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Der Erfolgsgarant: Torjäger Jamie Vardy.
Der Erfolgsgarant: Torjäger Jamie Vardy.(Foto: imago/Sportimage)

Sie hören einfach nicht auf: Leicester City düpiert die Milliardenliga

Von Tobias Nordmann

Leicester City englischer Meister? Träum weiter! So klang es am 13. Spieltag der Premier League. Elf Runden später thronen die "Foxes" weiter an der Spitze. Zwar glaubt kaum einer an den Titel, doch völlig illusorisch ist das Fußball-Wunder nicht.

Der Dank gilt Joe Hart. Der Keeper der englischen Nationalmannschaft und Nummer eins im Kasten von Manchester City hat an diesem Abend tüchtig was zu tun. Die mit Gott weiß wie vielen hundert Millionen Pfund hochgerüstete Weltauswahl von Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan spielt beim FC Sunderland. Für den zukünftigen Klub von Bayern-Coach Josep Guardiola eine Pflichtaufgabe. Titelambition trifft auf Abstiegsangst. Der Zweite auf den Vorletzten. 90 und ein paar Minuten später will wohl niemand mehr von einer Pflichtaufgabe reden. Zwar gewinnt City mit 1:0 durch ein Tor von Maradonas ehemaligem Schwiegersohn Kun Agüero, aber ein Mutmacher für den kommenden, so wichtigen Samstag war dieser Auftritt nicht.

Rund 300 Kilometer von Sunderland entfernt ist die Stimmungslage deutlich besser. Zumindest bei den Gastgebern. Leicester City hat gerade Jürgen Klopps FC Liverpool auseinandergenommen und den Fans eine erneute Gala von Torjäger Jamie Vardy beschert. Mit einem aus vollem Lauf per Volleyschuss abgeschlossenen Winkelkracher und einem lässigen Abstauber hat der Stürmer den 2:0-Erfolg gegen die weiter im Mittelfeld vor sich hindümpelnden "Reds" perfekt gemacht. Klopp schwärmt von der "Weltklasse"-Qualität des Vardy-Hammers, und die "Foxes" feiern. Sie feiern, weil sie allen Grund dazu haben. Denn vor dem großen Showdown gegen ManCity am Samstag führt die No-Name-Truppe von Coach Claudio Ranieri weiter die Premier League an und ihre Milliarden-Klubs vor.

Fällt das "gallische Dorf"?

Noch sind in der teuersten Liga der Welt 14 Runden zu drehen, ehe entschieden ist, wer am Ende den Henkelpott in den englischen Himmel recken darf. Schreibt sich das Märchen des "gallischen Dorfs" aus der Mitte des Vereinigten Königreichs fort, das sich gegen die hoch potente Oligarchen-Invasion wehrt, oder knickt die Mannschaft doch noch ein. Am 25. Spieltag wird es auf diese Frage keine Antwort geben. Wohl aber könnte es zumindest psychologisch eine winzige Vorentscheidung geben. Besteht Leicester City im Etihad Stadium von Manchester (Samstag, 13.45 Uhr, im n-tv.de-Liveticker), dann scheint alles möglich - auch der Titel. Gewinnt die Mannschaft um Jamie Vardy gar, hat sie unabhängig vom Ausgang der anderen Spiele mindestens fünf Punkte Vorsprung auf den dann ärgsten Verteidiger, auf City wären es gar sechs.

Der Architekt des Erfolgs: Trainer Claudio Ranieri.
Der Architekt des Erfolgs: Trainer Claudio Ranieri.(Foto: imago/ANE Edition)

So richtig glauben will an dieses Fußball-Wunder kaum einer. Zu bizarr ist die Geschichte des Klubs, der zwar dem thailändischen Milliardär Vichai Srivaddhanaprabha gehört, aber bei seinen Investitionen wohlwollend kleine Summen einsetzt. In der vergangenen Saison stand der Verein kurz vor dem Abstieg. Neun Spiele vor Saisonende lagen die "Foxes" auf dem letzten Platz, sieben Punkte von der Rettung entfernt. Doch dann startete das Team unter dem strengen Trainer Nigel Pearson eine irre Serie. 22 Punkte eroberten die längst Abgeschriebenen - drei mehr als in den 29 Spielen zuvor. Die Rettung gelang und der Coach musste gehen.

Ranieri kommt überraschend und überrascht

Für Pearson kam Claudio Ranieri. Ein echter Wandervogel an der Seitenlinie. Länger als zwei Jahre hält es der Italiener eigentlich nirgendwo aus. In England, so schrieb die "Süddeutsche Zeitung" im Herbst des vergangenen Jahres, werde der 64-Jährige oft belächelt. Er gelte als Unvollendeter, der immer knapp an seinen Zielen scheitert. Ein Blick auf die Vita bestätigt das. Trotz Engagements bei Top-Vereinen wie Chelsea, dem FC Valencia, Juventus Turin, dem SSC Neapel, AC Florenz, Atlético Madrid, AS Rom und Inter Mailand, gewann er aber nur zwei Meisterschaften.

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Ranieri eilte der Ruf voraus, in seinen neuen Mannschaften ordentlich durch den Kader zu kehren. Wer den Italiener verpflichtet, muss sich auch ein neues Team zusammenkaufen. Also bereitete sich Leicester auf den Umbruch vor. Aber Ranieri überraschte alle. Er setzte auf den Kader, der die Wende schaffte. Und er setzte damit auf Spieler, die niemand auf der Rechnung hatte. Schon gar nicht für höhere Aufgaben. Da ist zum Beispiel Jamie Vardy - ein ehemaliger Straftäter. Der mit 18 Treffern beste Torjäger der Premier League war mit 16 Jahren in eine Kneipenschlägerei verwickelt. Er wurde dafür verurteilt. Er bekam eine Ausgangssperre von sechs Monaten und musste ab 18 Uhr eine Fußfessel tragen, weil er sonst gegen Bewährungsauflagen verstoßen hätte. "Ich habe gehofft, dass wir gewinnen, und bin dann über den Zaun gesprungen. Dort haben mich meine Eltern abgeholt, damit ich wieder rechtzeitig zu Hause war", berichtet der 29-Jährige, der noch vor drei Jahren in der fünften Liga stürmte - ehe ihn Leicester für eine Millionen Pfund verpflichtete. Mittlerweile ist der pfeilschnelle Angreifer mit dem unerschütterlich scheinenden Selbstvertrauen sogar englischer Nationalspieler.

Berliner Junge zurück im Rampenlicht

Vardy ist sicher die spannendste Geschichte im Kader des Sensationsteams. Kaum ein Medium auf der Insel hat nicht schon ausführlich über ihn berichtet, und auch in Deutschland stürzen sich Zeitungen und Online-Portal auf seine Geschichte. Aber auch andere Spieler im Kader haben irre Entwicklungen hinter sich. Da ist zum Beispiel Robert Huth. Bei der WM 2006 noch im Aufgebot von Jürgen Klinsmann wurde es danach still um den Berliner Innenverteidiger. Bis zu dieser Saison. Denn bei City sorgte der Hüne für defensive Stabilität, ist Organisator der Innenverteidigung und plötzlich wieder Gesprächsthema, auch in Deutschland. An seiner Seite glänzt auch Christian Fuchs, in der Bundesliga bekannt aus seiner Zeit beim VfL Bochum und dem FC Schalke 04.

Doch all das erklärt noch nicht, warum die Mittelengländer den Top-Klubs die lange Nase zeigen. Eine Mannschaft aus Unbekannten ist kein Garant für Erfolg - eigentlich. Doch Fuchs sieht das anders. "Wir sind kein Team mit Stars, aber ein Team, das auf dem Platz geschlossen arbeitet. Das ist wichtiger als alles andere", sagt der Österreicher in einem Interview mit der "Daily Mail". Ranieri hat das erkannt und er hat seinen Arbeitern ein passendes System verordnet: Ein 4-4-2 mit blitzschnellem Überfallfußball. Wie gut das funktioniert, weiß jetzt auch Jürgen Klopp und am Samstagnachmittag vielleicht auch dessen Kollege Manuel Pellegrini von Manchester City.

Quelle: n-tv.de

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