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Das Wort "Neuanfang" geht Kapitän Benedikt Höwedes nicht mehr über die Lippen.
Das Wort "Neuanfang" geht Kapitän Benedikt Höwedes nicht mehr über die Lippen.(Foto: dpa)
Dienstag, 08. August 2017

Der Bundesliga-Check: Schalke 04: Geh mich wech mit Neuanfang!

Von Christian Bartlau

Die Erfolge längst verblasst, alle Hoffnungen auf einen neuen Jüngling gerichtet, grundlose Euphorie bei den Anhängern - der FC Schalke 04 reitet in der Fußball-Bundesliga den Martin-Schulz-Zug. Mit etwas mehr Erfolgsaussichten als die SPD.

Den durchschnittlichen Schalker Fan muss man sich vorstellen wie Paletten-Doktorfisch "Dorie" aus "Findet Nemo": Stets bereit zur Euphorie, weil das Kurzzeitgedächtnis ungefähr so gut funktioniert wie Markus Weinzierls "Spielkonzept" in der vergangenen Saison. Anders lässt sich schwer erklären, warum am Wochenende schon wieder fast 100.000 Menschen zur Saisoneröffnung strömten. Bis zu zwei Stunden lang warteten die Fans in der Schlange auf Autogramme der Spieler, die ihnen Graupenkicks in der Fußball-Bundesliga beschert und die Chance auf ein fulminantes Eurofighter-Jubiläum letztlich im Viertelfinal-Hinspiel gegen Ajax Amsterdam schändlich verjuxt hatten. Nach der Saison haben die Führungsspieler Benedikt Höwedes und Leon Goretzka offen gelegt, woran es lag: an der laschen Einstellung vieler Teamkollegen. Doch statt den Kader grundlegend umzubauen, setzt Manager Christian Heidel voll auf den blutjungen Trainerneuling Domenico Tedesco - und damit voll auf Risiko.

Was gibt's Neues?

Teurer Hoffnungsträger: Nabil Bentaleb.
Teurer Hoffnungsträger: Nabil Bentaleb.(Foto: imago/Team 2)

Lieber nicht den Kapitän fragen, der könnte etwas gereizt reagieren: "Ich mache mich lächerlich, wenn ich im vierten oder fünften Jahr in Folge von einem Neuanfang spreche. Irgendwann hängt es einem zum Hals raus", sagte Benedikt Höwedes vor einigen Wochen bei Sky. Von einem kompletten Umbruch kann aber ohnehin nicht die Rede sein. Wenn man mal vom Trainer absieht, gibt es tief im Westen nicht viel Neues - obwohl Heidel schon fast 50 Millionen Euro in Spieler investiert hat. Den Löwenanteil machen die Kaufoptionen auf Nabil Bentaleb und Yevhen Konoplyanka aus, die "echten" Neuzugänge Amine Harit, Pablo Insua und Bastian Oczipka kosten zusammen 16 Millionen Euro - für einen europäischen Topklub (bitte nicht lachen, die Schalker belegen immer noch Platz 16 in der Rangliste der Uefa und Platz 14 in der etwas veralteten Rangliste der umsatzstärksten Vereine) eher Transfers der Kategorie Grabbel-Ecke. Mit der königsblauen Legende Klaas-Jan Huntelaar, Dennis Aogo und Eric Maxim Choupo-Moting haben klingende Namen Gelsenkirchen verlassen, sportlich und finanziell schmerzt allerdings nur der ablösefreie Abgang von Sead Kolasinac. Der Linksverteidiger wurde einst in der Knappenschmiede ausgebildet, die auch in dieser Saison zuverlässig Nachschub liefert und drei Talente in den Profikader entlässt. Allen voran der 18-Jährige Weston McKennie, der sich im Trainingslager als Option in der Offensive empfohlen hat und zum Beispiel die Rolle des wechselwilligen Max Meyer übernehmen könnte.

Auf wen kommt es an?

Wer ist der Hoffnungsträger, Herr Tedesco? "Ich!"
Wer ist der Hoffnungsträger, Herr Tedesco? "Ich!"(Foto: imago/DeFodi)

Auf Thomas Tuchel. Verzeihung, Domenico Tedesco natürlich. An den Namen müssen sich Journalisten und Fans noch gewöhnen, schließlich hat der 31-Jährige vor fünf Monaten noch die U19 der TSG Hoffenheim trainiert, ehe er Erzgebirge Aue mit 20 Punkten in 11 Spielen vom letzten Tabellenplatz der Zweiten Liga zum Klassenerhalt führte. Vergleiche mit Julian Nagelsmann liegen nahe, mit dem jüngsten Bundesliga-Trainer aller Zeiten fuhr Tedesco gemeinsam im Auto zu den Trainerlehrgängen in der Hennes-Weisweiler-Akademie des DFB. Doch Tedescos neuer Vorgesetzter bringt immer wieder einen anderen Namen ins Spiel. "Tuchel war genauso", gab Christian Heidel im "Kicker" jüngst zum Trainingsstil des Neuen zu Protokoll. Im Magazin "11Freunde" erklärte Heidel, Bedenken wegen der Unerfahrenheit des Bundesliga-Novizen kenne er noch von Klopp und Tuchel. Und damit auch alle verstanden haben, was er von Tedesco erwartet, eröffnete Heidel dem "Spiegel", dass er Tuchel gern nach Gelsenkirchen geholt hätte: "Wir haben wieder Kontakt gehabt, aber so kurz nach Dortmund geht Schalke nicht."

Alles andere als taktische Meisterleistungen wären also eine Enttäuschung, der 31-Jährige soll den teuren Kader endlich an seine Leistungsgrenze führen. Die Testspiele, allesamt ohne Niederlage, geben einen ersten Hinweis, dass es klappen könnte: Der unter Weinzierl völlig frustrierte Konoplyanka überzeugte mit Biss und Toren, Benjamin Stambouli versetzte Tedesco erfolgreich in die Dreierkette. Bis zum Saisonstart will auch Leon Goretzka, zuletzt leicht verletzt, komplett genesen sein. Der Shootingstar des Confed-Cups wird wohl trotz der Avancen des FC Bayern seinen Vertrag bis 2018 erfüllen und soll zum Fixpunkt in Tedescos System werden. Und dann ist da ja noch der selbsternannte "halbe Neuzugang" Breel Embolo, das Sturmjuwel, das von Augsburgs Kostas Stafylidis im Oktober rüde aus der Saison getreten wurde. Seine Torgefahr braucht Schalke so schnell wie möglich, Rückrunden-Knipser Guido Burgstaller blieb in der Vorbereitung torlos und Missverständnis Franco di Santo soll sich einen neuen Verein suchen. Verstärkung wird es wohl nicht mehr geben, bis auf Weiteres bleibt also allen Ernstes Verteidiger Naldo der Akteur mit den meisten Bundesligatoren im Kader.

Was fehlt?

Geld in der Mannschaftskasse. Nein, Enfant Terrible Donis Avdijaj ist nicht mit dem königsblauen Sparschwein durchgebrannt, um sich endlich seinen Traum vom Schwimmbad voller Geld zu erfüllen. Der neue Trainer hat einen neuen Strafenkatalog mitgebracht, der den Spielern nicht ans Geld geht, sondern an ihre Freizeit. Im Klartext: Wer zu spät kommt, verbringt seinen freien Tag im Fanshop. Erster Kandidat für den Job wäre Avdijaj höchstpersönlich, Ehrensache. Vor einem Testspiel tauchte der hochtalentierte 20-Jährige nicht zum gemeinsamen Frühstück auf und flog prompt aus dem Kader für das Trainingslager in Österreich. Für ihn könnte es aber auch schon der eine Fehltritt zu viel sein, die Zeichen stehen auf Trennung. Verlässt er die Liga, verliert sie einen der vielbeschworenen "letzten Typen" im Fußball - übrig bleiben die Streber aus den Fußballinternaten mit ihren Westen, so blitzsauber wie ihre Ballannahme. Wie Leon Goretzka, der stolz erklärte, er habe ohnehin nie hohe Strafen zahlen müssen. Und: "Ich stelle mir das ganz lustig vor, im Fanshop hinter der Kasse zu stehen. Wenn es bis zum Ende des Jahres nicht eine Strafe für mich gibt, mache ich das freiwillig."

Wie lautet das Saisonziel?

Tja, was denn nun, lieber Benedikt Höwedes? "Unser Ziel ist, dass wir zu alter Stärke zurückfinden. Wir würden gerne wieder ins internationale Geschäft", sagte der Kapitän zum Thema Saisonziel. Was die Frage aufwirft: Welche Stärke meint der dienstälteste Schalker, neben Atsuto Uchida der einzige, der schon den Pokalsieg 2011 gefeiert hat? Fakt ist: Unter die Top 4 kam Schalke zuletzt unter Jens Keller, der als solider, aber nicht als gewiefter Taktiker galt. Auch Roberto di Matteo und André Breitenreiter konnten keine überzeugende Spielidee implementieren, was sie den Job kostete, obwohl sie sich jeweils für die Europa League qualifizierten. Die nennt Heidel auch als Mindestanspruch für die nächste Saison. Aber eigentlich dürfte auch er sich noch mehr von Tedesco erhoffen: ein Schalke, das wieder mitreißt.

Die Prognose von n-tv.de

Keine substanzielle Verbesserungen, alle Hoffnungen auf einen Mann gerichtet, die Anhänger grundlos optimistisch - der FC Schalke 04 versucht sich an einer Variation des Schulz-Zugs. Wie die Saison für die SPD ausgeht, da sind wir uns ziemlich sicher: ohne Titel. Die Schalker haben allerdings ein paar Vorteile: Das Rennen hat noch gar nicht richtig begonnen, bis zur Endabrechnung haben sie noch viel mehr Zeit, und sie können auf Ausrutscher der Konkurrenz hoffen, die sich mit Europa rumärgern muss. Ins internationale Geschäft kehren sie allerdings nur zurück, wenn Domenico Tedesco die Erwartungen besser erfüllt als Martin Schulz.

Quelle: n-tv.de

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