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Toller Spieler, wenig Anerkennung: Mario Gomez.
Toller Spieler, wenig Anerkennung: Mario Gomez.(Foto: imago/HochZwei/Syndication)

Letzte Ausfahrt Istanbul: Ein Abgesang auf Mario Gomez

Von Daniel Grochow

Der Wechsel von Mario Gomez zu Besiktas Istanbul ist so gut wie perfekt - und damit das sportliche Begräbnis des einst besten Stürmer Deutschlands. Doch nicht die Erfolge bleiben hängen, sondern die glücklosen Momente.

Es war im Juni des vergangenen Jahres, als Mario Gomez dem "Stern" ein Interview gab, das eigentlich gar nicht allzu große Wellen geschlagen hat. Der Angreifer, schon damals beim AC Florenz unter Vertrag, plauderte über seine Nicht-Nominierung für die WM in Brasilien, private und berufliche Ziele, das Leben in der Toskana, zurückliegende Triumphe und aktuelle Verletzungen. Keine Aussage von Gomez hatte Zündstoffcharakter, dennoch ist etwas hängen geblieben. Es ist der Titel, unter dem das Gespräch kurz vor der WM 2014 veröffentlicht wird: "Erfolgsmenschen", eine Interview-Serie, in der Promis, Sportler und Unternehmer das Geheimnis ihres Erfolges verraten.

Das Problem an der ganzen Geschichte ist, dass Mario Gomez zwar sehr viel über seine Karriere zu erzählen hat, vom Erfolg konnte er aber schon damals nur noch in der Vergangenheit sprechen. "Da gibt es viele", war die Antwort auf die Frage, welcher erfolgreiche Moment denn der Wichtigste gewesen sei. "Von der Schwierigkeit ist sicherlich der Champions-League-Titel das Highlight", sagte Gomez, der schon eine beeindruckende Karriere hinter sich hatte: Drei Mal Meister geworden, zwei Mal den DFB-Pokal gewonnen, die Torjäger-Kanone geholt, den Henkelpott in den Himmel gestemmt - Mario Gomez war einmal einer, wenn nicht gar der beste Stürmer Deutschlands.

Wechsel nach Italien - der Anfang vom Ende

Gomez hat sich auch nach seinem Ausscheiden immer als Teil der Nationalmannschaft gefühlt.
Gomez hat sich auch nach seinem Ausscheiden immer als Teil der Nationalmannschaft gefühlt.(Foto: imago sportfotodienst)

Zum Zeitpunkt des Interviews sind diese Erfolge nur noch ein Schatten vergangener Tage. Nachdem er bei den Bayern aussortiert worden war, heuerte Gomez in Florenz an. Er wolle einen kompletten Neuanfang, es noch einmal allen zeigen, sagte der Nationalspieler, der in der Bundesliga eine herausragende Trefferquote von fast 60 Prozent vorzuweisen hatte, und nun in der Serie A auf Torejagd gehen wollte. Kritiker sprachen vom sportlichen Abstieg, der Fußball in Italien könne längst nicht mehr mit dem in Deutschland oder England mithalten. Gomez laufe Gefahr, seinen Platz in der Nationalmannschaft zu verlieren - es waren Bedenken, die sich allesamt bewahrheiten sollten.

Die Bilanz seines Italien-Abenteuers klingt vernichtend: In zwei Jahren erzielte Gomez mickrige sieben Treffer, gefühlt hatte er mindestens genauso so viele Verletzungen. Innenbandriss, Entzündung im Knie, Oberschenkelzerrung, Bänderverletzung - der Stürmer verbrachte in den vergangenen Monaten mehr Zeit in der Reha als auf dem Platz. Wenn er denn fit war, fehlten sowohl die Spritzigkeit als auch der Torriecher. Vincenzo Montella, mittlerweile geschiedener Trainer der Fiorentina, legte dem Deutschen einen Rücktritt nahe. "Als ich gemerkt habe, dass ich nicht mehr auf dem Niveau spielen konnte, das meine Karriere gekennzeichnet hat, habe ich aufgegeben, auch wenn ich noch ein Jahr Vertrag vor mir hatte. Ich habe begriffen, dass mein Abenteuer mit dem Fußball zu Ende war", sagte er mit Blick auf seinen glücklosen Stürmer.

Fehlschuss und Scholl machen das Leben schwer

Seine glücklosen Momente geraten in den Vordergrund.
Seine glücklosen Momente geraten in den Vordergrund.(Foto: imago sportfotodienst)

Das Fußballabenteuer ist für Gomez noch nicht zu Ende, offenbar aber seine Zeit in Italien. Laut übereinstimmenden Medienberichten wechselt der einstige Superstar zu Besiktas Istanbul, nur ein paar finanzielle Aspekte müssen noch geklärt werden. Es winkt ein Zwei-Jahresvertrag mit Option auf Verlängerung, ein fürstliches Gehalt und ein sattes Handgeld. Am Bosporus ist Gomez mit Kickern wie Lukas Podolski (Galatasaray Istanbul) oder Robin van Persie (Fenerbahce Istanbul) zwar in illustrer Gesellschaft, sportlich ist der Schritt in die Türkei aber ein Begräbnis - und das mit 30 Jahren, die Gomez erst alt ist.

Wenn Fußballfans hierzulande gefragt werden, was sie mit Mario Gomez verbinden, ist praktisch immer von dem Fehlschuss die Rede. Bei der EM 2008 brachte der Stürmer das Kunststück fertig, einen Ball aus zwei Metern Entfernung zum Tor unbedrängt in den Wiener Abendhimmel zu bolzen. Seitdem haftet ihm das Image des Chancentods an, im Internet kursieren Videos mit den größten Pannen von Gomez, dem fortan im Trikot der Bayern, der Nationalmannschaft und auch des AC Florenz das Pech an den Stiefeln kleben sollte. In seinem ersten Spiel für die Italiener stand er auch frei vor dem Tor, traf aber nur den Pfosten.

Eine Einladung zur Nationalmannschaft hat Gomez schon länger nicht mehr erhalten, zu schlecht die Leistungen in Florenz, zu dürftig die 'jüngsten' Auftritte mit dem Adler auf der Brust. Bei der Euro 2012 absolvierte Gomez wohl sein letztes Pflichtspiel für die DFB-Auswahl, erzielte in der Vorrunde vier Treffer - und wurde dennoch scharf kritisiert. "Dass ein Stürmer nicht nach hinten arbeitet, das gibt's im modernen Fußball eigentlich nicht mehr", hatte TV-Experte Mehmet Scholl nach dem 1:0-Erfolg gegen Portugal geurteilt: "Dass einer auf die eine Flanke wartet, auf eine freie Straße - das ist zu wenig. Ich hatte zwischendurch Angst, dass er sich wundliegt und mal gewendet werden muss."

Viel Erfolg, wenig Anerkennung

Gomez macht Scholl bis heute den Vorwurf, dass sein einstiger Bayern-Kollege schuld daran sei, dass ihn die Anhänger auspfeifen. "Er wusste auch nicht, was er da anrichtet. Es ist einfach, dort zu stehen und einen flapsigen Spruch zu machen, ohne die Auswirkungen zu kennen in der heutigen Zeit", waren einmal die Worte von Gomez, der in seiner Karriere eigentlich alles gewonnen, aber nie Anerkennung dafür bekommen hat. Was hängen bleibt, sind nicht die Erfolge, die Gomez in seiner beachtlichen Karriere zu feiern hatte, sondern eben diese glücklosen Momente, die seine Laufbahn gekennzeichnet haben.

Als Gomez vor einem Jahr mit dem "Stern" über Erfolg und den Faktor Glück sprach, hatte er wahre Worte gefunden, die auch gut auf seine jetzige Situation passen würden. "Es gibt im Leben immer wieder Momente, bei denen man sich im Nachhinein denkt: Hätte ich es mal so gemacht, dann wäre es vielleicht so und so gekommen. Es gibt aber auch viele Momente, in denen ich am richtigen Ort war. Und das ist natürlich auch Glück - dass Dinge so passieren wie sie passieren. Es gibt viele Dinge, die man nicht beeinflussen kann" - wohl aber einen Wechsel, der bei neutraler Betrachtung nur eins bedeutet: Gomez wird mit seinem Wechsel zu Besiktas das Ende seiner Karriere einläuten, Istanbul ist die letzte Ausfahrt einer beispiellosen Laufbahn.

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Quelle: n-tv.de

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