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Eine Preiserhöhung bei Bussen und Bahnen trieb im vergangenen Jahr etliche Studenten wie hier in Sao Paulo auf die Straße.
Eine Preiserhöhung bei Bussen und Bahnen trieb im vergangenen Jahr etliche Studenten wie hier in Sao Paulo auf die Straße.(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Monat bis zum Eröffnungsspiel: Was die Brasilianer an der WM ärgert

Von Volker Petersen

Noch 30 Tage, bis der Ball rollt. In einem Monat beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Doch etwas Seltsames passiert: Die fußballverrückten Brasilianer zeigen kaum Vorfreude auf die WM im eigenen Land. Stattdessen protestieren sie gegen das Turnier. Aus guten Gründen.

Acht Jahre ist es her, dass viele Menschen auf der Welt sich die Augen rieben. "Was ist denn mit den Deutschen los?", fragten sie sich. Dass sie ihre Fußball-Weltmeisterschaft perfekt organisieren würden, hatten sie erwartet. Aber dass die sonst doch eher kühl, rational und ein wenig langweilig wirkenden Deutschen ihre WM zu einer solchen Party machen würden, das war neu. Deutschland habe sich verändert, hieß es später oft. Zum Besseren.

Teure Stadien, hohe Eintrittspreise, gebrochene Versprechen: Viele Brasilianer sind über die Organisation der Fußball-WM empört. Dieses Bild entstand vor dem umstrittenen neu gebauten Stadion in der Hauptstadt Brasilia.
Teure Stadien, hohe Eintrittspreise, gebrochene Versprechen: Viele Brasilianer sind über die Organisation der Fußball-WM empört. Dieses Bild entstand vor dem umstrittenen neu gebauten Stadion in der Hauptstadt Brasilia.(Foto: picture alliance / dpa)

Jetzt steht wieder eine WM an. Wieder besteht Anlass, sich die Augen zu reiben und die gleiche, nur leicht abgewandelte Frage zu stellen: Was ist denn mit den Brasilianern los? Vier Wochen vor dem Eröffnungsspiel des großen Turniers am 12. Juni geben die Menschen in dem riesigen Land Anlass zur Verwunderung. Sie scheinen sich gar nicht auf ihre WM zu freuen. In der vergangenen Woche gab es allein in Sao Paulo drei Protestmärsche, die in der Besetzung der Büros von Unternehmen mündeten, die für den Stadionbau verantwortlich zeichnen.

Erst Ende April demonstrierten Tausende an Rios Copa Cabana gegen die WM. Schon beim Confederations Cup im vergangenen Jahr ging rund eine Million Menschen auf die Straße. "Wir hoffen, dass sich das nicht wiederholt", sagte Fifa-Präsident Joseph Blatter Ende März. Aus seiner Sicht ist der Fußball Opfer sozialer Unruhen. Fällt die Samba-Party im Land der Doppelpässe, Fallrückzieher und Hackentricks aus?

Nicht unbedingt, sagt Sérgio Costa. "Eigentlich freuen sich die Brasilianer schon auf die WM. Sie freuen sich aber nicht auf die immensen Kosten und auch nicht auf die Fifa." Der Brasilien-Experte ist Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Viele Brasilianer seien empört über ihre Regierung und den Fußball-Weltverband Fifa. Denn für die große Mehrheit wird die WM sein wie jede andere: Ein Turnier im Fernsehen. Eintrittskarten sind für die meisten unerschwinglich.

Karten für viele unerschwinglich

Sérgio Costa ist Soziologie-Professor an der Freien Universität Berlin.
Sérgio Costa ist Soziologie-Professor an der Freien Universität Berlin.

Dass es beinahe Glücksache ist, an eine der etwa drei Millionen Eintrittskarten zu einem WM-Spiel zu kommen, haben von acht Jahren auch schon die Deutschen erfahren müssen. Für viele Brasilianer kommt hinzu, dass für sie die Karten schlicht zu teuer sind. Zwar bietet die Fifa einige Karten für Gruppenspiele ab 20 Euro in der günstigsten Kategorie (ermäßigt zehn Euro) an, doch bleibt es für die Mehrheit der 200 Millionen Brasilianer Glücksache, ein Ticket für eines der 64 Spiele zu ergattern. Zumal laut Fifa-Homepage die günstigsten Tickets in der K.O.-Runde deutlich teurer werden. 120.000 Eintrittskarten seien gratis verteilt worden, sagte eine Fifa-Sprecherin zu n-tv.de.

