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Freitag, 06. Oktober 2017

"Diese schrecklichen Deutschen": Löw wappnet sich für "das Allerschwerste"

Von Stefan Giannakoulis, Belfast

Der Titelverteidiger ist also bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland dabei. Prima, oder Joachim Löw? Geht so, sagt der Bundestrainer und zieht mit seinen Spielern lieber nicht durch Belfasts Pubs.

Belfast hat dem geneigten Besucher viel zu bieten. Nordirlands Hauptstadt mit ihren knapp 340.000 Einwohnern ist vielleicht keine Schönheit, der man beim ersten Anblick erliegt. Wer aber nur etwas genauer hinschaut, kann sich schnell in sie verlieben - und abends in einen der vielen schönen, stimmungsvollen Pubs gehen und oft zu Live-Musik ein Pintchen trinken. Wir empfehlen da ganz besonders das Filthy McNastys an der Dublin Road 45 im Herzen der Stadt. Wie sieht es also aus, lieber Herr Bundestrainer - bekommen die Spieler bis Sonntag frei und können ein bisschen durch die Stadt ziehen und feiern?

Spitzenkulisse.
Spitzenkulisse.(Foto: Action Images via Reuters)

Da saß Joachim Löw nun in seinem schwarzen Rollkragenpullover am Donnerstagabend auf dem Podium im kleinen Konferenzsaal des Windsor Parks, wie das Fußballstadion in Belfast heißt, und konnte mit dieser Frage nicht allzu viel anfangen. Kurz grinste er dann aber doch und sagte mit der gebotenen Ernsthaftigkeit eines Mannes, der auch im Alter von 57 Jahren beruflich noch viel vorhat: "Nein, das wäre nicht so ganz professionell. Wir wollen ja auch den zehnten Sieg." Das klang nun erst einmal ziemlich langweilig - und war es wohl auch. Schließlich hatte die deutsche Nationalmannschaft just Nordirland nach Toren von Sebastian Rudy in der zweiten Minute, Sandro Wagner (21.) und Joshua Kimmich (86.) mit 3:1 (2:0) besiegt, den neunten Erfolg im neunten Qualifikationsspiel eingefahren und, jetzt kommt's, sich für die Weltmeisterschaft qualifiziert, die in acht Monaten in Russland beginnt. Was will man mehr? Wenn das kein Grund ist, mal richtig die Sau rauszulassen.

Feiern? Das können die anderen

Andererseits kam das alles nun nicht wirklich überraschend. Oder besser: Niemand hatte daran gezweifelt, dass der amtierende Weltmeister sich die Chance erspielt, den 2014 in Brasilien gewonnenen Titel nun auch zu verteidigen. Und weil der Bundestrainer das vor allem erfolgreich tun will, hatte er auch keinen Sinn für die Pubs in Belfast, sondern verwies flugs darauf, dass am Sonntag (ab 20.45 Uhr bei RTL und in Liveticker bei n-tv.de) auf dem Betzenberg in Kaiserslautern noch ein allerletztes Pflichtspiel gegen Aserbaidschan ansteht. Und die makellose Bilanz von 30 Punkten aus zehn Partien hat es Löw angetan: "Das gab es noch nie." Außerdem kämen ja 30.000 Zuschauer, da könne man sich nicht hängen lassen.

Es ist aber weniger die Gier nach statistischen Superlativen als vielmehr die Erkenntnis, dass der Weg zum erneuten WM-Titel ein langer und schwerer sein wird - wenn er ihn mit seiner Auswahl überhaupt bis zum Ende wird gehen können. Dass immer irgendetwas dazwischenkommen kann, hatte die DFB-Elf zuletzt 2016 bei der EM in Frankreich erfahren, als sie im Halbfinale den Gastgebern unterlag. Also gilt: Nach der Qualifikation ist vor der WM. Und auch, wenn seine Spieler die ihnen gestellte Aufgabe in Belfast souverän gelöst hätten, sei es nämlich so: "Unsere Mannschaft muss sich in Richtung Turnier immer weiter verbessern. Es kommen ganz andere Gegner auf uns zu - bei allem Respekt vor Nordirland. Es kommen Spiele mit ganz anderem Tempo, ganz anderer Intensität - da muss man anders verteidigen."

Er weiß, dass das schon in den Gruppenspielen der Fall sein kann. Am 1. Dezember lässt die Fifa im Moskauer Kreml auslosen. Und dabei könnte herauskommen, dass die deutsche Elf bereits in der Vorrunde gegen Frankreich, gegen Spanien oder gegen Italien spielen muss. Anders als die DFB-Elf wäre dieses Trio - wie auch Chile, England und Uruguay - momentan nicht als Gruppenkopf gesetzt. Auch deshalb sagte Löw das, was er in den vergangenen Monaten so oft gesagt hatte: Die erfolgreiche Titelverteidigung sei "das Allerschwerste überhaupt".

"We're not Brazil, we're Northern Ireland!"

Den Augenblick zu genießen, das schien Löw nicht in den Sinn zu kommen: "Wir können uns sicher intern ein bisschen freuen, das tun wir auch. Aber wir sind davon ausgegangen, dass wir es schaffen, das ist keine Frage." Feiern? Das können die anderen eh besser. Was sie dann auch taten. Vor dem Anpfiff tönte es zur Melodie der Gospelhymne "When the Saints go marching in" aus den Lautsprechern: "We're not Brazil, we're Northern Ireland!" Na, und als sie dann noch "Sweet Caroline" spielten, war die Stimmung der Green and White Army wieder so, wie sie die Welt bei der EM in Frankreich kennengelernt hatte.

Danach war es ein bisschen so wie beim 1. FC Köln: Am besten ist es vor dem Anpfiff. Keine anderthalb Minuten waren gespielt, als Rudy zum 1:0 traf. Für die Nordiren war es das erste Gegentor in dieser WM-Qualifikation im Windsor Park. Und als Wagner das 2:0 erzielte, war das Spiel gelaufen - die Nationalmannschaft ist ja nicht der FC Bayern. Die 18.104 Zuschauer ließen sich die Laune aber nicht verderben, nur zwischendurch war es ein wenig leiser. Doch als Josh Magennis in der Nachspielzeit tatsächlich ein Tor gelang, war der Jubel so laut, als hätte Nordirland die WM gewonnen. Aber wie hatte ein Fan in der Halbzeit geklagt? "Diese schrecklichen Deutschen. Sie haben mit einem Nachwuchsteam den Confed Cup gewonnen. Schau dir die Spieler an - sie sind alle viel besser als unsere. Es ist so frustrierend." Immerhin können er und sein Team darauf hoffen, sich als Gruppenzweiter über die Playoffs den Weg nach Russland zu bahnen. Löw jedenfalls machte den Nordiren Mut: "Wir sehen uns in Russland", sagte er, bevor er das Stadion verließ - und mutmaßlich nicht in den Pub ging.

Quelle: n-tv.de

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