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Volles Stadion in Chemnitz: Mehr als 50.000 Menschen sahen das Hinspiel in dieser Olympiaausscheidung.
Volles Stadion in Chemnitz: Mehr als 50.000 Menschen sahen das Hinspiel in dieser Olympiaausscheidung.

Von deutsch-deutscher Verständigung keine Spur: Als Herbergers Elf Olympia verpasste

Von René Wiese

Als vor 50 Jahren die Fußballer der DDR und der Bundesrepublik gegeneinander um das Olympiaticket für die Sommerspiele 1964 kämpfen, ist das ein Spiel im Schatten der Mauer. Aber das IOC setzt beide Verbände unter Druck. Der DFB setzt auf Sympathie - doch am Ende fliegen die Staatsamateure nach Tokio.

Das Ernst-Thälmann-Stadion in Karl-Marx-Stadt ist mit 50.000 Zuschauern restlos ausverkauft. Aus allen Teilen der DDR sind die Fußballinteressierten an diesem herrlichen Septembertag 1963 angereist, um die von Weltmeister-Trainer Sepp Herberger betreute Amateur-Auswahl der Bundesrepublik im Spiel gegen die Olympia-Auswahl der DDR zu sehen. Es ist das erste von zwei Ausscheidungsspielen um das Ticket zu den Spielen in Tokio 1964.

1963 hatte sich die Abkürzung "BRD" für die Bundesrepublik Deutschland in der DDR noch nicht durchgesetzt.
1963 hatte sich die Abkürzung "BRD" für die Bundesrepublik Deutschland in der DDR noch nicht durchgesetzt.

Bereits am Nachmittag, lange Zeit vor Beginn des Spiels, haben sich die Ränge des Stadions derart gefüllt, dass der Stadionsprecher die Zuschauer immer wieder bitten muss, doch zusammenzurücken. Die Stadt hat sich herausgeputzt. Freiwillige des Sportclubs Karl-Marx-Stadt haben die Tribüne des Stadions nur wenige Tage vorher frisch gestrichen. Alles passt: Sonnenschein, Stimmung und die Freude auf ein gutes Spiel. Als die Mannschaften einlaufen, brandet Beifall auf. Begleitet von der olympischen Fanfare nehmen die Teams in der Mitte des Platzes Aufstellung. Anstelle der Nationalhymnen erklingt Beethovens "Ode an die Freude" - ein musikalischer Kompromiss in Zeiten des Kalten Krieges. Auch andere sportpolitische Rücksichtnahmen prägen das strenge Protokoll des Ablaufs.

Keine Nationalflaggen, selbst auf den Trikots fehlt jegliche nationale Symbolik. Statt Hammer-Zirkel-Ährenkranz und Bundesadler tragen beide Mannschaften das olympische Zeichen der gesamtdeutschen Mannschaft von Rom 1960 auf der Brust: fünf weiße olympische Ringe auf schwarz-rot-goldenem Grund. Beide Teams sind gründlich auf das Kräftemessen vorbereitet. Die westdeutsche Amateur-Elf absolvierte ein einwöchiges Trainingslager im bayrischen Hof, nahe der deutsch-deutschen Grenze.

Verbrüderung? Auf keinen Fall!

In unmittelbarer Nähe der Grenze kamen auch die ostdeutschen Kicker zusammen. Die Punktspiele der Oberliga waren eigens ausgesetzt worden, damit die ostdeutschen Spieler sich optimal in Suhl vorbereiten konnten. Und nicht nur sportlich: Der DTSB hatte eigens einen seiner besten Propagandisten, den DTSB-Sekretär Alfred Heil, entsandt, um mit den Spielern ideologische Abgrenzung gegenüber den Westdeutschen einzuüben. Eine Verbrüderung mit den westdeutschen Fußballern sollte in Karl-Marx-Stadt auf keinen Fall geduldet werden, auch wenn das Hotel-Quartier des DDR-Olympiateams in Limbach-Oberfrohna den Namen "Völkerfreundschaft" trug.

Von vornherein prägte eine sportliche Asymmetrie die Begegnung: Während Herberger und sein Assistenztrainer Helmut Schön laut olympischem Statut ausschließlich auf Spieler aus dem Amateurlager zurückgreifen durften, standen im Aufgebot von DDR-Nationaltrainer Karoly Soos "Staatsamateure" aus der höchsten Spielklasse. Die Mannschaft war damit nahezu mit der DDR-Nationalelf identisch. Laut Fifa durften die Berufenen allerdings keine WM-Qualifikationsspiele bestritten haben, um bei Olympia startberechtigt zu sein. Davon profitierte Stürmer Otto Fräßdorf vom ASK Vorwärts Berlin. Da einige Nationalspieler wie der Jenaer Weltstar Peter Ducke die WM-Qualifikation für die DDR gespielt hatten, schlug die Stunde für Fräßdorf.

Erinnert sich an "guten und fairen Kontakt mit den Bundesdeutschen": Otto Fräßdorf.
Erinnert sich an "guten und fairen Kontakt mit den Bundesdeutschen": Otto Fräßdorf.

