Eröffnungsspiel gegen Brasilien antreten, richten sich die Blicke nicht nur auf das Feld, sondern vor allem auf die Tribüne. Damit die Weltöffentlichkeit das Spektakel im Wüstenstaat auch ja auf dem Schirm hat, wurde im Vorfeld um die ganz großen Namen geworben - mit Erfolg. Fußball-Trainer Pep Guardiola, der mit seinem FC Bayern zurzeit im Trainingslager in Doha weilt, hat sich beispielsweise angekündigt.

In den drei Hallen, die eigens für das Turnier gebaut wurden und mehr als 200 Millionen Euro gekostet haben, gibt es mehr als nur die üblichen VIP-Bereiche. Die 'VVIPs', also die "very, very important people" verfolgen das Spektakel in separaten Lounges, um dort der Frage nachzugehen, wie aus viel Geld noch mehr Geld gemacht wird. Vor allem ausländische Investoren haben in den vergangenen Monaten eine Einladung bekommen. In Katar soll nicht nur über Handball, sondern doch bitte auch über das Geschäft gesprochen werden. Kapital schlägt Sport - ein Vorgeschmack auf die nächsten Großveranstaltungen im Wüstenstaat.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen