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Klare Botschaft von Bundestrainer Joachim Löw an Max Kruse: Du bist erstmal raus.
Klare Botschaft von Bundestrainer Joachim Löw an Max Kruse: Du bist erstmal raus.(Foto: imago sportfotodienst)

Der falsche Zeitpunkt, Herr Löw!: Warum Kruses Rauswurf ungerecht ist

Ein Kommentar von Tobias Nordmann

Max Kruse hat am Wochenende spielfrei. Bundestrainer Joachim Löw wirft den Wolfsburger aus dem DFB-Aufgebot. Der Grund? Mangelnde Vorbildfunktion. Das wirkt arg konstruiert und wirft Fragen auf. An Joachim Löw.

Möglicherweise verpasst Max Kruse im Sommer sein zweites Fußball-Großturnier. Und das nicht, weil er sportlich enttäuscht. Nein, Max Kruse ist trotz aktueller Formkrise ein guter, manchmal sehr guter Fußballer. Eben einer für die Nationalmannschaft. Aber er hat einen großen Makel. Einen, der so gar nicht zum Weltbild von Bundestrainer Joachim Löw passt: Max Kruse liebt Fußball, aber er liebt auch das großspurige Leben. Er macht es der Öffentlichkeit zu leicht, ihn als Skandalprofi abzustempeln. Das wird ihm nach der verpassten WM 2014 nun erneut zum Verhängnis. In den Testspielen des DFB gegen England und Italien hat der 28-Jährige unfreiwillig spielfrei - wegen wiederholt unprofessionellen Verhaltens, wie Bundestrainer Joachim Löw sagt. Doch fair ist das nicht. Nicht jetzt.

Denn am Samstagabend hat Max Kruse das gemacht, was jeder Mensch mit Anspruch auf Privatsphäre auch getan hätte. Bei seiner Geburtstagsnachfeier in einem Berliner Club wurde der Wolfsburger von einer unbekannten Frau ohne seine Zustimmung fotografiert. Was auf den Bildern zu sehen ist? Ausschweifende Partyszenen? Oder bloß harmlose Schnappschüsse vom tanzenden Kruse mit Freunden? Wir werden es nicht zu sehen bekommen. Denn die Bilder sind gelöscht. Von Kruse persönlich. Er hat der Frau – wie sich später rausstellte, einer Journalistin der "Bild"-Zeitung - das Handy weggenommen und die fotografierten Erinnerungen von ihrem Smartphone getilgt. Eine sicher ungewöhnliche, aber nachvollziehbare Reaktion.

Falsch interpretiert

Und ein Fehler: Denn Kruse war schon vorher angezählt. Von seinem Verein, vom Bundestrainer. Seine Karriere, urteilten Voreilige bereits, hänge am seidenen Faden. Kruse müsse endlich erwachsen werden, sich wie ein Profi verhalten, Vorbild sein. Und es stimmt ja, das Verhalten des Nationalspielers wirkte in der Vergangenheit oft unseriös. So wie am Samstag?

Nein, denn Kruses Reaktion vom Wochenende sagt doch eigentlich Folgendes: Bitte keine Fotos, ich will nicht schon wieder negative Schlagzeilen produzieren! Denn selbst wenn der VfL-Stürmer nicht wusste, dass er das Handy einer Journalistin kurzzeitig kaperte, weiß Kruse doch, was unerwünschte, über soziale Medien verbreitete Fotos verursachen können: Schlagzeilen! Und die sind in der Regel nie positiv.

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Ist Kruses Rauswurf aus dem DFB-Team gerechtfertigt?

Die Medien haben sich in den vergangenen Wochen ohnehin auf ihn eingeschossen. Stellen wir uns bloß vor, er trägt im nächsten Bundesligaspiel einen roten und einen gelben Schuh – und spielt dazu auch noch schlecht: Was für ein Aufschrei. Der Kruse! Kümmert sich mehr um Mode als um Fußball. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Nichts. Trotzdem werden mitunter bizarre Zusammenhänge hergestellt auf der Jagd nach der nächsten wilden Geschichte. Gibt's keine, wird eine konstruiert. Irgendwas findet sich doch immer – siehe Kruse und sein "Nutella-Problem". Zumal er schon vorbelastet ist.

Bei einem Länderspiel im November 2013 in England soll er hartnäckigen Gerüchten zufolge unerlaubt "Damenbesuch" im Hotel empfangen haben. Dann prahlte er damit, bereits Sex mit "Bachelor"-Kandidatin Cindy gehabt zu haben. Das Datingportal "Tinder" nutzte er mal mehr, mal weniger erfolgreich zur Brautschau. In Berlin ließ er schließlich in einem Taxi versehentlich 75.000 Euro liegen. Dass er gerne um viel Geld pokert, macht das Bild des selten demütigen, oft unnahbar und abgehoben wirkenden Lebemanns Kruse perfekt.

Reus, Podolski - Nachsicht, Milde

Ein Bild, das im nahezu unüberwindbaren Widerspruch zum von Löw gewünschten, stets seriösen Vorbild-Profi steht, auch wenn der Bundestrainer dieses Leitbild nur sehr selektiv und bevorzugt bei Ergänzungsspielern einfordert. Denn seine eigenen Vorgaben verfolgt Löw vor allem so: konsequent inkonsequent. Da wäre zum Beispiel der Fall Marco Reus. Der BVB-Star fuhr jahrelang ohne Führerschein durch die Gegend. Vorbildhaft? Leider gar nicht. Da wäre der Fall Lukas Podolski. Er verpasste Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack in einem Länderspiel 2009 gegen Wales eine Ohrfeige. Keine besonders gelungene Aktion. Löw hat zwar in beiden Fällen die Spieler kritisiert, ernsthafte Konsequenzen gab es aber nicht. Und selbst Kevin Großkreutz durfte trotz Dönerwurf und Pinkel-Pöbel-Affäre mit zur Weltmeisterschaft – wenn er auch danach zügig aussortiert wurde.

Kruse nun wegen einer nachvollziehbaren menschlichen Reaktion an den Pranger zu stellen und öffentlich abzustrafen, ist im aktuellen Fall unfair. Ihn nach Bekanntwerden der "Taxi-Affäre" vergangene Woche einfach gar nicht zu nominieren, wäre viel angemessener gewesenum nicht zu sagen: vorbildhaft.

Quelle: n-tv.de

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