Nicht an Tickets zu kommen, ist eine leidvolle Erfahrung, die die brasilianische Fans auch schon in der Liga ihres Landes gemacht haben. "Die typischen Fußball-Fans aus der Arbeiterklasse können sich den Stadionbesuch gar nicht mehr leisten", sagt Costa. So wurden die günstigen Stehplätze schon vor Jahren abgeschafft. Stattdessen gebe es schicke Tribünen, auf denen die Zuschauer brav sitzen und applaudieren dürften. "Das ist schon seit Jahren so", sagt Costa. "Nehmen Sie das Maracana-Stadion in Rio. Dort sahen 1950 mehr als 200.000 Menschen das letzte Spiel der WM, das Brasilien gegen Uruguay mit 1:2 verlor. Dabei hätte schon ein Unentschieden zum Titelgewinn gereicht. Nach der sehr teuren Renovierung werden es jetzt nur noch 74.000 Zuschauer sein." Für die einheimischen Fans gilt auch bei der WM: Nur gucken, nicht anfassen. Mit einer wichtigen Ergänzung: Bezahlen sollen die Brasilianer trotzdem.

Die zwölf WM-Spielorte (für eine Gesamtansicht bitte klicken).
Die zwölf WM-Spielorte (für eine Gesamtansicht bitte klicken).

Und das wird teuer, richtig teuer. Die brasilianische Regierung pumpt in großem Stil Steuergelder in die Organisation der WM. Sie soll das neue Brasilien in strahlendem Licht erscheinen lassen. Mehrere Milliarden Euro werden investiert, 80 Prozent davon kommen laut Costa aus der öffentlichen Kasse. Damit werden unter anderem Stadien neu gebaut oder aufwendig renoviert. Drei der zwölf Spielstätten sind allerdings auch vier Wochen vor Turnierbeginn noch immer nicht fertig, wie WM-Organisator Jerome Valcke einräumen musste. 170.000 Menschen sollen gegen ihren Willen umgesiedelt worden sein, wie es in einem Bericht einer landesweit agierenden Bürgerinitiative gegen die Exzesse der WM heißt.

Stadien werden zu "weißen Elefanten"

Manche der Neubauten sind hoch umstritten, da niemand weiß, was nach den vier Wochen Weltmeisterschaft mit ihnen passieren soll. Dies ist laut Costa der Fall in Natal, Cuibá und auch in der Hauptstadt Brasilia, in der es keinen großen Fußballverein gibt, der das Stadion füllen könnte. Das gleiche gilt für Manaus, das mitten im Regenwald am Amazonas liegt. Der Jahresunterhalt für diese Stadien wird im zweistelligen Millionenbereich veranschlagt, sagt Costa. Das könnten sich die Städte aber gar nicht leisten. Also besteht die Gefahr, dass sie verfallen, wenn sie nicht mit zusätzlichem Steuergeld instand gehalten werden. "Die Menschen nennen diese Stadien, weiße Elefanten" sagt Costa. "Weil man sie wie weiße Elefanten im Zoo von dem ernähren muss, was sie selbst nicht produzieren". Dass mittlerweile acht Arbeiter auf den Stadionbaustellen ums Leben gekommen sind, trägt nicht zur Beruhigung bei.

Fifa-Präsident Sepp Blatter ist nicht bei allen Brasilianern willkommen.
Fifa-Präsident Sepp Blatter ist nicht bei allen Brasilianern willkommen.(Foto: picture alliance / dpa)

In den WM-Städten werden zudem oft große Bauprojekte im öffentlichen Nahverkehr vorangetrieben. Ob die geschaffenen Kapazitäten überhaupt nach der WM noch gebraucht werden, ist unwahrscheinlich - während die Brasilianer seit Monaten unter den Baustellen zu leiden haben. Und sie letztlich bezahlen. "Wir sind nicht für alles verantwortlich. Ich hoffe, dass viele Menschen da sind, die verstehen, dass wir alles getan haben, was wir konnten. Und wir haben es nicht gegen Brasilien getan, sondern mit und für Brasilien.", sagte Valcke zu den Protesten im Land.

Zwar versprach die Regierung, dass die WM auch Geld ins Land bringt - doch diesen Versprechungen schenken viele schon lange keinen Glauben mehr. Schon seit zwei Jahren erfüllten sich die Erwartungen nicht, sagt Costa. Die Menschen glauben den Versprechungen einfach nicht mehr. "Zumal die Fifa auf jeden Fall verdienen wird." Denn der brasilianische Staat muss für eventuelle Einnahmeausfälle des Fußball-Weltverbandes geradestehen.

Fifa spielte Städte gegeneinander aus

Durch ihre Verhandlungsmacht gelang es der Fifa zudem, die an der WM interessierten Städte gegeneinander auszuspielen. Zwischen den Städten entbrannte ein Bieterwettstreit, der die diese zu hohen Ausgaben zwang. So viel, dass viele Brasilianer sich fragen, wieso dafür plötzlich Geld da ist, wo es doch an anderer Stelle viel dringender gebraucht würde.

