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Ralf Rangnick macht keinen Hehl aus seinen Zielen mit RB Leipzig: Ab in die Bundesliga, so schnell wie möglich.
Ralf Rangnick macht keinen Hehl aus seinen Zielen mit RB Leipzig: Ab in die Bundesliga, so schnell wie möglich.(Foto: imago/Picture Point LE)

DFL ist begeistert vom Brauseklub: RB Leipzig setzt auf den "Rangnick-Trumpf"

Von Ullrich Kroemer, Leipzig

Ein Jahr ohne Aufstieg - kein Problem. Aber noch ein weiteres Jahr? Auf keinen Fall! RB Leipzig will ins Oberhaus. Ein Fußballworkaholic ordnet diesem Ziel alles unter. Parallel dazu arbeitet sich der Klub noch an einer anderen Baustelle ab.

Wenn RB Leipzig am Abend gegen die SpVgg Greuther Fürth sein erstes Heimspiel dieser Spielzeit in der 2. Liga bestreitet (20.15 Uhr im n-tv.de Live-Ticker), werden sich die Kameras und Mikrofone wieder auf Ralf Rangnick richten. Seitdem der Schwabe zusätzlich zu seinem Posten als Sportdirektor auch noch Trainer des Red-Bull-Klubs ist, konzentriert sich die Berichterstattung noch mehr als bereits zuvor auf den mächtigen Klubentwickler. Fasziniert bis argwöhnisch beäugt Fußball-Deutschland seit Ende Juni das Comeback des charismatischen und streitbaren Fußballworkaholics.

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Rangnick selbst scheint die neue Doppelfunktion bislang scheinbar mühelos wegzustecken: Der 57-Jährige überzeugte zehn Neuzugänge mit teils deutlich höheren Ansprüchen vom Abenteuer 2. Liga und pimpte seinen Kader auf knapp 40 Millionen Euro Marktwert; er stand fast täglich auf dem Trainingsplatz und studierte mit dem Team ein neues 4-2-2-2-System ein; bei Teambuilding-Einheiten raste er an Stahlseilrutschen durch die Alpen oder versuchte sich vor den versammelten Fans als Karaoke-Sänger. Angesichts dieses Pensums ist es kein Wunder, dass sich derzeit alles auf den Aufstiegsexperten konzentriert. Nicht umsonst spricht man bei Rasenballsport vom "Rangnick-Trumpf".

DFL fällt vor Freude "fast vom Stuhl"

Weitgehend unbeachtet blieben angesichts Rangnicks Omnipräsenz vor dieser Spielzeit die grundsätzlichen Kritikpunkte an RB Leipzig. Im April hatte die Deutsche Fußball-Liga (DFL) dem Reiz-Klub die Lizenz zum Mitspielen komplett ohne Auflagen und Bedingungen erteilt. Beim Ligaverband sollen sie schwer begeistert gewesen sein vom sozialen Engagement der Rasenballer. Ein Insider berichtet, dass DFL-Geschäftsführer Christian Seifert & Co. angesichts des umfassenden Engagements von RB für seine Nachwuchsspieler "fast vom Stuhl gefallen" seien. Talente aus sozial schwachen Familien etwa zahlen keinen Vereinsbeitrag; von Fahrdienst über Nachhilfe bis Übernahme der Wohnkosten bietet RB den kleinen Kickern ein Rundum-Sorglos-Paket. Auch die Arbeit mit den Fans soll durch die künftig enge Kooperation mit dem Leipziger Fanprojekt bundesweit Vorbildcharakter haben.

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert ist begeistert vom sozialen Engagement der Leipziger.
DFL-Geschäftsführer Christian Seifert ist begeistert vom sozialen Engagement der Leipziger.(Foto: picture alliance / dpa)

Noch vor Jahresfrist war der neue Wettbewerber beim Liga-TÜV zunächst durchgefallen und später nur mit umfangreicher Ausbesserungsliste zugelassen worden. Daraufhin musste RB an Logo, Vereinsstrukturen und der Einflussnahme der Mitgliederbasis schrauben. Zwar hat RB mittlerweile über 600 Vereinsmitglieder, 54 Fanklubs, davon 20 offizielle, mit insgesamt 4500 Mitgliedern und über 200 Fördermitglieder. Stimmberechtigt sind jedoch nach wie vor lediglich 14 Mitglieder (Jahresbeitrag: 800 Euro) – allesamt für Red Bull tätig. Einzige Ausnahme ist Wolfgang Altmann, der pünktlich vor der Lizenzierung für 2015/16 im März aus den Reihen der Fördermitglieder gecastet und in den Aufsichtsrat aufgenommen wurde. Bislang hat sich der pensionierte Geschäftsführer eines Unternehmens für Antriebs- und Steuerungstechnik noch nicht öffentlich zu Wort gemeldet. Vorstandsboss Oliver Mintzlaff hatte im Frühjahr betont: "Wir sind ein sehr offener Verein mit zahlreichen Förderungsmöglichkeiten."