Nach dem herzlichen Empfang im Stadion bedanken sich die DFB-Amateure schon vor dem Spielbeginn beim Publikum. Sie haben Blumensträuße mitgebracht, die sie den Stadionbesuchern zuwerfen. Der DFB setzt auf Sympathie. Wie schon 1955 beim Länderspiel der westdeutschen Nationalelf gegen die Sowjetunion in Moskau soll die Geste das Eis im Kalten Krieg brechen. Fräßdorf erinnert sich, dass "wir auf dem Platz einen guten und fairen Kontakt mit den Bundesdeutschen hatten." Die beiden Kapitäne Jürgen Nöldner und Hermann Michel reichen sich herzlich zur Begrüßung die Hand. Der Westdeutsche gewinnt die Wahl und entscheidet, mit der Sonne im Rücken die erste Halbzeit zu bestreiten.

Anpfiff und das Spiel beginnt. Die DFB-Amateure kommen gut ins Spiel. Anfänglich erspielen sie sich einige Möglichkeiten. Ein unverhoffter Schuss des Haßfurter Krehs klatscht an den Pfosten des DDR-Tores. Nach und nach übernimmt jedoch der Favorit das Heft des Handelns. Nach 25 Minuten ist die Gegenwehr der Amateure erstmals gebrochen. Der Halblinke Heino Kleiminger vom SC Empor Rostock erläuft einen 30-Meter-Pass von Kapitän Nöldner und erzielt mit einem beherzten Schuss das 1:0. Nur sechs Minuten später eine ähnliche Situation auf dem rechten Flügel. Rainer Nachtigall sprintet nach einem glänzenden Zuspiel von Kleiminger auf das Tor zu, umkurvt Abwehrspieler und Torwart und passt zum frei stehenden Hermann Stöcker, der ohne Mühe einschiebt. Halbzeitstand 2:0.

Nun trennte auch die Mauer

Ein Hauch von Humor: So sah der Karikaturist der ostdeutschen "Fußball-Woche" die Partie.
Ein Hauch von Humor: So sah der Karikaturist der ostdeutschen "Fußball-Woche" die Partie.

Die Konstellation der Spielpaarung hat einen komplizierten sportpolitischen Hintergrund. Trotz staatlicher Teilung, das war eine strenge Auflage des Internationalen Olympischen Komitees, mussten die DDR und die Bundesrepublik von 1956 bis 1964 mit einer gemeinsamen Olympiamannschaft starten. Die Fußballverbände in Ost und West, der DFV und der DFB, wurden deshalb wie in anderen Sportarten aufgefordert, über die Bildung einer gesamtdeutschen Fußballmannschaft für die Sommerspiele in Tokio zu beraten. Aber nach welchen Kriterien und wie sollte das Team zusammengestellt werden? Eine heikle Aufgabe, da beide deutsche Seiten um jeden Zentimeter Boden rangen.

Schon einmal, 1959, war nach endlosen Verhandlungen eine politisch höchst fragwürdige Entscheidung getroffen worden. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit waren zwei Geisterspiele anberaumt worden, die eine favorisierte DDR-Elf gegen die westdeutschen Amateure sensationell verlor. Nun, vier Jahre später, mittlerweile trennte auch die Mauer die Deutschen in Ost und West, ist die Atmosphäre ähnlich angespannt: erst nach zähen Verhandlungen einigten sich beide Seiten auf zwei Ausscheidungsspiele in Karl-Marx-Stadt und Hannover.

Kein Trikottausch, kein Bankett

In der zweiten Halbzeit hat die DDR-Elf das Spiel fest im Griff. Es mehrt sich Chance um Chance, aber noch kann Tormann Manfred Martinschledde seinen Kasten sauber halten. Nach einer westdeutschen Ecke kommt in der 56. Minute die DDR in Ballbesitz und schaltet besonders schnell um. Fräßdorf spielt auf den frei stehenden Nöldner, der auf den Torwart zuläuft, ein Dribbling andeutet, doch dann jedoch den Ball dem Keeper frech durch die Beine spielt. Die Zuschauer sind aus dem Häuschen. Im Verlauf der Partie hält die Überlegenheit der ostdeutschen Mannschaft weiter an. Fräßdorf zeichnet sich durch gewagte Direktschüsse und große Einsatzfreude aus, hätte sogar fast das 4:0 erzielt, als er an einer Rückgabe zum Torwart Martinschledde vorbeischliddert. Am Ende bleibt es beim deutlichen und verdienten 3:0 für die Olympia-Mannschaft der DDR.

Nach dem Spiel geht man schnell auseinander, wie Otto Fräßdorf sich erinnert. Kein Trikottausch, kein Bankett, von deutsch-deutscher Verständigung keine Spur. Abseits des Platzes dürfen sich die Spieler nach Willen der SED keines Blickes würdigen. Doch war erst das erste Match gespielt. Allerdings ließen sich die "Staatsamateure" der DDR diesen klaren Vorsprung in Hannover nicht mehr aus der Hand nehmen. Sie verloren zwar das Rückspiel genau eine Woche später am 22. September 1963 nach einer durchwachsenen Leistung mit 2:1, hatten aber im Gesamtklassement mit 4:2 die Nase vorn.

In der folgenden Qualifikation warteten jedoch schwerere Brocken: Nach Siegen über die Niederlande und insbesondere über das Team des amtierenden Europameisters Sowjetunion, war der Weg nach Tokio zum olympischen Fußball-Turnier frei. Dort spielte die Elf von Karoly Soos mit großartigem Mannschaftsgeist auf. Am Ende gewann die Mannschaft überraschend eine Bronzemedaille, die erste olympische Medaille einer deutschen Mannschaft überhaupt. Der Weg dorthin begann mit Blumen in Karl-Marx-Stadt, als Deutschland gegen Deutschland spielte.

Quelle: n-tv.de

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