"Wir sind nicht für alles verantwortlich", sagt WM-Organisator Jerome Valcke.
"Wir sind nicht für alles verantwortlich", sagt WM-Organisator Jerome Valcke.(Foto: dpa)

Viele Brasilianer haben klare Vorstellungen davon, wie das Geld sinnvoller eingesetzt werden könnte: Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und Straßenbau. Dort hapert es am meisten. Mitverantwortlich dafür ist paradoxerweise das brasilianische Wirtschaftswunder der vergangenen Jahre. "Proteste entstehen immer da, wo Erwartungen bestehen", erklärt Costa. Jahrelang ging es bergauf für die Menschen in Brasilien. Der einstige Staatspräsident Lula da Silva löste mit geschickten Reformen einen Boom der Wirtschaft aus und ermöglichte es gleichzeitig Millionen Menschen aus der Armut aufzusteigen. Costa: "So ist eine neue Arbeiterklasse entstanden." Leute, die zuvor von der Hand in den Mund leben, hätten nun Häuser, Fernseher und oft auch Autos. So habe sich die Zahl der Fahrzeuge in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdoppelt - von 30 Millionen auf nun rund 70 Millionen. Nur die Straßen sind immer noch dieselben. Daher stehen viele ehemals arme Brasilianer nun mit ihren neuen Autos vor allem im Stau, statt Freude am Fahren zu spüren.

Studenten zahlen hohe Studiengebühren

Das gleiche gilt für das Gesundheitssystem. Dort habe sich die Situation sogar noch verschlechtert, sagt Costa. Teile des öffentlichen medizinischen Angebots seien privatisiert worden, was zu steigenden Kosten für den Einzelnen geführt habe.

Die Zahl der Studenten stieg ähnlich rasant wie die der Autos: von drei auf sieben Millionen. Zwar entstanden auch viele neue Hochschulen, doch handelt es sich dabei vorwiegend um private Gründungen, so dass die Studenten ihre Ausbildung mit teuren Studiengebühren erkaufen müssen. Sie müssen tagsüber arbeiten gehen und können erst am Abend Seminare an der Uni besuchen. So ist es kein Wunder, dass sich auch viele Studenten an den Protesten beteiligen. Grund zur Sorge bietet vielen auch, dass das brasilianische Wirtschaftswachstum Ermüdungserscheinungen zeigt. "Lange gab es Wachstum von sieben Prozent pro Jahr", sagt Costa. "Das ist jetzt vorbei."

Viele sehen einfach keine andere Möglichkeit als demonstrieren zu gehen. Denn in der Parteienlandschaft sehen sie keine Alternative zur regierenden "Arbeiterpartei" (Partido dos Trabalhadores/PT). Links von den Sozialisten gibt es keine ernstzunehmende politische Kraft. Dabei hat diese Partei genau die Hoffnungen der Aufsteiger geweckt und zum Teil ja auch erfüllt. Aber ein Gefühl des "Wenn nicht die, wer dann?" treibt die Menschen auf die Straße. Die Leute seien enttäuscht. "Sie haben viel mehr erwartet als dann eingetreten ist."

Proteste im Stadion unerwünscht

Fällt die WM-Party also aus? "Wenn der Ball erst einmal rollt, wird vieles vergessen sein. Aber Gründe, empört zu sein, haben die Brasilianer allemal." Costa glaubt, dass Polizei und Armee es weitgehend schaffen werden, die Sicherheit zu gewährleisten. Das verspricht auch WM-Organisator Valcke. Zum Thema Proteste sagte er vergangene Woche: "Im Stadion? Null. Wir werden sicherstellen, dass die Security alles checkt. Das Stadion ist nicht der Ort, irgendeine politische oder religiöse Meinung zu äußern. Egal, welche es ist. Wir stellen sicher, dass das Spiel nicht missbraucht wird." Eine Fifa-Sprecherin betonte gegenüber n-tv.de, dass Proteste abseits der Arenen im Land respektiert würden. Dafür sollen 150.000 Polizisten und 20.000 private Sicherheitsleute sorgen. Valcke warnte die rund 600.000 erwarteten WM-Touristen aber auch vor der in Brasilien zu erwartenden Kriminalität, die unabhängig von den Protesten zu berücksichtigen sei. Dabei sprach er von einer "großen Herausforderung", für die "Sicherheitsgründe" verantwortlich seien.

Ein wenig beeindruckt scheinen Fifa und Regierung aber schon von den Protesten zu sein: Um nicht Öl ins Feuer zu gießen, wurden die Ansprachen von Staatspräsidentin Dilma Rousseff und Fifa-Präsident Sepp Blatter zum Turnierbeginn gestrichen. Beim Confed-Cup im vergangenen Jahr waren beide gnadenlos ausgepfiffen worden.

Quelle: n-tv.de

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