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Die Renaissance der echten Neun: Mario Gomez
Die Renaissance der echten Neun: Mario Gomez(Foto: imago/MIS)

Die DFB-Elf in der Einzelkritik: Gomez neunert, Neuer machtlos

Von Stefan Giannakoulis, Berlin

Am Ende kann sich nur einer freuen, und das nur heimlich: Mario Gomez trifft nach gefühlter Ewigkeit wieder für die DFB-Elf - die allerdings verliert ihr Testspiel gegen England. Und Bundestrainer Löw spricht von einer Lehrstunde.

Just hatte der Stadionsprecher verkündet, dass es drei Minuten nachzuspielen gebe, da schlugen die Engländer zum dritten Mal zu. Eric Dier von Tottenham Hotspur war es, der an diesem Samstagabend vor 71.413 Zuschauern im Olympiastadion zu Berlin dafür sorgte, dass Englands Fußballer dieses Testspiel mit 3:2 (0:1) gewannen, während die DFB-Elf nun damit leben muss, nicht nur einen Vorsprung von zwei Toren komplett verspielt zu haben, sondern auch mit einer Niederlage in das Jahr gestartet zu sein, in dem die Mannschaft von Joachim Löw bei der Europameisterschaft in Frankreich zu reüssieren gedenkt.

Der Bundestrainer wollte und will dieses Testspiel und das am Dienstag (ab 20:45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) in München gegen Italien dazu nutzen, sich ein wenig Klarheit über die Fähigkeiten seiner Elf zu verschaffen. "Uns geht es um wichtige Erkenntnisse für die Feinjustierung Richtung EM", hatte er vor der Partie gesagt. Ob er hinterher schlauer war? "Das war eine gute Lehrstunde für die Mannschaft." Immerhin. Es war ja nicht alles schlecht - aber auch nicht allzu viel gut. Die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

Machtlos: Manuel Neuer.
Machtlos: Manuel Neuer.(Foto: imago/Camera 4)

Manuel Neuer: Die drängende Frage war ja, wie sich der Torwart des FC Bayern im neuen Auswärtsdress der DFB-Elf präsentiert, das sie bei einem Heimspiel erstmals trug - und das aussieht wie ein tarnfarbener Schlafanzug. Oder wie der Verband dichtete: "Leicht melierte graue Jerseys mit feinen, schwarzen Streifen im Vorderteil sowie cremefarbenen Streifen an den Seiten und olivgrünen Ärmeln." Nun gut. Neuer, der an diesem Ostersonntag seinen 30. Geburtstag feiert, entschied sich in seinem 64. Länderspiel für ein Kermitgrün. Parierte in der 52. Minute einen Schuss von Dele Alli. Und 17 Minuten später, Harry Kane hatte mittlerweile den Anschlusstreffer erzielt, verhinderte er wieder gegen Alli mit dem Fuß den Ausgleich - der dann allerdings dem eingewechselten Jamie Vardy gelang, der Neuer per Hacke überwand (74.). Weil dieses Tor so wunderbar war, wollen wir nicht verschweigen, dass Vardy seit Gary Lineker im Jahr 1985 der erste Spieler von Leicester City ist, der ein Tor für England erzielt hat. Und dann kam Eric Dier. Fazit: Bei allen drei Gegentreffern war selbst Neuer machtlos. Ein gebrauchter Abend war es dennoch.

Deutschland - England 2:3 (1:0)

Tore: 1:0 Kroos (43.), 2:0 Gomez (57.), 2:1 Kane (61.), 2:2 Vardy (74.)
2:3 Dier (90+1.)
Deutschland: Neuer - Can, Rüdiger, Hummels (ab 46. Tah), Hector - Kroos, Khedira - Müller (ab 75. Podolski), Özil, Reus (ab 64. Schürrle) - Gomez (ab 80. Götze). - Trainer: Löw
England: Butland (ab 45. Forster) - Clyne, Smalling, Cahill, Rose - Henderson, Dier - Alli, Lallana (ab 71. Barkley), Welbeck (ab. 71 Vardy) - Kane. - Trainer: Hodgson
Schiedsrichter: Rocchi (Italien) - Zuschauer: 71.413

