Hertha und FunkelDie Zweck-Ehe
Hertha, Hertha, oh Hertha – was soll die Bundesliga nur mit dir machen? Seit Jürgen Röber, der dich 1997 zurück brachte in den Zirkus der großen deutschen Klubs, wurde keiner deiner Männer so richtig heimisch im Berliner Olympiastadion.
Nicht Falko Götz, der, so wird gemunkelt, zuletzt gegen einen seiner Spieler bei Holstein Kiel die Hand erhoben haben soll und folgerichtig gefeuert wurde. Nicht der zuvor mit Schalke international erfolgreiche, aber knorrige Huub Stevens, der jede Frage der Hauptstadt-Presse beantwortete, als hätten ihn die Journalisten soeben nach seinem Kontostand gefragt. Nicht Hans Meyer, der zwar ein Retter in der Not war, aber nicht bleiben wollte. Und auch Lucien Favre nicht, der viel versprochen hatte, als er im Sommer 2007 bei dir einzog, aber am Ende wenig hielt.
Favre wollte die Schulden vergessen machen, die taktische Beliebigkeit, den Wind, der durch das weite Rund und über die blaue Tartanbahn fegt. Der Erfolg sollte alles überdecken. Mit One-Touch-Fußball, schnellen, vertikalen Pässen, die Viererketten durchstoßen und den Gegner überrumpeln. Wenn der Berliner Fußballfan jedoch so ist, wie der ehemalige Finanzsenator Thilo Sarrazin kürzlich im Interview mit "Lettre International" gesagt hat – kleinbürgerlich, plebejisch – dann gibt es in der hauptstädtischen Fußball-Welt keine Zeit für Visionen. Dann ist der Berliner Fußballfan zwar hungrig nach Erfolg, aber berechnend, kalt. Zu kalt.
Solide und nüchtern
Zu kalt für deinen Schweizer, Hertha, mit dem nicht nur dein Mann, sondern auch der Trainer ging, der den Traum vom großen Fußball im Olympiastadion zu neuem Leben erweckt hatte. Im allgemeinen Taumel der Qualifikation für die Europa League vergaßen die Berliner Fans jedoch, dass viele der Siege knapp und glücklich zustande gekommen waren. Dann kam der Absturz mit sechs Liga-Pleiten in Folge. Favre ging.
Zeit wollte sich Manager Michael Preetz nehmen, nichts überstürzen bei der Suche nach einem neuen Mann. Mehrere Namen wurden gehandelt: der immer verdächtige Jürgen Röber, der Ruheständler Hans Meyer, sogar Lothar Matthäus sollte dich vom letzten Tabellenplatz leiten. Doch wessen Name ziert nun deine Klingel? Friedhelm Funkel. Ein solider Trainer, sicher, aber grau. Kein Freund von großen Träumen, nicht bunt und brasilianisch, wie es in Berlin zugehen sollte. Ein nüchterner Chef an der Seitenlinie, der bislang ausschließlich Vereine im Mittelmaß, am Ende der Tabelle oder noch tiefer betreute. Wenn Funkel eine Mannschaft übernimmt, bekommt Pragmatismus die gewichtigste Stimme im Verein.
Passt das?
In Köln kamen sie mit dieser Tatsache nicht zurecht. Nach dem Aufstieg des Geißbock-Klubs 2002/2003 nahm Funkel im Oktober 2003 seinen Hut. Bei der Eintracht in Frankfurt blieb er länger, fünf Jahre, aber es war den Fans am Ende auch nicht genug, das ständige Abschiednehmen von höheren Zielen. Nun ist Friedhelm Funkel bei dir angekommen, Hertha. Passt das? Du, anspruchsvoll, Meisterschaftskandidat der vergangenen Saison, und der Realist, schon mehrmals zuvor als Feuerwehrmann von abstiegsbedrohten Vereine geholt.
Die Verpflichtung Funkels ist der letzte Schritt weg von Luftschlössern, die Ex-Manager Dieter Hoeneß auf Pump und Lucien Favre auf die Träume der Berliner Fans gebaut haben. Bei seiner Präsentation redete sich dein neuer Mann fast um Kopf und Kragen; Ein Liebesbekenntnis zur dir wollte ihm nicht über die Lippen kommen. Der Anfang eurer neuen Beziehung, die Niederlage zum Einstand gegen den Hamburger SV – geschenkt. In ein paar Stunden kann niemand den bisherigen Saisonverlauf ungeschehen machen.
Hertha, du wirst mit deinem neuen Mann bis auf Weiteres wohl im Keller bleiben. Denn dort unten, da kennt sich Funkel bestens aus. Auch deswegen weiß die Bundesliga: Hertha und Funkel - eine Zweck-Ehe. Nicht mehr.