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Mittwoch, 19. April 2017

Real bestraft das Risiko: FC Bayern hadert wie ein schlechter Verlierer

Von Stefan Giannakoulis, Madrid

Mit Mut und Leidenschaft schrammt der FC Bayern nach großem Kampf bei Real Madrid an einer Überraschung vorbei. Nun ist Schluss mit Champions League - und die Münchner knöpfen sich ein wenig beleidigt den Schiedsrichter vor.

Nach diesem aufregenden Spiel hätte nur noch jemand kommen und sagen müssen: "So ist Fußball." Und prompt war er auch schon da. Carlo Ancelotti, der Trainer des FC Bayern, sagte hinterher tatsächlich die drei magischen Worte - nachdem er nachdrücklich den ungarischen Schiedsrichter Viktor Kassai kritisiert hatte. Das klang ein wenig kleinlich und zu sehr nach einem, der schlecht verlieren kann. Das merkte Ancelotti dann selbst und schob noch nach, dass seine Mannschaft nicht nur deshalb verloren habe, Madrid sei ein sehr schwerer, weil sehr guter Gegner, den er sehr liebe. Auch wenn er Real nun nicht mehr trainiert, sei er "immer noch ein großer Fan". Aber es habe in diesem Viertelfinalrückspiel der Champions League nun einmal Entscheidungen gegeben, "bei denen wir benachteiligt wurden. Ich werte nur die Arbeit des Schiedsrichters aus. Er hat schlecht gearbeitet". So ist Fußball.

Real Madrid - FC Bayern 4:2 (1:2, 0:0) n.V.

Real Madrid: Navas - Carvajal, Ramos, Nacho, Marcelo - Casemiro, Kroos (114. Kovacic), Modric - Isco (71. Vazquez), Benzema (64. Asensio), Ronaldo. - Trainer: Zidane.
FC Bayern München: Neuer - Lahm, Hummels, Boateng, Alaba - Vidal, Alonso (75. Müller) - Robben, Thiago, Ribéry (71. D. Costa) - Lewandowski (88. Kimmich). - Trainer: Ancelotti.
Tore: 0:1 Lewandowski (53., Foulelfmeter), 1:1 Ronaldo (76.),  1:2 Ramos (78., Eigentor), 2:2 Ronaldo (105.), 3:2 Ronaldo (109.), 4:2 Asensio (112.)
Schiedsrichter: Viktor Kassai (Ungarn)
Bes. Vorkommnis: Gelb-Rot für Vidal (84.)
Zuschauer: 78.346, Estadio Santiago Bernabéu

Und zur Wahrheit gehört auch, dass die Münchner nicht nur deswegen nach hochklassigen 120 Minuten mit 2:4 (2:1, 0:0) nach Verlängerung verloren haben, weil der ungarische Schiedsrichter Viktor Kassai an diesem Dienstagabend vor 78.346 Zuschauern im Estadio Santiago Bernabéu übersehen hatte, dass Cristiano Ronaldo nach dem Pass des Kollegen Sergio Ramos im Abseits stand, als er nach 105 Minuten zum 2:2 traf. Und auch nicht, weil er, also Kassai, eine Grätsche Arturo Vidals, bei der er vornehmlich den Ball spielte, als Foul interpretierte und den Münchner in der 84. Minute mit der Gelb-Roten Karte hinausschickte. Die Bayern sind unter anderem deshalb raus, weil sie sich beim 1:2 im Hinspiel vor einer Woche eine erschreckend schwache zweite Halbzeit geleistet hatten. Gegen den Real Madrid Club de Fútbol ist das keine gute Idee. Bitter, aber auch das ist Fußball. Na gut, ein wenig Pech war durchaus im Spiel.

Ein Risiko? Ja, es war ein Risiko

Alles fing an diesem mit 23 Grad recht lauen Frühlingsabend in der spanischen Hauptstadt damit an, dass Ancelotti das aufbot, was beim FC Bayern als stärkste Elf durchgeht. Ein Risiko? Ja, es war ein Risiko. Schließlich waren Mats Hummels, Jérôme Boateng und Robert Lewandowski angeschlagen. Aber kein Risiko, kein Spaß - und erst recht kein Halbfinale, mag der Trainer sich gedacht haben. Und nominierte die mit im Schnitt 30 Jahren und 116 Tagen älteste Startelf der Münchner in der Geschichte der Champions League. Hummels und Boateng, die sich bis zum Ende durchschleppten, verteidigten innen, Kapitän Philipp Lahm tat das in seinem 112. und letzten Spiel in der Königsklasse rechts, drängte oft und gut in die Offensive, sah aber bei Cristiano Ronaldos Kopfball zum 1:1 nach 76. Minuten so wenig Land wie Thomas Häßler bei der WM 1994 in den USA im Viertelfinale gegen Jordan Letschkow, der seinerzeit mit dem 2:1 für Bulgarien das Viertelfinalaus der DFB-Elf besiegelte. David Alaba arbeitete sich durchaus erfolgreich am linken Ende der Viererkette ab, wird aber in diesem Leben mutmaßlich kein Flankengott mehr.

Für den FC Bayern die Szene des Spiels: Der ungarische Schiedsrichter Viktor Kassai schickt Arturo Vidal mit Gelb-Rot vom Platz.
Für den FC Bayern die Szene des Spiels: Der ungarische Schiedsrichter Viktor Kassai schickt Arturo Vidal mit Gelb-Rot vom Platz.(Foto: imago/Ulmer)

Manuel Neuer stand im Tor und war stark wie stets, ganz vorne stürmte ein wenig glücklos Lewandowski, bis er nach seinem Elfmetertor zum 0:1 (53.) dann in der 88. Minute beim Stand von 1:2 gegen Joshua Kimmich ausgetauscht wurde. Auf den Flügeln agierten Arjen Robben, der den etwas zweifelhaften Elfmeter herausholte, und Franck Ribéry, der in seinen Zweikämpfen oft am Gegner hängen blieb und für Douglas Costa weichen musste (71.). Thiago Alcántara hatte die Mittelfeldzentrale im Griff, auf der Doppelsechs agierten Xabi Alonso, der für Müller hinausging (75.) und als ehemaliger Real-Spieler auch von den Fans der Königlichen mit Applaus verabschiedet wurde, und eben Vidal, der seine Hinausstellung insofern vorbereitete, als dass er nach sechs Minuten seine erste Gelbe Karte sah.

Kurzum: Der FC Bayern machte nicht alles richtig, aber vieles gut, manches sogar sehr gut. Und er trat mutiger auf, als so mancher es ihm zugetraut hätte. Das Risiko hat gelohnt, auch wenn Real es letztlich bestrafte. Weil dieser immer noch fantastische Ronaldo dreimal traf, hat es am Ende für die Münchner nicht gereicht. Das sah auch Ancelotti so: "Die Mannschaft hatte Mut, sie wollte hier gewinnen." Auch Käpt'n Lahm stand mit seiner Einschätzung nicht alleine da, als er sagte: "Die Mannschaft hätte es verdient gehabt, weiterzukommen." Umso mehr haderten er und seine Kollegen dann doch.

"Von einem Mann mit einer Pfeife"

Thomas Müller sagte zu später Stunde in der Mixed Zone, normalerweise sei es seine Sache nicht, den Schiedsrichter und seine Helfer zu kritisieren und sie gar für den Ausgang eines Spiels verantwortlich zu machen. "Aber heute kommen wir nicht drumherum. Natürlich machen sie das nicht mit Absicht, aber sie haben schon extrem eingegriffen." Und das, wo seine Münchner doch so viel riskiert und investiert hätten. Hummels stimmte in die Kritik ein: "Riesen Dinger gegen uns - das muss man leider so klar sagen. Das tut weh." Boateng assistierte: "Jeder macht Fehler. Aber so viele in einem Spiel gegen uns? Das ist sehr bitter für uns. Wir haben heute sehr gut gespielt." Wenn die Bayern das die ganze Zeit mit elf Spielern hätten tun dürfen - "da bin ich mir fast sicher, dass wir es geschafft hätten".

Und Robben hatte nicht als einziger "ein super Spiel mit zwei Topmannschaften auf ganz hohem Niveau" erlebt. Da heiße es normalerweise: Möge das bessere Team gewinnen. Aber: "Das war heute nicht der Fall. Es ist schade, dass so ein super Spiel entschieden wird - von einem Mann mit einer Pfeife." Apropos tolles Spiel: Das war es wirklich. Nur dass hinterher von den Münchnern keiner über die eigenen Fehler sprechen mochte, war ein wenig schade. Die Enttäuschung mag, zumal so kurz nach dem Aus, verständlich sein. Nur klang das alles doch arg nach beleidigten Verlieren, die alles andere ausblenden.

Zum Beispiel, dass in beiden Spielen einer der ihren vom Platz flog. In München war es Javier Martínez; und nun im Bernabéu besagter Vidal, der mit der ihm innewohnenden, teils überbordenden Aggressivität oft am Rande der Legalität agiert. Aber auch die anderen machten nicht alles richtig: Vor dem 1:1 am Dienstagabend verlor der just eingewechselte Müller einen Zweikampf gegen und den Ball an Casemiro, und Lahm konnte wie erwähnt Ronaldo nicht am Kopfball hindern. Vor dem 3:2 für Real stürmte Madrids linker Verteidiger Marcelo mittenmang durch die Münchner, nun ja, Abwehr, unter anderem Kimmich und Thiago ließen ihn gewähren. Und das 4:2 durch Marco Asensio bereitete Kimmich mit einem Fehlpass der eklatanteren Art ein. Aber da war eh schon alles egal. So ist Fußball.

Quelle: n-tv.de

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