Emre Can: Der 22-Jährige vom FC Liverpool durfte bei seinem vierten Einsatz für die DFB-Elf als rechter Außenverteidiger beginnen, mithin auf der Position, die traditionell zu den Baustellen im Team gehört - erst Recht, seit Philipp Lahm nach dem WM-Triumph 2014 beschlossen hat, sich fortan auf den FC Bayern zu konzentrieren. Und Can? Kassierte nach 39 Minuten die erste Gelbe Karte des Spiels. Sagen wir es so: Er hatte gegen den schnellen Alli, den schnellen Danny Rose und den schnellen Danny Welbeck so seine Probleme. Als EM-Lösung hat er sich nicht angeboten. Aber der Bundestrainer hat ja noch den Dortmunder Matthias Ginter, den Hoffenheimer Sebastian Rudy und Shkodran Mustafi vom FC Valencia. Und wenn das alles nichts hilft, dann spielt er halt wie bei der durchaus erfolgreichen Weltmeisterschaft in Brasilien erst einmal mit vier Innenverteidigern in einer Reihe.

Antonio Rüdiger: Der 23 Jahre alte Abwehrspieler des AS Rom agierte in seinem achten Länderspiel rechts neben dem Kollegen Mats Hummels in der Innenverteidigung – was er wuchtig, zweikampfstark und insgesamt gut erledigte. Durfte sich nach der Pause als Chef der Abwehr fühlen, da der Kollege Hummels angeschlagen passen musste. Eine Rolle, die ihm vielleicht nicht ganz so behagte: Vor dem ersten Tor der Engländer verpasste er den Ball, beim zweiten ließ er sich von Vardy foppen - der das allerdings auch exzellent machte. Was auf jeden Fall für Rüdiger spricht: Er kann auch rechter Außenverteidiger spielen.

Mit Mats Hummels wechselte Bundestrainer Löw in der zweiten Halbzeit jegliche Abwehrstabilität im deutschen Team aus.
Mit Mats Hummels wechselte Bundestrainer Löw in der zweiten Halbzeit jegliche Abwehrstabilität im deutschen Team aus.(Foto: imago/Ulmer)

Mats Hummels: Sein Wert für die Mannschaft war zu ermessen, als er nicht mehr dabei war. Nach der ersten Halbzeit nahm Löw den 27 Jahre alten Dortmunder in seiner 45. Partie für Deutschland raus - muskuläre Probleme. Prompt wackelte die Abwehr bedenklich - und kassierte drei Gegentore. Der Bundestrainer räumte hinterher ein: "In einem wirklich wichtigen Spiel hätte er vielleicht weitergespielt." So aber kam der 20 Jahre Junge Jonathan Tah vom TSV Bayer 04 Leverkusen zu seinem Debüt in der DFB-Elf. Er darf nun von sich behaupten, der 78. Neuling in der Ägide Löw zu sein. Prädikat: stark im Zweikampf, sonst aber arg ausbaufähig. Löw umschrieb das freundlicher: "Jonathan hat seine Sache für sein erstes Länderspiel gut gemacht. Seine ersten 45 Minuten waren absolut in Ordnung." Und überhaupt: Die Niederlage sei nicht an der Innenverteidigung festzumachen. Nicht nur er dürfte darauf hoffen, dass der Münchner Jérôme Boateng zur EM wieder fit ist.

Jonas Hector: Der 25 Jahre alte Kölner ist einer der Spieler der DFB-Elf, der schon jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seinen EM-Aufenthalt im Sommer in Frankreich planen kann. Er ist einer von Löws Lieblingsschülern, als linker Außenverteidiger gesetzt und, das nur am Rande, der Akteur mit den meisten Länderspielen im vergangenen Jahr, nämlich neun. In seinem elften Einsatz für das A-Team nun im Olympiastadion blieb er allerdings etwas hinter dem zurück, was von ihm zu erwarten war. Vor dem Ausgleich der Engländer hätte er zum Beispiel Nathaniel Clyne daran hindern können, den Ball auf Vardy zu flanken.

Einer der besten des Teams: Toni Kroos
Einer der besten des Teams: Toni Kroos(Foto: picture alliance / dpa)

Toni Kroos: Hat eigentlich jemals einer die Schusstechnik der 26 Jahre alten Passmaschine von Real Madrid gelobt? Ja, klar. Aber das, was der in seinem 63. Länderspiel zwei Minuten vor der Pause zeigte, war so schlecht nicht. Da fing nämlich Mesut Özil an der Mittellinie einen Abschlag des englischen Torhüters Jack Butland ab, indem er den Ball mit der Brust stoppte und dann auf Kroos passte. Der schnappte ihn sich, lief ein paar Meter - und schoss dann mit dem rechten Fuß aus 22 Metern so aufs Tor, dass der Ball links unten vom Schützen aus gesehen hineinging - 1:0. Motto: einfach mal draufhalten. Wir sparen uns an dieser Stelle den obligatorischen Witz über englische Torhüter und wünschen Mister Butland alles Gute. Der Mann von Stoke City verletzte sich nämlich in seiner Rolle als Bahnschranke, musste mit der Trage vom Rasen transportiert und gegen Fraser Forster vom FC Southampton ausgewechselt werden. Und notieren, dass Kroos nun zehn Tore für die DFB-Elf erzielt hat. Auch sonst war er als Teil der Doppelsechs neben Sami Khedira vor der Viererabwehrkette einer der Besten seiner Mannschaft. Bleibt die Frage, wie viel solch ein Lob nach diesem Abend wert ist - zumal er wie seine Kollegen nach der Pause nicht annähernd so präsent war wie zuvor. Zeigte sich nach dem Abpfiff verstimmt: "Wenn man spielt, will man auch gewinnen. Von daher ist das Ergebnis immer wichtig. Wir haben in der zweiten Halbzeit schlecht verteidigt. Zwar hatten wir auch eine neue Formation in der Abwehr, aber das hätte trotzdem nicht passieren dürfen."

Sami Khedira: Da Bastian Schweinsteiger - wieder einmal - verletzt passen musste, trug der 28 Jahre alte Turiner in seinem 58. Länderspiel die Kapitänsbinde. Und hatte gleich nach vier Minuten die Chance, sein sechstes Tor für Deutschland zu erzielen, als er an der Strafraumgrenze nach einem Pass des Kollegen Thomas Müller zum Schuss kam, der Ball allerdings von einem englischen Bein abgefälscht wurde. Auch sonst versuchte er, mit einer gehörigen Portion Willenskraft, das Spiel seiner Mannschaft anzukurbeln. Dieser Mann arbeitet Fußball, das sieht man ihm an. Und er servierte dem Kollegen Mario Gomez vor dessen 2:0 nahezu perfekt den Ball. Gereicht hat das aber alles nicht. Sein Fazit: "Eine unnötige, dumme Niederlage. Jeder Einzelne muss sich darauf besinnen, hart zu arbeiten. Wir haben bis zum 2:0 viel richtig gemacht, danach weniger. Dann hat England uns bestraft. Wir haben aber 60 Minuten ein gutes Spiel gemacht. Das müssen wir gegen Italien und dann bei der EM besser machen."

Eine der wenigen Szenen, in denen Thomas Müller Einsatz zeigte.
Eine der wenigen Szenen, in denen Thomas Müller Einsatz zeigte.(Foto: picture alliance / dpa)

Thomas Müller: Der Mann, der beim FC Bayern regelmäßig für Furore sorgt, darf zwar nun behaupten, mit seinen 26 Jahren 69 Länderspiele absolviert zu haben - aber bei genauer Betrachtung hat er sich in Berlin auf dem rechten Flügel eine Auszeit genommen. Gut, er hat sich bemüht, er ist gerannt, er hat gerackert. Aber es sollte an diesem Abend einfach nicht sein. Dabei hatte er vor der Partie so ein schönes Lob von Lukas Podolski bekommen, der beim Anpfiff wieder einmal auf der Bank saß: "Der Thomas ist ein geiler Typ und wir haben dieselben Erfolge - außer im Verein." Die letzte Viertelstunde durfte er zuschauen, für ihn kam tatsächlich eben jener Lukas Podolski in die Partie. Damit kommt die 30 Jahre alte Frohnatur von Galatasaray nun auf 127 Länderspiele. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Mesut Özil: Sicherte sich bereits vor seinem 71. Länderspiel einen wichtigen Titel. Der ebenso berühmte wie berüchtigte Fanklub der Nationalmannschaft powered by koffeinhaltiger Brause hatte den 27 Jahre alten Zauberfuß vom FC Arsenal zum Nationalspieler des Jahres gewählt. Beim ersten Gegentor von Harry Kane nach exakt einer Stunde war er von dieser Ehre wohl noch so beseelt, dass er den Engländer nicht mit dem ausreichenden Nachdruck am Anschlusstreffer hinderte. Zuvor war allerdings auch schon Müller daran gescheitert - und bei Torschuss flog der Ball auch noch durch seine Beine. Ansonsten beeindruckte Özil damit, wie gut er mit dem Ball umgehen kann und wie unermüdlich er ihn an die Kollegen weitergibt. Und das 1:0 durch Kroos hat er prima eingeleitet. Gereicht hat das aber alles nicht.

Marco Reus: Der 26 Jahre alte Dortmunder, der beim BVB bisher eine hervorragende Saison spielt, wird wissen, dass seine 28. Partie im Dress des DFB nun nicht die beste war. Allein ein nicht ganz ungefährlicher Freistoß gelang ihm - nach 50 Minuten. Eine knappe Viertelstunde später nahm der Bundestrainer Reus raus und brachte André Schürrle. Für den 25-Jährigen vom VfL Wolfsburg war es ein kleines Jubiläum, er durfte sich über sein 50. Länderspiel freuen. Weniger gefreut haben dürfte ihn, dass Englands Dier beim 3:2 höher sprang als er.

Mario Gomez: Der Bundestrainer war nach drei Tagen Training in Berlin nahezu begeistert: "Mario hat spürbar mehr Selbstbewusstsein. Er hat wieder seine alte Sicherheit. Das erkennt man an seinen Bewegungen, seiner Ausstrahlung und seiner Körpersprache." Und: "Er trifft wieder nach Belieben und zeigt Woche für Woche hervorragende Leistungen." Nach einer knappen halben Stunde sah es so aus, als würde das der Abend des 30 Jahre alten Angreifers von Besiktas werden. Sami Khedira hatte wunderbar auf Gomez gepasst - und der schoss in seinem 62. Länderspiel aus zwölf Metern den Ball ins englische Tor, wie es Löw prophezeit hatte. Allein: Der italienische Schiedsrichter Gianluca Rocchi hatte - nahezu exklusiv - eine Abseitsposition gesehen. Und so war‘s nix mit Gomez‘ 26. Treffer für die Nationalelf. Der folgte dann nach einer knappen Stunde. Wieder war es Kapitän Khedira, der dieses Mal den Ball in den Fünfmeterraum flankte. Gomez sprang hoch wie ein Mittelstürmer, ließ dabei den englischen Kapitän Gary Cahill stehen und köpfte den Ball ins Tor wie ein Mittelstürmer. Es war so etwas wie die Renaissance der echten Neun und sein erster Treffer seit dem 13. Juni 2012, als er im Gruppenspiel der EM beim 2:1 gegen die Niederlande im ukrainischen Charkow für beide Treffer verantwortlich zeichnete. Blöd nur, dass seine Mannschaft danach noch drei Treffer kassierte. "Das ist ein Stück weit unerklärlich. Bis zum 2:0 haben wir richtig gut gespielt, aber vielleicht unsere Chancen nicht gut genug genutzt." Okay, und sonst? "Ich persönlich freue mich, wieder dabei zu sein, dass ich wieder die Körner habe mitzugehen. Ich schaue jetzt auch mehr darauf, der Mannschaft zu helfen, und weniger darauf, ob ich ein Tor mache oder nicht." Ach. Zehn Minuten vor dem Ende sein Namensvetter für ihn. Der Münchner Mario Götze, sieben Jahre jünger, kommt nun auf 49 Länderspiele. Und Löw hat ihm versprochen, dass er am Dienstag gegen Italien von Anfang an spielen darf.

Quelle: n-tv.de

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