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Noch Fragen?
Noch Fragen?(Foto: imago/Moritz Müller)
Donnerstag, 13. April 2017

Endlich wieder ein Titel im Mai?: Schalke beschwört den Mythos Eurofighter

Von Stefan Giannakoulis

Die Eurofighter sind im kollektiven Schalker Fußballgedächtnis verankert. Auch, weil sie seit 20 Jahren kein europäisches Endspiel mehr erreicht haben. Nicht erst vor der Partie bei Ajax Amsterdam beschwören sie den Mythos.

Was haben die Schalker Fußballer des Jahres 2017 mit der Mannschaft gemeinsam, die 1997 unter dem Label Eurofighter den Uefa-Pokal gewann? Erst einmal wenig bis nichts. Vielleicht die Tatsache, dass sie in der Bundesliga nicht aus dem Quark kommen. In der Saison des einzigen europäischen Triumphs der Vereinsgeschichte belegte das Team des Trainers Huub Stevens am Ende Platz zwölf. Nun, 20 Jahre später, stehen die Gelsenkirchener und Markus Weinzierl nach 28 Spieltagen auf Rang zehn. Ihnen hängt immer noch nach, dass sie geradezu miserabel mit fünf Niederlagen in die Saison gestartet sind und es danach mehrmals verpasst haben, den Anschluss an die Europapokalplätze herzustellen. Einerseits.

San Siro, 21. Mai 1997: stolz wie Olaf.
San Siro, 21. Mai 1997: stolz wie Olaf.(Foto: imago/WEREK)

Andererseits haben die Schalker am Wochenende den VfL Wolfsburg mit 4:1 besiegt, der Abstand auf Platz sechs beträgt nur noch vier Punkte. Und sie stehen im Viertelfinale der Europaliga, heute treten sie (ab 21.05 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) zum Hinspiel bei Ajax Amsterdam an. Und Weinzierl hatte bereits am Wochenende angekündigt: "Jetzt geht die Saison langsam richtig los." Sechs Spieltage vor dem Ende. Aber die Chance ist da, dass alles gut wird. Anders als vor 30 Jahren ist sogar noch die Champions League drin - wenn sie den Wettbewerb gewinnen. Und auf den zweiten Blick gibt es doch Parallelen, auch wenn die schnell etwas überspannt wirken.

Aber Manager Christian Heidel hatte sie, wie so viele Hobbyhistoriker im Verein, gesucht und auch gefunden - nachdem die Mannschaft Mitte März im Achtelfinale der Europaliga mit einer guten Portion Willenskraft und Glück aus einem 0:2 im Rückspiel bei der Borussia in Mönchengladbach ein 2:2 gemacht hatte. Die Schalker haben das fix als eine Art Mini-Wunder interpretiert. Der Traum jedenfalls lebt, dass sich die Geschichte wiederholt; die Geschichte vom Außenseiter, der am Ende überraschend den Pokal gewinnt. "Ich weiß, dass ganz Schalke von so etwas träumt. Und das ist auch gut so."

"Wir schlugen Roda, wir schlugen Trabzon …"

Und die Mannschaft sieht das ähnlich. Kapitän Benedikt Höwedes ließ sich in der Kabine mit einem Schal fotografieren, der bei den Fans derzeit wieder sehr beliebt ist. Und was stand da drauf? Richtig: "Eurofighter - Uefa-Cup-Sieger '97". Die Fans singen noch heute davon, zuletzt nach dem Sieg gegen Wolfsburg: "Wir schlugen Roda, wir schlugen Trabzon, wir schlugen Brügge sowieso! Valencia, Teneriffa, Inter Mailand - das war ne Show!" Es war seinerzeit - auch eine Parallele? - der Erfolg einer spielerisch limitierten Mannschaft mit ihrem Chef Olaf Thon und Kampfschwein Marc Wilmots an der Spitze, die sich von Runde zu Runde steigerte und im Finale des Uefa-Cups gegen Inter Mailand schließlich über sich hinauswuchs.

Das Hinspiel im Parkstadion gewannen die Schalker am 7. Mai 1997 mit 1:0, Wilmots schoss das Tor. Im Rückspiel vor 83.000 Zuschauern in San Siro, darunter 18.000 Schalker, gelang Inter in der 85. Minute das Tor, nach der Verlängerung stand es immer noch 1:0 für Mailand. Im Elfmeterschießen dann triumphierte S04 mit 4:1 - und Stevens begründete seinen Ruf als Jahrhunderttrainer, zu dem ihn die Fans im Jahr 2004 wählten. Er sagte einmal den Kollegen von goal.com: "Das war im besten Sinn des Wortes eine Mannschaft, jeder war für jeden da, man hat sich gegenseitig geholfen. Teamgeist war angesagt, und jeder hat den anderen mitgerissen." Dabei trainierte der Niederländer in der ersten Runde noch den Gegner, auf der Schalker Bank saß Jörg Berger. Das Hinspiel gewannen die Gelsenkirchener mit 3:0, im Rückspiel am 24. September 1996 in Kerkrade reichte ein 2:2.

"Vielleicht nicht die Klasse der Gegner"

"Gemeinsam kann man alles erreichen"
"Gemeinsam kann man alles erreichen"(Foto: imago/WEREK)

Gut zwei Wochen später und nach einem 0:1 gegen den Karlsruher SC war Stevens dann bei den Schalkern, die in der Bundesliga auf Platz 13 rangierten, zwei Punkte vor einem Abstiegsplatz. Zum Einstand verlor Stevens mit seinem neuen Team 0:3 beim SV Werder in Bremen, in Europa aber ging es weiter. Gegen den Trabzonspor Kulübü folgten in der zweiten Runde zwei Auswärtsspiele: 30.000 Fans der Türken waren am 15. Oktober 1996 unter den 51.100 Zuschauern im Parkstadion, Schalke gewann dank Martin Max (76.) mit 1:0, wieder stand die Null, was später bei den Steven'schen Mannschaften zur Arbeitsgrundlage und zum geflügelten Wort werden sollte. Nach einem 3:3 im Rückspiel ging's im Achtelfinale gegen den FC Brügge. Zuerst traten die Gelsenkirchener am 19. November beim belgischen Meister an - und verloren mit 1:2.

Doch im Rückspiel stand die Null wieder und Max und Youri Mulder sorgten für das 2:0. Mit dem gleichen Ergebnis schlugen die Schalker den FC Valencia am 4. März 1997 im Viertelfinale, da reichte das 1:1 zwei Wochen später locker. Etwas komplizierter wurde es dann im Halbfinale gegen CD Teneriffa, zumal es am 8. April bei der Mannschaft des deutschen Trainers Ewald Lienen ein 0:1 setzte. Im Rückspiel am 22. April aber stand, genau, die Null wieder. Thomas Linke traf nach 70 Minuten, Wilmots machte in der 17. Minute der Nachspielzeit den Einzug ins Endspiel perfekt. Der Rest ist Geschichte. Mike Büskens, der diese Episode als die schönste Zeit seiner Karriere in Erinnerung hat, sagte einst: "Vielleicht hatte man nicht die Klasse seiner Gegner, aber gemeinsam kann man alles erreichen."

Und nun? Wollen sie auf Schalke zweigleisig fahren, in der Liga, wie Weinzierl sagte, "noch sechs Mal Vollgas geben" und am Ende möglichst auf Platz sechs und somit in der Europaliga landen. Na, und halt die Eurofighter wieder aufleben lassen. Das Valencia von damals, um im Bild zu bleiben, heißt nun Ajax, das in der niederländischen Erendivisie mittlerweile, vier Spieltage vor dem Ende der Saison, bis auf einen Punkt an Spitzenreiter Feyenoord Rotterdam herangerückt ist.

Doch davon solle sich der S04 nicht beeindrucken lassen, sagte der Niederländer Mulder, einer der Helden von 1997 im Interview auf der Vereinshomepage: "Amsterdams junge Mannschaft hat noch wenig Konstanz. Es ist etwas vergleichbar mit dem S04 in dieser Saison, aber hier hat sich nun anscheinend eine Formation gefunden, die richtig tickt." Und schließlich sei es so: "Wir haben vor 20 Jahren auch Glück gehabt." Das, sagte Mulder, gehöre dazu. Seitdem hat der Klub nie wieder ein europäisches Endspiel erreicht. Und vermutlich hätten die Schalker des Jahres 2017 das mit dem Glück liebend gerne mit denen von 1997 gemein.

Quelle: n-tv.de

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