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Norbert Elgert, Jugendtrainer aus Überzeugung.
Norbert Elgert, Jugendtrainer aus Überzeugung.(Foto: imago/Revierfoto)

Der Mann, der die Weltmeister macht: "Schalke ist großartig, aber schwierig"

Beim Blick auf die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss sich ein Mann denken: Alles richtig gemacht. Dieser Mann heißt Norbert Elgert. Vier amtierende Weltmeister hat er geformt und auch Youngster Leroy Sané hat sich den Feinschliff beim Schalker U19-Coach geholt. Im Interview mit n-tv.de erklärt der vermutlich erfolgreichste Jugendtrainer Deutschlands, was ihn an Top-Talent Leroy Sané störte, warum Mesut Özil hierzulande völlig zu Unrecht ein Imageproblem hat und warum er gleich mehrere Angebote als Cheftrainer im Profifußball ablehnte.

n-tv.de: Leroy Sané ist der nächste Topspieler, den Sie aus der Schalker Jugend fit für den Profibereich gemacht haben. Sané ist 19 Jahre alt, hat gerade einmal 25 Spiele gebraucht, um sich in der Bundesliga einen Namen zu machen, für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen und die Trainer internationaler Top-Klubs zu begeistern. Eine Entwicklung, die Ihnen zu schnell geht?

Norbert Elgert: So, wie er momentan auftritt und spielt, nicht. Leroy Sané war immer schon ein hochbegabter Fußballer. Ein anständiger Junge mit einem sehr guten Charakter.

Das klingt so, als würde da noch ein "aber" kommen…

Eine Entwicklung wie bei Leroy ist bei keinem Spieler so vorherzusehen. Da gehört viel zusammen. Das Talent war immer da, aber es galt für uns vor allem, seine Potenziale zu erkennen und weiterzuentwickeln.

Das heißt, Leroy Sané hat seine Potenziale nicht immer ausgereizt?

Norbert Elgert hat mit Leroy Sané intensiv an der Einstellung gearbeitet.
Norbert Elgert hat mit Leroy Sané intensiv an der Einstellung gearbeitet.(Foto: dpa)

Ich will es mal so ausdrücken. Leroy war und ist ein Junge mit einer sehr großen Gelassenheit und Lockerheit. Seine Einstellung war immer gut, aber eben nicht maximal. Daran galt es für uns zu arbeiten. Und diese Arbeit, die er selbst auch aus großer Überzeugung geleistet hat, zahlt sich nun aus.

Wie arbeiten Sie an der Einstellung eines Spielers?

Bei Leroy ging es vor allem darum, sein Durchsetzungsvermögen zu verbessern. Er arbeitet jetzt intensiv und aggressiv gegen den Ball. Stellt sich den Zweikämpfen, gewinnt Bälle und setzt gut nach. Das alles sind Dinge, die die Einstellung betreffen. Und diese Dinge helfen Leroy dabei, seine großen Stärken, die Geschwindigkeit, das Tempodribbling und die Torgefährlichkeit noch stärker in den Vordergrund zu stellen.

Mit dieser Art Fußball zu spielen, ist er binnen kürzester Zeit zum Hoffnungsträger geworden. Machen Sie sich Sorgen darum, dass Sané den Druck auf Schalke irgendwann auch nicht mehr aushält und den Verein verlässt, so wie es Julian Draxler im Sommer getan hat?

Druck wird immer subjektiv wahrgenommen. Deswegen lässt sich das nicht vorhersagen. Wobei Julian ja auch schon mit Top-Leistungen deutlich bewiesen hat, dass er auf Schalke klarkommt. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte er sich im Profifußball nie so gut entwickeln können, wie er es bis jetzt getan hat.

Hat Sie die Begründung für seinen Abgang auf Schalke dennoch überrascht?

Überrascht nicht. Aber es ist natürlich interessant, so etwas zu hören, und wichtig, gemeinsam daraus zu lernen. Schalke ist ein großartiger Verein, aber auch einer, bei dem alles hochemotional ist und vieles zu schnell geht. Der Druck für junge Spieler ist immens hoch, vergleichbar mit dem beim FC Bayern München. Deswegen müssen wir unsere Spieler in Zukunft noch besser vorbereiten und ihnen vor allem die nötige Zeit geben, um zu reifen.

Zur Person: Norbert Elgert

Norbert Elgert wurde am 13. Januar 1957 in Gelsenkirchen geboren.

Als Aktiver trat er für folgende Vereine vor den Ball: FC Schalke 04 (1975), Westfalia Herne (1975 -1978), FC Schalke 04 (1978 – 1982), VfL Osnabrück (1982), SG Wattenscheid (1982 -1985), SuS 09 Dinslaken (1985 – 1990);

Seine Stationen als Trainer: SV Schermbeck (1990 – 1992), SuS 09 Dinslaken (1993) SG Wattenscheid 09 U19 (1993 – 1995), FC Rhade (1995 – 1996), FC Schalke 04 U19 (1996 – 2002), FC Schalke 04 (Co-Trainer 2002 – 2003), FC Schalke 04 U19 (seit 2003);

Das sagt Norbert Elgert über sich selbst: „Ich bin auf Kohle geboren und mit Emscherwasser getauft.“

Was ist denn aus Ihrer Sicht die wichtigste Eigenschaft für Jugendspieler sich vom Druck nicht erschlagen zu lassen und es in den Profibereich zu schaffen?

Ganz wichtig ist, dass die Jungs sich immer wieder bewusst machen, warum sie Fußball spielen. Niemand fängt an zu kicken, um irgendwann mal vor 80.000 Menschen zu spielen. Niemand fängt an, um Millionär zu werden. Wir alle haben einmal angefangen Fußball zu spielen, weil Fußball so ein großartiger Sport ist und unglaublich viel Spaß macht. Und diesen Spaß darfst du dir nie nehmen lassen. Wenn der Druck irgendwann größer wird als der Spaß, kannst du keine Top-Leistungen bringen.

Sie schaffen es offenbar besonders gut, Jugendspielern Ihre Überzeugung zu vermitteln. Mit Manuel Neuer, Mesut Özil, Benedikt Höwedes und Julian Draxler sind vier ehemalige Spieler von Ihnen in Brasilien Weltmeister geworden. Das muss sie doch ungemein stolz machen, oder?

Stolz ist mir zu ich-bezogen. Es freut mich natürlich sehr, dass sie Weltmeister geworden sind. Mindestens genauso wichtig ist aber, dass alle vier gute und anständige Kerle sind.

Gibt's noch einen regen Austausch mit den Spielern?

Mit Manuel Neuer nur noch sehr sporadisch, das ist wegen der Entfernung aber ganz normal. Mit Benedikt Höwedes über den Verein natürlich noch regelmäßig und auch mit Julian Draxler hatte ich nach seinem Wechsel noch Kontakt. Auch auf Mesut Özil und seinen Vater Mustafa trifft das zu.

Mesut Özil ist ein gutes Stichwort. Wie bewerten Sie seine Entwicklung beim FC Arsenal? In Deutschland wird er ja nach wie vor eher kritisch betrachtet.

Auch ein Schalker Junge, auch ein Schützling Von Norbert Elgert: Mesut Özil.
Auch ein Schalker Junge, auch ein Schützling Von Norbert Elgert: Mesut Özil.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Mesut ist ein herausragender Fußballspieler, darüber brauchen wir nicht sprechen. Die Kritik an ihm lag vielleicht in seiner Körpersprache begründet. Aber die wird für mein Empfinden auch falsch gelesen und interpretiert. Er ist immer zu 100 Prozent bei der Sache. Er hat früher nicht so intensiv gegen den Ball gearbeitet. Das hat er deutlich verbessert. Er spielt nun aggressiver und ihm gelingen wichtige Balleroberungen für sein Team. Nicht umsonst ist er in England zum Spieler des Monats November gewählt worden.

Ihnen ist wichtig, dass das Menschliche stimmt. Geht es in der sportlichen Entwicklung aber nicht vor allem darum, Spieler zu Top-Leistungen zu führen?

Das lässt sich nicht voneinander trennen. Das Eine darf das Andere nicht ausschließen. Wir Trainer sollten auch in Zukunft mehr sein als nur Vermittler von Technik, Taktik und Kondition. Werte wie zum Beispiel Respekt, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Toleranz, Fairness, Zusammenhalt und Demut sind gerade in der heutigen Hochgeschwindigkeitszeit wichtiger denn je. Apropos Demut: Das Talent und die Leistung eines Fußballers sind doch nicht wertvoller als die eines Handwerkers, nur weil er viel Geld verdient und in der Öffentlichkeit steht. Also nach den Sternen greifen ja, aber bitte mit beiden Füßen fest auf der Erde verwurzelt bleiben.

Sie sind nun seit fast 20 Jahren für den Schalker Nachwuchs verantwortlich. Mit Ausnahme der Saison 2002/03, als Sie unter Frank Neubarth Co-Trainer der 1. Mannschaft waren, waren Sie nie im Profibereich tätig. Warum eigentlich nicht?

Ich stelle Ihnen die Gegenfrage: Warum sollte ich Bundesliga-Trainer werden?

Nun, weil die Bundesliga die Königsklasse für Trainer ist?

Julian Draxler holte sich den Feinschliff für die Profikarriere ebenfalls unter Norbert Elgert.
Julian Draxler holte sich den Feinschliff für die Profikarriere ebenfalls unter Norbert Elgert.(Foto: dpa)

Nun, für mich nicht. Und für mich persönlich macht die Arbeit als Ausbilder mehr Sinn. Junge Menschen sind formbarer. Und ich bin mit den Jahren und einer gewissen Lebenserfahrung inzwischen nicht nur Trainer, sondern auch Coach und vielleicht auch Lebenslehrer. Wir haben in der Ausbildung natürlich auch Druck, aber deutlich mehr Ruhe und Zeit die Spieler zu entwickeln.

