Sport

Grandioses Tor, falscher Verein: Miccoli vergießt bittere Tränen

von Christoph Wolf

Am Tag, als 50-Millionen-Mann Fernando Torres in England gegen seinen Ex-Klub unbedingt ein Tor schießen will und grandios scheitert, gelingt Fabrizio Miccoli in der Serie A ein Treffer, den der Stürmer eigentlich niemals schießen wollte. Fußball kann so schrecklich schön sein.

Dantes Inferno in der Bundesliga: Erst erkannte Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer das Tor des Gladbachers zum 3:2 nicht an, dann entschied er auf Elfmeter gegen Dante und stellte ihn vom Platz.
Dantes Inferno in der Bundesliga: Erst erkannte Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer das Tor des Gladbachers zum 3:2 nicht an, dann entschied er auf Elfmeter gegen Dante und stellte ihn vom Platz.(Foto: dapd)

Reich an Toren und Kuriositäten war das vergangene Fußball-Wochenende in Europas Ligen. In England verspielte der FC Arsenal beim 4:4 gegen Aufsteiger Newcastle United als erstes Team eine 4:0-Pausenführung. Andernorts in England gelingt es ausgerechnet dem Tabellenletzten Wolverhampton, Tabellenführer Manchester United die erste Saisonniederlage zuzufügen, während Ex-Liverpool-Stürmer Fernando Torres bei Chelseas 0:1 gegen die "Reds" der schlechteste Mann auf dem Platz ist.

In der Bundesliga präsentierten sich der FC Bayern und Thorsten Kinhöfer in Geberlaune. Der eine, der Rekordmeister, schenkte beim abstiegsgefährdeten 1. FC Köln eine 2:0-Pausenführung her. Der andere, der Schiedsrichter, schenkte dem VfB Stuttgart im Abstiegskrimi bei Borussia Mönchengladbach den ersten Auswärtssieg der Saison. Indem er ein reguläres Tor für Gladbach nicht gab, dafür aber einen irregulären Elfmeter gegen Gladbach pfiff.

Fabrizio Miccoli trägt das Trikot von US Palermo, aber US Lecce im Herzen.
Fabrizio Miccoli trägt das Trikot von US Palermo, aber US Lecce im Herzen.(Foto: REUTERS)

Und schließlich war da noch das Spitzenspiel in der italienischen Serie A zwischen Meister Inter Mailand und dem AS Rom, bei dem der Catenaccio mit acht Toren (Endstand: 5:3 für Inter) beerdigt wurde. Die schönste Geschichte des Wochenendes schrieb der Fußball aber in Lecce.

Dem Tor folgen Tränen

Dort weilte am Sonntag der US Palermo mit seinem Kapitän Fabrizio Miccoli zum Auswärtsspiel. Von Miccoli ist bekannt, dass er seit Kindertagen ein glühender Lecce-Fan ist, auch wenn er noch nie für den Verein gespielt hat. Trotzdem ist Lecce, wenn man so will, die Liebe seines Fußballlebens. Weil das so ist, trägt Miccoli auch keine gewöhnliche Kapitänsbinde, sondern eine mit den Lecce-Farben, Rot und Gelb. Weil das so ist, denkt Miccoli mit 31 Jahren schon an sein Karriereende, natürlich in Lecce. Dort zu spielen, findet er, "wäre wie die Kirsche auf einem großen Eis".

Weil das so ist, ist Miccoli am Sonntag im Spiel gegen US Lecce in Tränen ausgebrochen. Zuvor hatte er in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit per Freistoß das 1:1 für Palermo erzielt. Es war ein wunderschöner Schuss in den Knick der Torwartecke, direkt vor der Curva Nord. Dort stehen in Lecces Stadio del Mare die Ultras, dort hat bei einigen Heimspielen auch schon Miccoli gestanden und Lecce angefeuert.

"Als ob du einen alten Freund verletzt"

Es gibt Fußballer wie Lukas Podolski und Mesut Özil, die nach Treffern gegen ihre Heimatländer nur dezent jubeln, aus Respekt. Miccoli ist anders. Er jubelte gar nicht. Er ließ den Kopf hängen und in der Kabine seinen Tränen freien Lauf. Dann bat der Kapitän von Palermo seinen Trainer Delio Rossi, ihn zur zweiten Halbzeit auszuwechseln.

Auch nach dem Spiel, das Palermo trotzdem mit 4:2 gewann, schämte sich Miccoli seiner Tränen nicht. Im Gegenteil: "Es ist wahr, ich habe angefangen zu weinen und konnte nicht mehr aufhören. Ich weinte nach dem Tor auf dem Platz, ich weinte in der Kabine. Lecce ist meine Mannschaft und ich habe sie verletzt. Es ist als ob du einen alten Freund verletzt."

Die Curva Nord im Stadio del Mare - hier hat auch Miccoli schon Spiele von US Lecce verfolgt.
Die Curva Nord im Stadio del Mare - hier hat auch Miccoli schon Spiele von US Lecce verfolgt.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Vielleicht dachte Miccoli auch daran, wie sehr viel standhafter Roberto Baggio vor 20 Jahren geblieben war. Nach seinem Transfer vom AC Florenz zu Juventus Turin, der zu gewalttätigen Ausschreitungen in Florenz führte, verweigerte Baggio bei seinem Wiedersehen mit der Fiorentina die Ausführung eines Elfmeters gegen seinen Ex-Klub. Und nicht nur das: Als Baggio ausgewechselt wurde, griff sich der neue Juventus-Star auf dem Weg in die Kabine einen aufs Spielfeld geworfenen Schal. Er küsste ihn und legte ihn sich um den Hals. Es war ein Fiorentina-Schal.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen