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Montag, 11. Juli 2016

Ein Foul, Tränen und der EM-Triumph: Ronaldo pusht Portugal mit heiliger Schläue

Von Stefan Giannakoulis, St. Denis

Keine halbe Stunde auf dem Platz zu stehen und doch die Geschichte des Spiels zu schreiben - das schafft nur Ronaldo. Portugal schlägt Frankreich und der Superstar ist nun auch Europameister. Dabei schien alles schon verloren.

Flugs hatte er sein rotes Trikot mit der Nummer sieben wieder übergestreift und sich auch die Kapitänsbinde vom Kollegen Nani zurückgeben lassen. Um die Hüften hatte er sich die Fahne seines Landes gebunden. Denn er wusste: Diese Bilder gehen um die Welt. Und mit Inszenierungen kennt Cristiano Ronaldo sich aus. Andere setzen sich in diesem Geschäft auch in Szene, aber keiner kann das so gut wie er. Und er streckte auch als Erster den Pokal in den Nachthimmel über Saint Denis. Wer sonst? Es war sein Abend. Dabei war er nur eine knappe halbe Stunde dabei. Das schafft auch nur Ronaldo.

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Portugals Fußballer sind Europameister, zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Das ist die Nachricht. In einem Finale von überschaubarer Qualität setzte sich die Mannschaft, die mit drei Remis in das Turnier gestartet und als Dritter der Gruppe F so gerade ins Achtelfinale gestolpert war, am Sonntagabend mit 1:0 in der Verlängerung gegen Frankreich durch. Meister Éder, Angreifer vom OSC Lille, hatte in der 109. Minute mit einem Schuss aus gut 20 Metern das Tor vor 75.888 Zuschauern im Stade des France erzielt und die siegesgewissen Gastgeber aus ihren Titelträumen gerissen. Er war nach 79 Minuten für Renato Sanches eingewechselt worden, der seit Monatsbeginn zum FC Bayern gehört und mit seinen 18 Jahren von der Uefa als bester Nachwuchsspieler des Turniers geehrt wurde.

Trainer Fernando Santos dankte hinterher als gläubiger Katholik zuerst Gott und beschrieb den sensationellen Triumph seiner Minimalisten mit einem Zitat Jesu aus der Bibel: "Wir waren arglos wie die Tauben und klug wie die Schlangen." Mit heiliger Schläue zum Titel - anders ist das wohl nicht zu erklären. Abwehrchef Pepe, der beim 2:0 im Halbfinale gegen Wales noch verletzt gefehlt hatte, mithin in der einzigen Partie, die Portugal in 90 Minuten gewonnen hat, beurteilte die Lage ein wenig weltlicher, lobte seine Kollegen und auch den Vordenker an der Seitenlinie. Santos habe den Plan B ausgepackt. "Er hat die Mannschaft umgestellt und die richtigen Spieler zur richtigen Zeit eingewechselt."

"Ich verdiene es, Portugal verdient es"

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Doch die Geschichte dieses Endspiels schrieb Ronaldo, wenn auch nicht freiwillig. Hinterher sagte der Star von Real Madrid: "Ich habe immer davon geträumt, etwas mit Portugal zu gewinnen. Ich verdiene es, Portugal verdient es, die Fans verdienen es." Dabei schien alles schon vorbei, bevor es richtig begonnen hatte - im Grunde schon nach gerade einmal acht Minuten. Da foulte ihn Dimitri Payet, vielleicht unabsichtlich, aber mit verhängnisvollen Folgen. Dabei mutete die Situation zunächst harmlos an. Ronaldo bekam den Ball im Mittelfeld, zog ihn mit der Sohle zurück, als Payet in seinem Rücken herbeieilte. Der Franzose traf zwar mit seinem linken Fuß den Ball, sein rechtes Knie aber rammte er in das linke Ronaldos. Der schrie, bevor er am Boden lag und schlug dann mit dem Arm mehrmals auf den Rasen. Der englische Schiedsrichter Mark Clattenburg ahndete diese Attacke nicht, das Spiel lief weiter, während Portugals Kapitän an der Seitenlinie behandelt wurde. Die spanischen Zeitungen "Marca" und "AS" berichteten hinterher, er habe sich das Innenband gezerrt, also nicht schwerer verletzt.

Was folgte, war ein kleines Drama. Die Zuschauer pfiffen, während Ronaldo sich fortan nur noch über den Platz schleppte. Aber aufgeben, das wollte er nicht. Und nach 17 Minuten saß er schon wieder auf dem Rasen und streckte beide Beine nach vorne, nachdem er vergeblich versucht hatte, einen Sprint anzusetzen. Wieder pfiff das Publikum, sofern es nicht den Portugiesen zugeneigt war. Doch Ronaldo mochte immer noch nicht einsehen, dass es vorbei war, obwohl er es geahnt haben muss. Auf den Bildschirmen war zu sehen, wie er dort saß und weinte, eine Motte schwirrte vor seinem rechten Auge. Die Ärzte umwickelten sein lädiertes Knie mit einem grauen Verband - und es ging weiter. Aber nur für fünf Minuten. Dann riss er sich die Kapitänsbinde vom Arm und winkte zur Bank. Das Spielfeld verließ er auf einer Trage. Und nun applaudierte das ganze Stadion.

Und plötzlich war er wieder da

Aber dieses Finale war seitdem kein Finale mehr, sondern einfach nur noch Portugal gegen Frankreich. So passte dieses Endspiel wenigstens zu einem unspektakulären Turnier, auch wenn sich alle einen etwas glamouröseren Abschluss erhofft hatten. Doch die Portugiesen machten das Beste aus ihrer misslichen Lage, mithin das, was sie am besten können. Mit einer ebenso konzentrierten wie kompromisslosen Defensivtaktik hielten sie erst einmal das 0:0 und zwangen den Gegner in die Verlängerung. Und plötzlich war auch Ronaldo wieder da. In kurzer Hose, Sweatshirt und in Turnschuhen humpelte er durch die Coachingzone vor der portugiesischen Bank und machte den Eindruck eines Mannes, der nicht weiß, wohin mit sich. Einmal schlug er seinem Trainer Santos wie von Sinnen von hinten auf die Schultern. Er gestikulierte, er dirigierte, er schrie, er feuerte sein Team an. Er kämpfte, machtlos zwar, aber nicht minder engagiert, um seinen großen Traum. Und er gewann.

Abwehrchef Pepe, den die Uefa zum Mann des Spiel hatte wählen lassen, kam am Ende dieses langen Abend mit der goldenen Medaille um den Hals und einen Portugal-Schal um die Hüften gebunden in den Keller des Stade de France, um ein paar Fragen der Journalisten zu beantworten. Und natürlich haben sie ihn als Erstes nach Ronaldo gefragt. "Es war hart, weil wir unseren wichtigsten Mann verloren haben. Wir hatten all unsere Hoffnungen in ihn gesetzt, weil er ein Spieler ist, der zu jeder Minute ein Tor erzielen kann." Und als der Kapitän rausging, da habe er zu seinen Kollegen gesagt: "Jetzt müssen wir es für ihn gewinnen. Wir haben für ihn gekämpft."

Zum Schluss wurde er noch gefragt, ob er glücklich sei über Ronaldo - als Assistenztrainer. Da musste selbst der sonst stets grimmig dreinschauende Pepe lachen. Geantwortet hat er allerdings nicht. An Ronaldo aber führte auch an diesem Abend kein Weg vorbei. Als die Portugiesen nach der Siegerehrung zu ihren Fans in die rote Ecke des Stadions zogen, ging er voran, den Pokal im Arm. Und die Anhänger sangen: "Cristiano Ronaldo, Cristiano Ronaldo!" Erst dann stimmten sie ihr "Portugal! Portugal!" an. Eine Inszenierung, wie von ihm erdacht. Und wieder weinte er. Dieses Mal aber vor Glück.

Quelle: n-tv.de