Das klingt fast philosophisch …

Ich bin ein sehr gläubiger Mensch und der festen Überzeugung, dass wir, wenn wir mal an der Tür ganz oben klopfen, nicht gefragt werden: Bist du zufrieden mit dem, was du da unten bekommen hast? Sondern: Hast du vielleicht auch etwas gegeben, hat dein Leben einen Sinn gehabt?

Wie haben Sie denn Ihre kurze Stippvisite im Profifußball empfunden. Hat Sie das in Ihrer Überzeugung Jugendtrainer zu sein bestärkt?

Ich habe vor allem eines gelernt: Nie wieder Co-Trainer.

Das müssen Sie uns erklären.

Eines ist klar: Wer kein guter und loyaler Co-Trainer sein kann, wird auch nie ein guter Cheftrainer. Aber ich habe das Steuerrad deutlich lieber selbst in der Hand.

Hatten Sie jemals das Angebot als Cheftrainer zu arbeiten, vielleicht sogar auf Schalke?

Profigeschäft? Co-Trainer? Beides keine gute Option für Norbert Elgert.
Profigeschäft? Co-Trainer? Beides keine gute Option für Norbert Elgert.

Es gab schon mehrfach die Möglichkeit, im Profibereich zu arbeiten. Auch hier auf Schalke. Ich werde das aber nicht weiter ausführen, weil ich sonst gegen Absprachen verstoßen würde.

Wenn Sie auf Ihre bisherige Trainerlaufbahn zurückblicken, wie sehr haben Sie sich verändern müssen, um das zu erreichen, was Sie erreicht haben?

Ich zitiere da gerne den folgenden Spruch: Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Und so habe ich mich natürlich auch mit der Zeit verändert. Wenn du dich nicht permanent darum bemühst, dich fachlich und auch menschlich weiterzuentwickeln, dann kommst du irgendwann nicht mehr mit. Das gilt nicht nur für meine Branche. Aber die Jungs von heute sind weder besser noch schlechter als vor 20 oder 30 Jahren. Was sich verändert hat, sind die Einflüsse, ist die Gesellschaft. Jeder von ihnen hat mindestens ein Handy und fast jeder ist in allen möglichen sozialen Netzwerken aktiv. Alles ist schneller, hektischer und oberflächlicher geworden. Wenn du plötzlich denkst: "Oh Gott, diese Jugend!", dann solltest du aufhören. Wichtig ist, sie zu verstehen und für sie da zu sein.

Lassen Sie uns noch einmal das Thema wechseln. Bei vielen Fans der deutschen Nationalmannschaft wächst nach durchwachsener EM-Qualifikation mit teilweise eklatanten Abschlussschwächen die Sehnsucht nach einem echten Stürmer, nach einem neuen Miroslav Klose. Gibt es auf Schalke einen potenziellen Nachfolger?

Wenn dem so wäre, dann würde ich ihm das nicht aufbürden. Denn damit tust du niemandem einen Gefallen. Die Erwartungshaltung an Jugendspieler ist ohnehin groß genug. Da wollen wir nicht noch mehr Druck aufbauen. Aber natürlich ist unser Ziel auch mal wieder einen Stürmer durchzubringen.

Das klingt so, als wäre es eine besondere Herausforderung, einen Stürmer bis in den Profibereich zu bringen?

Als Stürmer stehst du ähnlich wie als Torwart sehr im Fokus. Wenn du als Keeper einen blöden Ball durchlässt, ist es egal, wie viele Fehler deine Mitspieler vorher gemacht haben. Alle reden nur über deinen Fehler. Gleiches gilt für den Stürmer. Du wirst an Toren gemessen. Vergibst du eine Torchance, stehst du im Fokus. Und triffst du über einen längeren Zeitraum nicht, dann wirst du massiv kritisiert. Dein Selbstvertrauen leidet, du glaubst nicht mehr an dich. Deswegen sind diese beiden Positionen von der Psychologie her speziell. Als Top-Stürmer musst du daher aus einem ganz speziellen Holz geschnitzt sein, nämlich mental stark und extrem belastbar. Die Entwicklung zum Top-Stürmer dauert daher auch in der Regel ein bisschen länger.

Wenn Sie jetzt nochmal nach vorne schauen. Welche Ziele verfolgen Sie noch?

Sportlich will ich auch in Zukunft für meine Jungs jeden Tag ein noch besserer Trainer und Coach sein.

Und das auf Schalke?

Ich habe noch zwei Jahre Vertrag hier.

Mit Norbert Elgert sprach Tobias Nordmann

Quelle: n-tv.de

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