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Friedlicher Spott: Werder Bremen stänkert gegen den Liebslingsrivalen HSV.
Friedlicher Spott: Werder Bremen stänkert gegen den Liebslingsrivalen HSV.(Foto: imago sportfotodienst)
Dienstag, 14. Februar 2017

Redelings über Fanplakate: Kommunismus gegen Alkoholismus

Von Ben Redelings

Die Skandal-Banner von Dortmund und St. Pauli sorgen für Aufregung. Dabei können Fan-Plakate auch originell und dennoch bissig sein. Unser Kolumnist stellt einige herrliche Beispiele aus über 50 Jahren Bundesliga vor!

Es ist und bleibt eines der originellsten Fan-Plakate in der Bundesliga-Geschichte. Damals, als die Schalker das erste Mal in den Sportpark der SpVgg Unterhaching reisten, hängten sie nach erfolgreicher Ankunft beim kleinen Klub in der Nachbarschaft zum großen FC Bayern folgenden Spruch an den Zaun: "Hurra, wir haben's gefunden!"

Ohnehin kann man den Schalkern einen gewissen Humor und auch eine Ader für Selbstironie nicht absprechen. Als es mal wieder ganz knapp nicht mit der deutschen Meisterschaft geklappt hatte, hingen die Fans bei einem Spiel gegen Mönchengladbach dieses Plakat in die Arena: "Wenn sogar Eier eine Schale haben, wollen wir auch eine." Aber auch die Anhänger des S04 können es durchaus herzhafter: "Wenn Arschlöcher fliegen könnten, wäre ganz Bayern ein Flughafen." Apropos München. Damals noch im alten Olympiastadion verewigten sich Fans von Hansa Rostock mit folgendem Banner in die Bundesliga-Historie: "Mutti, wir sind in München und dein Auto auch."

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Die Geschichte des deutschen Fußballs kennt viele geistreiche Bannersprüche. Als in Nürnberg nach der Saison 1967/68 der Titel tüchtig gefeiert wurde, hielten Fans Plakate hoch, auf denen die Verdienste des österreichischen Erfolgscoachs gepriesen wurden: "Nicht nur Neckermann, auch Max Merkel macht’s möglich!" In Offenbach waren während der Spielzeit 1970/71 sogar wahre Poeten der Stadionplakate-Kunst am Werke. Mitten im Abstiegskampf zeigte man sich nicht nur äußerst kreativ, sondern vor allem auch sehr flexibel. Nachdem man vergeblich den Ex-Trainer zurück an den Bieberer Berg gesehnt hatte ("Uns rettet nur einer – Kurt Schreiner!"), wünschte man sich und dem neuen Übungsleiter der Kickers nun alles Gute: "Die Saison ist noch nicht zu Ende, mit Kuno Klötzer kommt die Wende!"

Die Anhänger in Hannover feierten dereinst ihren mittlerweile verstorbenen Trainer im alten Niedersachsenstadion mit folgendem unvergesslichen Banner: "Unsere Religion: Hannover 96. Unser Gott: Werner Biskup."

Mit feiner Ironie begegneten die Fans der Fohlen im Jahr 2003 der sportlichen Talfahrt. Als im September die Borussia Trainer Ewald Lienen rausschmiss und von Rot-Weiss Essen Holger Fach holte, fragten sich die treuen Anhänger auf einem Plakat im Stadion: "Wieder der Richtige für sechs Monate?".


"Wie Calmund ohne Bauch"

Bei einem Heimspiel des SV Werder in den neunziger Jahren gegen Eintracht Frankfurt waren offensichtlich auch Berliner im Stadion. Am Zaun hing damals ein Plakat mit dem Spruch: "Hertha - komm zurück, Mario Basler!" Der Bremer Profi reagierte launig: "Ich verstehe das Ding nicht. Meine Frau heißt gar nicht Hertha, sondern Karin."

"Unsere Religion: Hannover 96 - Unser Gott: Werner Biskup"
"Unsere Religion: Hannover 96 - Unser Gott: Werner Biskup"(Foto: imago sportfotodienst)

Als 1995 der ehemalige deutsche Nationalspieler Bernd Schuster Leverkusen verlassen musste, hielten die Fans des rheinischen Bundesligisten dieses bildstarke Plakat in die Höhe: "Bayer ohne Schuster ist wie Calmund ohne Bauch!" Unvergessen und auf ewig in die Geschichtsbücher eingegangen ist natürlich auch das Banner zu Ehren von Klaus "Tanne" Fichtel. Als dieser am 21. Mai 1988 mit 43 Jahren, sechs Monaten und zwei Tagen sein letztes Bundesligaspiel bestritt, hing im Schalker Parkstadion ein Plakat mit dem herrlichen Spruch: "Der Wald stirbt, die Tanne steht!"

Aber nicht nur zu Ehren von Spielern und Trainern werden in der Bundesliga Banner gemalt - auch für die Unparteiischen. Am vierten Spieltag der Saison 1989/90 feierte Schiedsrichter Markus Merk bei der Partie VfL Bochum gegen Bayer Uerdingen sein Debüt - und brachte gleich seinen eigenen Fanklub mit. An den Eisenstangen im Ruhrstadion hing gut sichtbar ein Plakat mit dem Aufdruck: "Merk merkt alles".

"Voll doof hier"

Auch die Fans des im Moment so stark kritisierten BVB können natürlich anders. Als die Dortmunder Borussia in der Spielzeit 1999/2000 19-mal hintereinander nicht gewinnen konnte und eine ganz miese Saison spielte, zeigten die Zuschauer mit einem Banner im Westfalenstadion auf amüsante Art und Weise ihren Unmut: "SV Rödinghausen. Kreisliga C. Sollen wir uns warmlaufen?"

"Der Wald sitrbt - die Tanne steht": Ein Plakat zu Ehren von Klaus "Tanne" Fichtel.
"Der Wald sitrbt - die Tanne steht": Ein Plakat zu Ehren von Klaus "Tanne" Fichtel.(Foto: imago/Sven Simon)

Wie man mit den neuen, finanzstarken Klubs am Bundesliga-Firmament kreativ, bissig und dennoch nicht unter der Gürtellinie umgehen kann, zeigten die Fans des Hamburger SV in Bezug auf die TSG Hoffenheim. Mit dem Verweis auf das Gründungsdatum von 1899 Hoffenheim hielten sie ein Spruchband in die Höhe, auf dem stand: "1887 - Uns trennen mehr als 12 Jahre." Und die Fans der Bielefelder Arminia brachten ihren Unmut bei einem Besuch in Sinsheim durchaus feinsinnig zum Ausdruck: "Voll doof hier." Übrigens: Ein Gespür für die eigene Außenwirkung kann man den Anhängern der TSG in der Tat nicht absprechen. So sangen sie als Zweitligist, der gerade 20 Mio. Euro für neue Spieler ausgegeben hatte: "Wir sind toll, wir haben Geld, wir sind der geilste Klub der Welt."

"Fußball ist heute wie Schach"

In der letzten Saison bewiesen die Wolfsburger Fans sehr anschaulich, dass Attacken auf den Gegner auch mit Karacho auf einen selbst zurückfallen können. Beim Heimspiel gegen Gladbach präsentierten sie ein legendäres Banner - adressiert an die Anhänger des Erzrivalen aus Braunschweig. Doch der Spruch - "Blau gelbe Schweine seht es ein - wir werden auf ewig hinter uns sein" - ging, wie man sich denken kann, komplett nach hinten los. So war es für die Eintracht-Fans ein Leichtes am nächsten Tag mit einem eigenen Banner zu kontern: "Verein für Legastheniker! Ihr bleibt ewig hinter euch!!!"

Auch international gibt es viele herausragende Beispiele gelungener Fan-Plakate. In Erinnerung bleibt etwa das kurze, aber sehr prägnante schottische Fanplakat bei der WM 1982 während des Spiels gegen die Sowjetunion: "Kommunismus gegen Alkoholismus." Und wie man als Fußball-Romantiker die unaufhörlich voranschreitende Kommerzialisierung originell wie bissig auf einem Plakat im Stadion zusammenfasst, haben schon vor vielen Jahren die Fans von Newcastle United eindrucksvoll vorgemacht. Ihr Spruch ist mittlerweile eine Legende: "Fußball ist heute wie Schach. Es geht nur noch ums Geld."

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Quelle: n-tv.de

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