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Sieh' an, ein Ball: Trainer Peter Stöger und Leonardo Bittencourt.
Sieh' an, ein Ball: Trainer Peter Stöger und Leonardo Bittencourt.(Foto: imago/Agentur 54 Grad)
Sonntag, 13. August 2017

Der Bundesliga-Check: 1. FC Köln: Der Effzeh will nüchtern Spaß haben

Von Christian Bartlau

Eine Saison voller Festtage soll es werden für den 1. FC Köln - aber immer schön nach den Regeln von Spaßbremse Peter Stöger. Den Abgang von Topstürmer Anthony Modeste will der FC mithilfe von Aristoteles kompensieren.

Das ist ja mal wieder typisch. Kaum spielen sie in Köln die erste richtig gute Saison seit einem Vierteljahrhundert, reservieren sie schon den Rathausbalkon für den Mai 2018. Und 2019. "Enthüllt!", schlagzeilt das bekannte Investigativportal "90 Minuten" und schreibt vom größten Boulevardblatt des Landes ab, dass der FC doch tatsächlich vor der neuen Saison eine Meisterprämie mit den Spielern verhandelt hat. Eine Meisterprämie! Der Beweis, dass der Effzeh eben doch der hoffnungslos verträumte Karnevalsverein geblieben ist? Nein.

Wie n-tv.de hiermit enthüllt und beim "Kölner Stadtanzeiger" abschreibt, gab es den Meisterbonus schon in der Vorsaison. "Es gibt wenig Vereine, die das nicht festlegen, auch wenn es nur theoretischer Natur ist", sagte Geschäftsführer Alexander Wehrle damals in diesem pragmatisch-professionellen Steffen-Seibert-Sprech, das seit dem Abstieg 2012 am Geißbockheim herrscht und auch in Zeiten des plötzlichen Erfolgs nicht ausgedient hat. "Ruhig, ganz ruhig", so lautet das bekannte Mantra von Manager Jörg Schmadtke, der es bei aller Nüchternheit meisterhaft versteht, die Kölner Leidenschaften zu bedienen - ein realistischer Populist, sozusagen. Mit dem Europa-Triumph habe sich der FC "Zeit gekauft", erklärte er jüngst, "denn wir haben eine große Sehnsucht befriedigt. Und jetzt hoffe ich, dass man mit uns zwei Jahre lang Geduld hat, weil alle verstehen, was die Mehrfachbelastung für den Verein bedeutet." Nämlich "Mer danze üvverall - Eine Saison voller Festtage", so das Motto des Vereins. Aber eben auch neue Aufgaben, neue Ansprüche, und wieder harte Arbeit. Spaß haben ja - aber immer schön nüchtern bleiben.

Was gibt's Neues?

Es gab eine Zeit, da verpflichtete der FC mit großem Geld große Namen. Es kamen Evanilson, Petit, Maniche; sie hinterließen einen notorisch klammen Fahrstuhlverein. Mittlerweile hat der FC wieder einen großen Namen, der – im Zusammenspiel mit dem ein oder anderen Euro, natürlich - Spieler nach Köln lockt. Neuzugang Jorge Meré (von Sporting Gijon) hatte sogar schon seinen Medizincheck in Malaga absolviert, als er vom Interesse der Kölner hörte – und sich für die Domstadt entschied. "Der FC ist ein mythischer Verein mit beeindruckenden Fans. Sie sind umwerfend, zu jedem Spiel kommen 50.000. Das hat eine wichtige Rolle gespielt", sagte der spanische U-21-Nationalspieler, der als Backup für die Innenverteidigung die Defensive stärken soll. Für das Talent hat Schmadtke 7 Millionen Euro in die Hand genommen, ebenso für den 20-Jährigen Jannes Horn (aus Wolfsburg), der auf links Konstantin "Koka" Rausch Konkurrenz machen soll. Der FC mischt sogar ein bisschen im Fall Ousmane Dembélé mit: Die Kölner haben laut "L’Equipe" ein Angebot über 15 Millionen Euro für Maxwel Cornet von Olympique Lyon abgegeben. Die Franzosen lehnten ab - falls Dembélé geht, soll nämlich der BVB ein gesteigertes Interesse am Linksfuß haben, der dann wahrscheinlich auf wundersame Weise gut das Doppelte wert sein dürfte. Und dafür reichen dann nicht einmal die Reste der 35 Millionen Made in China, die beim enervierenden Poker um Anthony Modeste heraussprangen.

Auf wen kommt es an?

Auf Aristoteles. Der legendäre Libero der griechischen Philosophenauswahl behauptete in seiner Summierungsthese, eine wenn auch minder begabte Menge Menschen könne die Tüchtigkeit eines Einzelnen übertreffen. Der FC will nun die Fußballtauglichkeit der These beweisen: Schießt der Schwarm auch Tore? Selbst nach der Rechnung des ewigen Realisten Peter Stöger ("Wir hätten nicht nochmal 25 Tore erwarten können.") fehlen mit dem Abgang von Anthony Modeste 15 Treffer. Sein Nachfolger Jhon Córdoba, mit 17 Millionen Euro der teuerste Transfer der Vereinsgeschichte, knipste vergangene Saison lediglich fünfmal. Stögers Idee: Er will die Last "auf mehrere Schultern verteilen", also vor allem auf Yuya Osako (7 Saisontore, derzeit verletzt), Simon Zoller (2). Leo Bittencourt (3), Sehrou Guirassy (verletzungsbedingt kaum eingesetzt) und Artjoms Rudnevs (3) . Klingt gut, hat in den Testspielen nur so gar nicht funktioniert, der FC erzielte abgesehen vom 10:1 gegen den Grazer AK nur ein mickriges Törchen aus dem Spiel heraus. Im Pokal in Bremerhaven gegen die Leher TS dagegen behielt Aristoteles Recht: Das lockere 5:0 schossen fünf Torschützen heraus.

