Sport
Es ist nicht leicht, Schiedsrichter zu sein. Die Männer in Schwarz werden beschimpft, bedroht, manchmal geschlagen.
Es ist nicht leicht, Schiedsrichter zu sein. Die Männer in Schwarz werden beschimpft, bedroht, manchmal geschlagen.(Foto: picture alliance / dpa)

Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter: "Eltern schüren neue Gewalt"

Als Schiedsrichter bist du der ärmste Mann auf dem Platz. Alle wissen es besser, alle können es besser, in der Fankurve im Stadion und vor dem Fernseher sowieso. Ein falscher Pfiff und du hast alle gegen dich: Spieler, Trainer, Fans. Vor allem in den unteren Ligen werden die Übergriffe auf die Unparteiischen immer härter. In Berlin mussten seit Beginn der Hinrunde im Sommer 2012 acht Spiele wegen Gewalt gegenüber dem Schiedsrichter abgebrochen werden. "Der Respekt, der Umgangston, das Fairplay miteinander, haben sich ganz klar zum Negativen entwickelt", berichtet Kevin Langner vom Berliner Fußball-Verband. Im Interview spricht er über pöbelnde Vorbilder am Spielfeldrand, gesteht einen Qualifizierungsnotstand ein und verrät, warum es in der Hauptstadt dennoch Lichtblicke gibt.

n-tv.de: Wie war Ihre erste Reaktion, als Sie vom Tod des Linienrichters in den Niederlanden Ende des vergangenen Jahres gehört haben? Ist so eine schreckliche Tat auch hierzulande denkbar?

Kevin Langner: Berlin war schockiert. Das war sicherlich ein Höhepunkt von Gewaltvorfällen, die es im Fußball gibt. Aber ein Todesfall, infolge eines Gewaltübergriffs gab es zum Glück in Berlin, in Deutschland, noch nicht. Wir sind zum Glück noch weit entfernt davon, dass solche Zustände, wie sie in Holland zutage gekommen sind, hier in Berlin stattfinden.

Im September 2011 entging ein Schiedsrichter nur knapp dem Tod, er wurde von einem Spieler bewusstlos geschlagen.

Ja korrekt. Ein Spieler im Senioren-Fußball hat den Schiedsrichter tätlich angegriffen und ihn so schwer verletzt, dass dieser bewusstlos zu Boden ging und dabei seine Zunge verschluckte. Der Unparteiische hatte großes Glück, denn einer der Spieler war ausgebildeter Rettungssanitäter. Er leistete sofort Erste Hilfe, zog die Zunge des Schiedsrichters wieder heraus und rettete ihn so vorm Ersticken. Aber auch hier: Das war ein trauriger Einzelfall. So schlimm der Fall auch ist, 98 Prozent der Spiele, die in der Saison stattfinden, und da reden wir von 35.000 Spielen, sind konfliktfrei und laufen fair ab. Trotzdem gibt es diese schlimmen Einzelfälle und jeder dieser Einzelfälle ist einer zu viel.

Gab es nach diesem Todesfall in den Niederlanden im Berliner Fußball-Verband Abmeldungen von Schiedsrichtern?

Eine Verunsicherung war schon spürbar. Es ist ja so, dass wir auch in Berlin feststellen, dass die Art der Gewalt, insbesondere der verbalen Gewalt, zugenommen hat. Die verbale, körperliche Gewalt ist einfach härter, der Umgangston rauer geworden. Vor allem aber hat der Respekt abgenommen. Das ist sicherlich etwas, was unsere Schiedsrichter spüren, aber Abgänge gab es deshalb nicht.

Pöbeln, spucken, treten - welche Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter kommen vor einen Schiedsrichterausschuss?

Wir haben gerade nach den Vorfällen im Herbst 2011 noch einmal unsere Handlungsanweisungen für Schiedsrichter überprüft und danach den Unparteiischen ganz klar gesagt, wenn sie feststellen, dass sie in irgendeiner Art und Weise körperlich angegangen werden, sei es durch einen Handschlag, sei es durch leichtes Berühren im Gesicht, sei es durch Anspucken, dann sollen sie das Spiel abbrechen. Wir sagen zu den Schiedsrichtern, dass sie sich diesen Vorgängen nicht aussetzen müssen, selbst wenn es auf dem Platz noch zu einer Entschuldigung kommt. Wir verlangen von keinem unserer Schiedsrichter, dass er ein Spiel fortsetzt, wenn es zu Übergriffen gekommen ist. Zum einen ist die Autorität dann nicht mehr gegeben, zum anderen müssen wir unsere Schiedsrichter natürlich auch schützen, indem wir sagen, das respektloses Verhalten von Spielern, Zuschauern, Eltern nicht akzeptiert wird.

Wie viele Spielabbrüche wurden 2012 im BFV gezählt?

Seit Beginn der Hinrunde im Sommer 2012 sind wir jetzt bei 21 Spielabbrüchen, bei rund 17.000 Spielen. 21 Spiele sind abgebrochen worden, davon 8 wegen Gewalt gegenüber dem Schiedsrichter.

Das ist weniger als gedacht ...

Ja, die Wahrnehmung ist sicher eine andere und auch zu Recht. Der Respekt, der Umgangston, das Fairplay miteinander, haben sich in den vergangenen Jahren ganz klar zum Negativen entwickelt. Und: Auch 8 Spielabbrüche sind noch 8 zu viel. Jeder Fall ist einer zu viel, die Zahl ist immer noch zu hoch.

Übergriffe auf Schiedsrichter, Trainer und Betreuer gab es schon immer. Doch ist die Gewalt heute brutaler, hemmungsloser. Was, glauben Sie, hat sich verändert?

