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Erst wird gekeilt, dann versöhnt: Erik Durm (l.) und Kevin Großkreutz.
Erst wird gekeilt, dann versöhnt: Erik Durm (l.) und Kevin Großkreutz.(Foto: imago/Jan Huebner)

Keine Gnade für Großkreutz: BVB-Grenzgänger liefern "perfektes Spiel"

Von Felix Meininghaus

Es ist das Aus für den VfB Stuttgart im DFB-Pokal - auch für Neuzugang Kevin Großkreutz. Ausgerechnet sein Ex-Verein aus Dortmund beendet die Träume von der Trophäe. Seine Liebe zum BVB bleibt trotzdem ungebrochen.

Nach dem Schlusspfiff war alles wieder gut: Erik Durm und Kevin Großkreutz treffen sich in der Nähe der Mittellinie, nehmen sich in die Arme und schlendern gemeinsam vom nassen Rasen des Stuttgarter Stadions. 90 Minuten lang hatten sich die beiden Profis leidenschaftlich beharkt, Anfang der zweiten Halbzeit hatte Großkreutz sogar gelb gesehen, als er Durm rüde von den Beinen holte. Dabei waren es die Außenspieler bislang gewohnt, in einer Mannschaft zu spielen. Doch das hat sich geändert.

Gelb war eigentlich Großkreutz' Lieblingsfarbe in Sachen Fußball.
Gelb war eigentlich Großkreutz' Lieblingsfarbe in Sachen Fußball.(Foto: imago/ActionPictures)

Was im schnelllebigen Fußballgeschäft gang und gäbe ist, weil Spieler die Vereine oft schneller wechseln als Lothar Matthäus seine Frauen, verdient in diesem Falle eine nähere Betrachtung. Kevin Großkreutz gehörte zu den wenigen Ausnahmen, bei denen Vereinstreue in Stein gemeißelt schien. Mit drei Jahren stand der Ur-Dortmunder das erste Mal in der Gelben Wand der Südtribüne, gerade bei ihm passte der Slogan "Echte Liebe", mit dem der börsenorientierte Klub sein Produkt zu Markte trägt.

Verwirrung bei Marco Reus

Doch nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft in Brasilien, bei der Großkreutz keine Sekunde gespielt hatte, erfolgte das Unvorstellbare: Trennung. Der Wechsel zu Galatasaray Istanbul erwies sich als Irrtum, nun kickt der Ruhrpottler durch und durch also in Schwaben. Größere Ressentiments sind durch das Auseinandergehen offenbar nicht entstanden, nach dem 3:1 (2:1) des BVB im Pokal-Viertelfinale beim VfB Stuttgart gab es nach einem ebenso hochklassigen wie leidenschaftlich geführten Spiel viele versöhnliche Worte. "Es ist schön für ihn, den Weg in die Bundesliga zurückzufinden", sagte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc. Großkreutz selbst betonte, wie sehr er sich gefreut habe, "die alten Kollegen wiederzusehen". Gewöhnungsbedürftig war das Szenario dann aber doch. Fand zumindest Marco Reus: "Es ist komisch, wenn Kevin in der anderen Mannschaft spielt."

Warum Großkreutz von Thomas Tuchel als verzichtbar eingestuft wurde, zeigten die rassigen 90 Minuten von Stuttgart. Dortmunds Trainer setzte mit Piszczek, Ginter, Schmelzer und Durm gleich vier Akteure ein, die sich auf der defensiven Außenbahn zuhause fühlen. Dem Terrain also, das auch Großkreutz am liebsten beackert. Tuchels Matchplan, die Flügel zu verdichten, um die überfallartigen Attacken des Gegners im Ansatz zu ersticken, ging voll auf. "Wir wussten um die offensiven Stärken des VfB, der dank seines Umschaltspiels und seiner Schnelligkeit bei Kontern hochgefährlich ist. Deswegen war es wichtig, die Spielkontrolle zu haben und Stuttgart auf keinen Fall kontern zu lassen", sagte der 42-Jährige: "Wir wollten die Konter verhindern, bevor sie entstehen - auch durch mehr körperliche Präsenz auf dem Platz - und das ist aufgegangen."

Tuchel ist "vorbehaltlos zufrieden"

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Tuchel strahlte, nachdem seine abendliche Schicht im strömenden Regen beendet war und er im trockenen Innentrakt des Stadions Rede und Antwort stand: "Ich bin vorbehaltlos zufrieden. Wir haben unter absolut schwierigen Bedingungen gegen einen sehr starken Gegner 90 Minuten lang überzeugt." Der Trainer ging sogar soweit zu sagen: "Das war von uns ein perfektes Spiel mit einem perfekten Ergebnis."

Dennoch bleibt die Frage, wie weit die Borussia mit ihrem nicht gerade üppig besetzten Kader kommen kann. In drei Wettbewerben ist der Revierklub aussichtsreich vertreten, die kommende Periode bringt mit diversen englischen Wochen eine enorme Belastung. In der Winterpause gab der Klub mit Jonas Hofman (Borussia Mönchengladbach) und Adnan Januzaj (zurück zu Manchester United) zwei Profis ab, ohne selbst auf dem Transfermarkt aktiv zu werden.

Dortmund muss regenerieren

Ein Vabanquespiel, wie auch Tuchel weiß, der am Ende des Trainingslagers in Dubai lautstark verkündete, es sei "absolut notwendig, noch einen oder zwei Spieler zu bekommen, um die Qualität im Training hochzuhalten. So ist ein sehr enger Kader." Von seinen Chefs ist der Trainer nicht erhört worden, unter anderem zerschlug sich die Verpflichtung von Tuchels Wunschspieler Yunus Malli, weil sich die Dortmunder nicht mit Mainz 05 einigen konnten.

Also muss Borussias Trainer mit dem Ensemble zurechtkommen, das er hat. Was durchaus funktionieren könnte, solange er wie bislang weitgehend von Verletzungen verschont bleibt. Doch sollten Schlüsselspieler wie Aubameyang, Mkhitaryan, Gündogan, Reus oder Hummels längerfristig ausfallen, könnte es schnell eng werden.

Tuchel weiß, dass er sich auf dünnem Eis bewegt. In Stuttgart berichtete er, sein Team sei "an die Grenzen gegangen, um hier zu gewinnen. Dieses Spiel hat uns athletisch alles abverlangt, wir müssen jetzt sorgsam regenerieren, um Samstag wieder bei 100 Prozent zu sein." Diese Aufgabe dürfte bei Spielen im Drei-Tage-Rhythmus von Woche zu Woche schwieriger werden. Derzeit scheint es, als könne die Mannschaft der Belastung standhalten, weil sie sich in einem exzellenten physischen Zustand befindet. Zudem hat sie ja mit Tüftler Tuchel einen Strategen an ihrer Spitze, der bislang auf alle taktischen Fragen die richtigen Antworten gefunden hat. So wie in Stuttgart, als er vier Außenverteidiger in den Pokalkampf schickte.

Quelle: n-tv.de

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