Was fehlt?

Rund 25.000 Plätze im Stadion in Müngersdorf. Die Arena gehört zwar zu den stimmungsvollsten der Liga, allerdings passen "nur" 50.000 Menschen rein, bei 25.500 Dauerkarten sind die Tickets für die Topspiele oft Wochen vorher ausverkauft, in der vergangenen Saison lag die Stadionauslastung bei 99,1 Prozent. Die Pläne für einen Ausbau auf 75.000 Plätze liegen seit 2015 in der Schublade, rund 50 Millionen Euro sollen investiert werden. Doch weil der Eigentümer, die Stadt Köln, sich ziert, soll noch im August eine Machbarkeitsstudie klären, ob nicht doch ein kompletter Neubau die bessere Lösung wäre – wobei die Aussicht auf einen Wegzug aus Müngersdorf wohl selbst bei den nüchternsten Machern in der Geschäftsstelle heftigen Herzschmerzen auslösen dürfte.

Wie lautet das Saisonziel?

Peter Stöger kommt einem derzeit ein bisschen vor wie das arme Schwein, dem beim Junggesellenabschied die Rolle des Fahrers zugelost wurde: Während um ihn herum alles taumelt, muss er aufpassen, dass alles in halbwegs geordneten Bahnen verläuft. Dazu gehört eben auch der ein oder andere mahnende Ton gegen die grenzenlose Europa-Euphorie, die ganz Köln seit dem 20. Mai 2017 erfasst hat: "Ich habe den Eindruck, dass die Leute mehr interessiert, was bei der Europacup-Auslosung passiert als im Pokal oder selbst zum Liga-Auftakt in Mönchengladbach", sagte er vor ein paar Wochen. "Das geht ein bisschen unter. Umso wichtiger für uns, dass wir den Fokus darauf halten." Aber selbst wenn sein Team bei der Gratwanderung zwischen Europa-Festtagen und Liga-Alltag stolpern sollte, würde Stöger die Ruhe bewahren. Das ist seine große Stärke. Im Sommer machten Gerüchte die Runde, er könnte Thomas Tuchel beim BVB nachfolgen. Kommentar Stöger: "Das schmeichelt, ja." Der überragende Stürmer der Vorsaison geht von Bord? "Ich werde keinem jungen Mann seinen Lebensweg verbauen." Und dieser Mann sorgt auch noch für ein wochenlanges Hickhack? "Kein Drama, es ist gut ausgegangen." Für die Saison nach der Sensation hat sich seine Mannschaft eine Platzierung unter den ersten 10 zum Ziel gesetzt, wie üblich in einer gemeinsamen Diskussion im Trainingslager. Stöger danach sichtlich erfreut, dass sich das Team "nicht blenden lässt" von der Vorsaison. "Wir haben den fünften Platz offensichtlich alle gleich bewertet." Und die Festtage in Europa? Will Stöger natürlich ganz nüchtern angehen. "Wir haben nichts davon, dass wir in sechs Spiele hineingehen und sagen, wir wollen irgendwann mal etwas gewinnen. Wir wollen weiterkommen."

Die Prognose von n-tv.de

Wer trank gern Kölsch vorm Dopingtest? Anthony Modeste!
Wer schoss Köln nach Budapest? Anthony Modeste!

Nun muss der FC in Europa ausgerechnet ohne den Mann auskommen, ohne den die Kölner wohl nie ins internationale Geschäft eingezogen wären. Eine Aufgabe, der die Verantwortlichen mit Gelassenheit entgegenblicken. Peter Stöger sei ein Trainer, der das Machbare im Auge hat, sagte Jörg Schmadtke einmal, und durch die Transfers im Sommer scheint zumindest etwas mehr Rotation machbar. Beim Pokalspiel gegen Bremerhaven schafften es verdiente Profis wie Marco Höger, Christian Clemens und Pawel Olkowski nicht in den 18er-Kader – ebenso wie die Toptalente Jannes Horn, Jorge Meré und Salih Özcan. Sind alle fit, wird der Konkurrenzkampf größer sein als letzte Saison, trotz Dreifachbelastung. Und wenn die Defensive um Torwart Timo Horn stabil steht und Nationalspieler Jonas Hector im Mittelfeld weiter an Statur und Spielverständnis gewinnt, wird auch die Offensive genug Zeit bekommen, sich einzuspielen. Ein solider FC minus Modeste - das bedeutet das gesicherte Mittelfeld. Und einen Auswärtssieg in Mailand. So viel Träumerei muss sein.

Quelle: n-tv.de

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