Sport

Sechs Lehren des 26. Spieltags: Respekt, liebe Fußball-Fans!

Von Tobias Nordmann & Christoph Wolf

Es ist der emotionalste Spieltag der jüngeren Bundesliga-Geschichte. Selten gerät der Fußball so in der Hintergrund wie in der 26. Runde. In zwei Stadien fließen Tränen bei Fans, bei Spielern. Warum? Weil die Menschlichkeit gewinnt.

1. Respekt vor dieser Solidarität

Das Dortmunder Stadion ist ein Hexenkessel, am Sonntagabend wird es dort mitten im Spiel plötzlich leise. Der Ball rollt weiter, aber 82.000 Menschen schweigen, ohrenbetäubend. Ein Zuschauer ist auf der Tribüne einem Herzinfarkt erlegen, die Nachricht verbreitet sich binnen Minuten über alle möglichen Social-Media-Kanäle unter den Fans. Die Ultras rollen ihre Banner zusammen, reduzieren die Unterstützung der Mannschaft auf ein Minimum. Aus Respekt vor dem Verstorbenen. Die Gästefans aus Mainz ziehen mit, eine bedrückende Atmosphäre legt sich über die Arena. Als die Zuschauer dann, gegen Ende des Spiels, die Gänsehaut-Hymne "You'll never walk alone" anstimmen, fließen Tränen, bei den Fans, bei den Spielern, die nach dem Schlusspfiff vor der Südtribüne verharren, Arm in Arm, reglos. Deutschlands größtes Stadion vereint sich in Trauer. 82.000 Menschen erheben sich, sorgen für einen bewegenden Moment der Menschlichkeit und in der Bundesliga-Geschichte einmalige, einzigartige Bilder. Der Fußball? Egal. Das Ergebnis? Interessiert nur die Abgebrühtesten. Die Vereinsfarben? Spielen keine Rolle mehr. Solidarität. Gemeinsam. Was für eine Geste im Moment der tiefsten Trauer!

2. Ruhe in Frieden, Johnny!

Bilderserie

Johnny Heimes ist tot. Vergangene Woche hat der 26-Jährige den Kampf gegen den Krebs verloren. Ausgerechnet Johnny, der in Darmstadt – und vermutlich nicht nur dort – zum Symbol des Kämpfens geworden war. Seine Lebensgeschichte, sein beeindruckende Lebenswille hat die "Lilien" und deren Coach Dirk Schuster inspiriert. Vor dem Relegations-Rückspiel in Bielefeld um den Aufstieg in die 2. Bundesliga im Mai 2014 erzählte Schuster seinen Männern die Geschichte des Jungen. Als Mutmacher. "Niemals aufgeben!", das war Johnnys Botschaft. Eine Botschaft, die die Darmstädter verinnerlicht haben. Bei Spielern, Fans, Verantwortlichen und anderen Klubs sorgte die Nachricht vom Tod der Kämpfernatur für große Bestürzung – und für den zweiten (die Reihenfolge sagt nichts über die Wertigkeit aus) ganz großen Gänsehaut-Moment des 26. Spieltags: Eine bewegende Choreografie, eine Schweigeminute, Solidarität aus dem Gästeblock und "You'll never walk alone" als letzte Ehre auf dem Weg zur ewigen Ruhe. Mach's gut, Johnny!

3. Coman dreht auf – muss aber warten

Bärenstarker Bayer gegen biedere Bremer: Kingslay Coman.
Bärenstarker Bayer gegen biedere Bremer: Kingslay Coman.(Foto: imago/ActionPictures)

Ist es pietätlos an dieser Stelle den Fokus so radikal zu verändern und plötzlich auf das Sportliche des Spieltags umzuschwenken? Auch wir haben uns das gefragt. Eine gute Antwort darauf gibt es nicht. Vielleicht ist es ein guter Kompromiss den sonst so launigen und bissigen Unterton der Spieltagsaufarbeitung ein wenig zurückzustellen und nur die sportlichen Fakten zu beleuchten? Versuchen wir's.

Die Bayern haben das sportliche Ausrufezeichen am 26. Spieltag gesetzt. Das allerdings kommt wenig überraschend. Gegen durch Gelbsperren und Verletzungen dezimierte Bremer, unter anderem fehlte die alternde Lebensversicherung Claudio Pizarro, schoss sich die Guardiola-Elf für das Champions-League-Duell mit Juventus Turin warm. Fünf Mal durften die Bayern jubeln und sich insbesondere an einer Vorlagen-Gala von Kingsley Coman erfreuen. Drei Tore legte der junge Franzose auf, was vor allem die Bayern-Chefs hellauf begeisterte. Karl-Heinz Rummenigge klopfte sich auf die eigene Schulter, pries das noch – ausgerechnet von Juventus Turin - ausgeliehene Talent als "große Überraschung" der Saison. "Das ist ein Transfer, der uns gelungen ist. Das ist ein Bursche, der uns viel Freude bereitet." Trainer Josep Guardiola lobte bekannt überschwänglich: "Er macht es wahnsinnig gut." Für einen Startelf-Einsatz gegen seinen italienischen Ex-Klub wird das wahnsinnig gute Vorspielen indes nicht reichen. Gegen Turin soll Konkurrent Arjen Robben wieder aufs Feld dribbeln – so sieht's die Hierarchie vor. Noch.

4. Hannover ist am Schlechtesten

War's das? Ja, das war's! Hannover 96 ist auf Abschiedstournee in der Bundesliga. Die Leistung gegen Köln vor allem in den zweiten 45 Minuten desaströs, die Fans wütend, der Trainer ratlos: "Es tut mir leid, dass wir im Moment nicht mehr liefern können. Wieder haben wir eine gute Möglichkeit verpasst", sagte Thomas Schaaf nach der 0:2-Heimpleite, die dem Klub einen traurigen Bundesliga-Rekord bescherte. Elf Heimniederlagen in den ersten 13 Spielen, ein solche Misserfolgsserie hatte nicht einmal die legendäre "Trümmertruppe" von Tasmania 1900 im Jahr 1965/1966 hingelegt. Die Berliner stiegen sang- und klanglos ab, dieses Schicksal scheint nun auch für H96 unabwendbar. Kapitän Christian Schulz jedenfalls will schon gar keine Durchhalteparolen mehr hervorkramen: "Besonders die zweite Halbzeit war unwürdig. Wenn man so spielt, hat man auch keine Punkte verdient." Widerspruch? Zwecklos.

5. Wolfsburg bleibt eine Wundertüte

Es war einmal...
Es war einmal...(Foto: picture alliance / dpa)

"Ich beantworte Ihre Fragen gerne. Wenn man gewonnen hat, ist man immer gesprächsbereit." Nach dem 2:1-Duselheimsieg gegen Gladbach am 25. Spieltag war Wolfsburgs Coach Dieter Hecking in prächtiger Stimmung. Die Übellaunigkeit und Ungenießbarkeit der letzten Wochen, vergessen. Und Heckings Laune wurde noch prächtiger, als der VfL daheim gegen Gent das erstmalige Erreichen des Champions-League-Viertelfinals perfekt machte. Dann kam der 26. Spieltag, ein Auswärtsspiel in Hoffenheim - und die Krisenstimmung meldete sich in Wolfsburg und in Heckings Worten zurück: "Wir haben einfach schlecht gespielt. Wir waren schläfrig, nicht wach. Dazu kam ein schlampiges Passspiel." Der VfL wird einfach nicht warm mit dieser Saison. Die erneute Qualifikation für die Champions League? Äußerst fraglich.

Die Sehnsucht nach der Leichtigkeit des Monats Mai 2015 ist greifbar, als die Wolfsburger mit "King"-Kappen durchs Berliner Olympiastadion gesprungen waren, als Pokalsieger, Bundesligazweiter, als neuer Bayern-Herausforderer, mittendrin Kevin de Bruyne. Der Belgier kickt inzwischen bei Manchester City und hat in Wolfsburg die teuerste Wundertüte der Liga zurückgelassen. Per se muss Unberechenbarkeit im Fußball nicht schlecht sein, doch in Wolfsburg produziert sie bisher vor allem negative Überraschungen. Und Fragen, die Dieter Hecking nicht gerne beantwortet.

6.  Trainerbrüder sind kein Patentrezept

0:3 im ersten Bundesligaspiel als Trainer, das nennt man ein bescheidenes Debüt. Der neue Eintracht-Trainer Niko Kovac erklärte zwar nach der Abreibung in Gladbach tapfer, man hätte eh nicht mit Punkten gerechnet. Die Heimspiele zählen, und da gastiert demnächst Hannover 96 in Frankfurt. Im, Obacht, Topspiel des 27. Spieltags. Insgeheim hatte sich Kovac vor dem Abstiegsendspiel sicherlich etwas mehr erhofft von seiner Mannschaft, deren Leistung er nach Abpfiff so zusammenfasste: "Kämpferisch hat sie alles gegeben. Das spielerische Element hat gefehlt."

Bedenklich stimmen dürfte ihn auch, welche Kräfte seine Ernennung als Nachfolger des glück- und zuletzt auch mutlosen Armin Veh im Team freisetzte: Selbstzerstörungskräfte, zumindest bei Lukas Hradecky. Der Keeper war während des Niedergangs unter Veh der einzig konstant gute Frankfurter. Gegen Gladbach erlebte er einen "Scheiß-Tag", verschuldete die ersten beiden Gegentore mit eklatanten Fehlern und sah beim dritten schlecht aus. Coach Kovac, der bei seiner Rettermission von Bruder Robert unterstützt wird, redete die Lage keineswegs schön: "Der Druck wird größer. Die anderen Mannschaften gewinnen auch." Trotzdem appellierte er an die Fans:"Wir müssen einen langen Atem haben." Die werden hoffen, dass der nicht ganz so lang sein muss wie bei den Neville-Brüdern beim FC Valencia. Dort brauchten Gary und Phil zwölf Ligaspiele, um den ersten Sieg einzufahren. Die Bundesliga-Saison hat mit Relegation nur noch maximal zehn Spieltage ...

Quiz Quiz-Elf zum 26. Spieltag
Quiz-Elf zum 26. Spieltag: Quiz-Elf zum 26. Spieltag

Darmstadts Kopfballungeheuer Sandro Wagner nimmt es mit Europas Giganten auf - nur mit wem genau? Der BVB stürmt torhungrig wie selten zuvor durch die Spielzeit, Bremen hat einen neuen Angstgegner und Kevin Volland beendet eine stolze Serie. Elf Kopfnüsse zum 26. Spieltag.

 

Quelle: n-tv.de

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