Juristisch einwandfrei, aber Kritiker verstummen nicht

Rein rechtlich, das bestätigen unabhängige Juristen, ist die Lizenzierung von RBL einwandfrei. Kritikern von RBL sind die Strukturen des Marketingklubs jedoch weiter ein Dorn im Auge. Bereits im März hatte Stephan Schippers, DFL-Aufsichtsrat und Geschäftsführer von Borussia Mönchengladbach, RB bei n-tv deutlich aufgefordert, "die 50+1-Regelung als Grundpfeiler des Profifußballs, wie wir ihn in Deutschland kennen, anzuerkennen und mit Leben zu erfüllen - und zwar nicht nur auf dem Papier". Andreas Hensel, Sprecher der Kampagne "Nein zu RB", kritisiert nun aktuell: "Die Umstrukturierungen sind eine Farce. RB Leipzig ist immer noch ein undemokratischer Verein mit ausgegliederter Profiabteilung. Stimmberechtigtes Mitglied zu werden, ist de facto nicht möglich." Hensel sagt, dass es wichtig sei, weiterhin gegen RB Leipzig zu protestieren, "um zu verdeutlichen, dass die Kommerzialisierung beziehungsweise Verwertung des öffentlichen Gutes Fußball weiter voranschreitet und mit RB Leipzig einen neuen qualitativen Sprung gemacht hat". Hensel betont jedoch auch, dass der Protest konstruktiv und inhaltlich angemessen geäußert werden müsse.

Sebastian Heidinger wurde in der vergangenen Saison mit einem mit Urin gefüllten Becher beworfen.
Sebastian Heidinger wurde in der vergangenen Saison mit einem mit Urin gefüllten Becher beworfen.(Foto: imago/Eibner)

Spätestens, als in der vergangenen Saison in Karlsruhe Vermummte im Teamhotel von RB Leipzig aufgetaucht waren und Rangnick & Co. bei der Abreise aus dem Stadion bedrängten, oder in Heidenheim ein mit Urin gefüllter Bierbecher auf RB-Kicker Sebastian Heidinger geworfen wurde, war die Grenze legitimen Protests überschritten. Hensel plädiert daher vor dieser Saison für eine stärker inhaltlich besetzte Debatte. "Wir versuchen beispielsweise immer, RB Leipzig im Kontext des kapitalistischen Fußballs zu sehen und nicht als alleiniges Übel", sagt Hensel. Eine verkürzte Kritik habe bereits dazu geführt, "dass RB Leipzig im Sinne antisemitischer Klischees stigmatisiert wird". Die Anti-RB-Kampagne hatte in der Vergangenheit auch rechten Pöbel angelockt, aus Sicht von "Nein zu RB" Applaus von der falschen Seite.

RB Leipzig steht für die Kommerzialisierung des Fußballs

Der Sportwissenschaftler Harald Lange glaubt, dass RB Leipzig in der Debatte über die Kommerzialisierung des Fußballs als Stellvertreter herhalten müsse. Der Klub eigne sich allerdings auch besonders gut als Sündenbock, da RBL das Gegenmodell dessen verkörpere, was in der Fanseele für wichtig erachtet werde. "Die Struktur von RBL schreit förmlich danach: Nehmt mich als Symbol für die Kommerzialisierung des Fußballs", sagt Lange. Der Leiter des Würzburger Instituts für Fankultur hält es generell für wichtig für die Fankultur, dass es Gegenbewegungen wie "Nein zu RB" gebe. "Die Initiativen lassen sich durch die Angst erklären, dass ein Sponsor wie Red Bull das Fußballspiel eindeutig bestimmt", sagt Lange. Jedoch plädiert der Professor für eine gelassenere und reflektierte Debatte über den Umgang mit RB Leipzig.

Um die bisweilen dumpfe und wenig glaubwürdige Diskussion über Kommerz und Tradition auf eine andere Ebene zu heben, hat der Professor das mathematische und wirtschaftswissenschaftliche Konstrukt der Spieltheorie auf den Fußball übertragen. Langes These besagt, dass neben dem eigentlichen Fußballspiel noch ein anderes, komplexeres Spiel rund um das Geschehen auf dem Rasen stattfinde. Bei diesem großen Spiel rund um den Fußball nähmen neben den Klubs und Mannschaften unter anderem auch die sehr heterogenen Spielerfraktionen der Fans auf der einen sowie Wirtschaft/Kommerz/Sponsoren auf der anderen Seite teil.

"Meine These ist, dass gerade die Dissonanzen, Konflikte, Ambivalenzen zwischen und innerhalb der Spielerfraktionen dieses große Spiel so interessant machen", sagt Lange. "Gleichzeitig muss man aufpassen, dass keiner der Akteure so dominant wird und das Geschehen an sich reißt, dass das Spiel langweilig wird." Geschehe das auf Dauer, laufe das Spiel Gefahr, langweilig und einseitig zu werden und so kaputtzugehen. "Gegenwärtig", betont Lange, "sehe ich diese Gefahr jedoch noch nicht."

Aktuell funktioniert das Spiel von Rangnicks Millionenteam gegen die 17 Herausforderer jedenfalls bestens. Im Stadion werden gegen Fürth 25.000 Fans erwartet. Ein Sieg ist zu Rangnicks Heimpremiere als Cheftrainer Pflicht. "Wir wollen in die Bundesliga und wir wollen es so schnell wie möglich", hatte der Fußballlehrer vor dem Saisonstart unmissverständlich gesagt. Übrigens: Da RB gerade die Suche nach einem neuen Hauptgeschäftsführer forciert, könnte in Kürze ein 15. stimmberechtigtes Mitglied in den Klub aufgenommen werden. Ralf Rangnick steht für diesen Job ausnahmsweise nicht zur Verfügung.

Quelle: n-tv.de

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