Rein zahlenmäßig können wir im Verband nicht feststellen, dass wir ein zunehmendes Gewaltproblem haben. Fest steht aber, die Art der Überfälle ist härter geworden. Dieses Phänomen können wir ja auch in der Gesellschaft beobachten: Hier wird ein Busfahrer verprügelt, dort werden Menschen auf Bahnhöfen attackiert oder Postboten und sogar Polizisten geschlagen und eben auch Schiedsrichter auf dem Platz. So platt es klingt: Der Respekt generell in der Gesellschaft hat abgenommen. Diese Tatsache macht leider auch nicht Halt vor Schiedsrichtern.

Im Jugendbereich sind nicht unbedingt aggressive Fans der Auslöser, sagt Gewaltforscher Gunter Pilz, sondern oft auch überehrgeizige Eltern, die ihre Kleinen mit Anfeuerungsrufen aufhetzen. Beobachten Sie das auch?

Das kann ich bestätigen. Wir haben mehrfach festgestellt, dass Eltern am Spielfeldrand ihrer Vorbildfunktion nicht mehr gerecht werden. Sie schreien Schiedsrichter an, beleidigen sie und üben so verbale Gewalt aus. Natürlich prägt dieses Verhalten. In den letzten zwei Jahren gab es vermehrt Meldungen von Schiedsrichtern, die Eltern betreffen. Dieses Problem gilt es anzugehen, denn man muss davon ausgehen, dass es neue Gewalt schürt. Wenn ein 9-jähriges Kind Wochenende für Wochenende verbale Gewalt auf dem Platz erlebt, dann ist klar, dass es im Alter von 12, 13 Jahren weniger Hemmungen haben wird, Ähnliches oder sogar Schlimmeres auszuüben. Da müssen wir umdenken, wir müssen die Eltern, Betreuer und Trainer aufklären, dass sie eine Vorbildfunktion haben. Wer dieser Vorbildfunktion nicht gerecht wird, der darf und kann nicht weiter am Spielfeldrand stehen.

Wie kann sich ein Schiedsrichter in den unteren Klassen gegen Übergriffe schützen? Er genießt ja nicht den gleichen Schutz wie sein Kollege in der Bundesliga, der auf große Medienpräsenz bauen kann.

Kevin Langner
Kevin Langner(Foto: Berliner Fußball-Verband)

Wir müssen zugeben, dass wir einen erhöhten Qualifizierungsbedarf bei Schiedsrichtern haben, die in den unteren Spielklassen amtieren. Wer talentierter ist, vielleicht auch regelsicherer, der pfeift in der Regel etwas höher, wer das nur als Hobby ausübt, hat meist gar kein Interesse, sich weiterzubilden. Wir sind uns bewusst, dass wir diese Schiedsrichter qualifizieren müssen. Mittlerweile geben wir nicht nur reine Regelschulungen, sondern  vermitteln verstärkt Konfliktkompetenzen. Was ist ein Konflikt? Wie kann ich damit umgehen? Wie kann ich einen Konflikt vielleicht schon im Vorfeld lösen? Wir müssen jedoch zugeben, dass wir damit nicht alle Schiedsrichter erreichen. Es gibt einfach auch Unparteiische, die kein Interesse an Schulungen haben. Eine andere Maßnahme zum Schutz unserer Leute ist das Zusammenführen von Schiedsrichtern, Mannschaften und Trainern. Wenn man sich kennt, ist die Hürde etwas höher, sich abfällig über den Schiedsrichter, der dann ja keine anonyme Person mehr ist, zu äußern. Diese beiden Maßnahmen, Kommunikation und Konfliktmanagement, haben wir seit dem Vorfall im Herbst 2011 vermehrt angewendet.

Der Fußballverband Mittelrhein testet in einer Fair-Play-Liga E- und F-Jugendspiele ohne Schiedsrichter. Die Kinder regeln das Spiel selbst; wenn es Probleme gibt, schreiten beide Trainer gemeinsam ein. Die Zuschauer dürfen nicht direkt am Spielfeldrand stehen und möglicherweise Aggressionen schüren, sondern müssen in der Zuschauerzone 25 Meter vom Spielfeld entfernt stehen. Was halten Sie davon? Wäre das auch auf den BFV übertragbar?

Das diskutieren wir gerade. Wir schauen mit großem Interesse zu den Kollegen nach Mittelrhein, sind in engem Austausch. Wir haben in Berlin allerdings ein spezielles Problem: Die Sportanlagen gehören dem Land Berlin, soll heißen, wenn wir diese Fair-Play-Liga einführen würden, müssten wir erstmal mit dem Land Berlin eine Übereinkunft finden. Nur, wenn wir das Hausrecht ausüben können, den Leuten also strikt vorschreiben können, das sie hinter die Barriere müssen, wäre diese Liga möglich.

Welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft?

Mein Wunsch zielt in Richtung der Vereine. Wir stellen seit dem Vorfall im Herbst 2011 fest, dass sich Mannschaften und Vereine der Verantwortung stellen. Wenn es also zu Vorfällen kommt, schützen die Vereine den Täter nicht mehr, sondern stellen ihn, so dass wir ihn sanktionieren können. Das war vor Jahren noch anders. Ich wünsche mir, dass die Mannschaften daran festhalten. Täter, die sich nicht an die Spielregel halten, haben keinen Platz im Sport. Ich wünsche mir, das generell der Respekt vor dem Schiedsrichter, vor dem Gegenspieler wieder zunimmt, damit wir alle Spaß und Freude haben und es nicht mehr zu Gewalt kommt.

Mit Kevin Langner sprach Diana Sierpinski

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen