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Volle Hütte: Die Leipziger haben keine Berührungsängste.
Volle Hütte: Die Leipziger haben keine Berührungsängste.(Foto: imago/Picture Point)

Bundesliga? "17 Mal ausverkauft!": Wie Red Bull die Leipziger euphorisiert

Von Ullrich Kroemer, Leipzig

Der Retortenklub RB Leipzig feiert sich selbst: Im DFB-Pokal gegen Wolfsburg ist das Stadion erstmals ausverkauft. Und die Zuschauer bejubeln das Team trotz der Niederlage. Sportdirektor Rangnick sagt: "Das Umfeld ist bereits jetzt erstklassig."

Das DFB-Pokal-Achtelfinalspiel zwischen RB Leipzig und VfL Wolfsburg war beendet, doch die Leipziger Zuschauer feierten sich und ihr Team auch Minuten nach Abpfiff noch. Dabei hatten die Gastgeber das Duell der konzerngelenkten Klubs gerade mit 0:2 (0:1) verloren. Dennoch war die Atmosphäre in der Red-Bull-Arena so gut wie bisher allenfalls nach dem Aufstieg in die zweite Liga im vergangenen Frühjahr. Zur Hochstimmung trug die starke Leistung vor allem in der ersten Hälfte bei, als die Hausherren gegen das Team der Stunde in der Fußball-Bundesliga drei Großchancen herausspielten. "Wenn sich die Mannschaft so engagiert zeigt, wird sie selbst bei einer 0:2-Niederlage von den Fans mit Standing Ovations gefeiert", sagte auch Leipzigs Interimstrainer Achim Beierlorzer.

Sollten wir mal in der Bundesliga spielen, wird das Stadion wohl 17 Mal pro Saison ausverkauft sein": Ralf Rangnick.
Sollten wir mal in der Bundesliga spielen, wird das Stadion wohl 17 Mal pro Saison ausverkauft sein": Ralf Rangnick.(Foto: imago/Karina Hessland)

Zudem euphorisierte die Anhänger das Bewusstsein, am Mittwochabend einen Meilenstein in der jungen Vereinsgeschichte gesetzt zu haben: Das Stadion war erstmals bei einem Spiel von RB Leipzig mit 43.348 Zuschauern voll besetzt. "Das Ziel unserer Truppe ist es, so zu spielen, dass das Stadion in den kommenden Wochen und Monaten noch häufiger ausverkauft sein wird", sagte Kapitän Dominik Kaiser. Während der Retortenklub vielerorts geschmäht wird, sogar mit Fanboykotten und Demonstrationsmärschen, haben die nach Profifußball dürstenden Leipziger keine Berührungsängste mit dem neuen Verein.

Trotz zuletzt durchwachsener Leistung liegt der Zuschauerschnitt in der zweiten Liga bei über 25.000. Sportdirektor Ralf Rangnick hatte bereits bei seinem Amtsantritt im Juli 2012 prophezeit, dass die Arena bald regelmäßig voll sein werde. "Das wurde heute bestätigt. Sollten wir mal in der Bundesliga spielen, wird das Stadion wohl 17 Mal pro Saison ausverkauft sein." Orientierung an Vorbildern wie Wolfsburg benötigt der Klub auf dem Weg an die Spitze nicht. RB orientiere sich hauptsächlich an sich selbst, sagte Rangnick. "Das Umfeld bei RB Leipzig ist bereits jetzt erstklassig, das hat auch die Organisation des Spiels heute gezeigt", befand er und versprach: "Wir werden in der kommenden Saison versuchen, das noch weiter zu verbessern und zu verfeinern." Etwa das über 30 Millionen Euro teure Trainingszentrum für Profis und Nachwuchsschmiede unweit des Stadions soll dann fertig gestellt sein.

"Die Ausbaustufe ist acht"

Die sportliche Entwicklung hingegen konnte nach zwei rasanten Jahren mit dem strukturellen Fortschritt nicht ganz Schritt halten. "Das Spiel heute hat gezeigt, dass wir uns in vielerlei Hinsicht noch verbessern müssen", sagte Rangnick. Kein Wunder, vor 20 Monaten, rechnete der Schwabe vor, habe das Team schließlich noch in der Regionalliga gekickt. Gefragt nach der Ausbaustufe der Mannschaft antwortete der 56-Jährige: "Die Ausbaustufe ist acht, da wir Achter in der Tabelle der 2. Liga sind. Das ist zum jetzigen Zeitpunkt am aussagekräftigsten."

Unter Aufstiegstrainer Alexander Zorniger war die Mannschaft nach einem begeisternden Saisonstart stagniert. Vor allem erspielte sich das Team zuletzt viel zu wenige Torchancen, schoss nur in Zornigers letzten sechs Spielen nur zwei Tore und wurde in der Tabelle ins Mittelfeld durchgereicht. Im stur praktizierten Gegenpressing-System waren Kreativität und klare Struktur in der Spieleröffnung untergegangen. Erst beim 3:2-Sieg gegen Union Berlin am vergangenen Wochenende gelang der Befreiungsschlag. Da war erstmals die Handschrift von Interimscoach Achim Beierlorzer zu sehen.

"Nicht so gespielt, wie sie es können"

Der gebürtige Franke, Bruder des früheren Bundesligaspielers Bertram Beierlorzer, propagiert bedingungsloses Offensivspiel. Gegen Wolfsburg deuteten die zusammen zehn Millionen Euro teuren Neuzugänge Emil Forsberg und Omer Damari an, welche Gefahr sie entfalten können, wenn sie entsprechend ihrer Stärken eingesetzt werden. Nun feilt Beierlorzer unterstützt vom geballten RB-Kompetenzteam an der Abstimmung der Defensive, die aktuell zu anfällig ist. Denn wie Leipzig in Hälfte eins ließ auch Wolfsburg ließ zahlreiche Chancen aus: "Das Spiel hätte auch 2:5 ausgehen können", sagte Rangnick. "Heute haben einige Spieler nicht so gespielt, wie sie es können."

In der kommenden Saison wird sich Rangnick noch intensiver um die Entwicklung der Red-Bull-Filiale Leipzig kümmern und komplett in die Messestadt ziehen. Er musste einsehen, dass die Doppelfunktion in Salzburg und Sachsen nicht mehr länger aufrecht zu erhalten ist. Nicht nur wegen der wachsenden Aufgaben und Anforderungen in Leipzig; sondern auch, weil Rangnick möglichen Unannehmlichkeiten wegen fehlender Integrität durch die zweifache Machtposition vorgreifen will. Das Transfergeschacher zwischen beiden Vereinen hatte Red Bull viel Häme eingebracht. Im Winter wurde der Salzburger Nils Quaschner erst nach Leipzig verschoben, musste dann auf Geheiß von Weltverband Fifa jedoch wieder zurückkehren, weil selbst Rangnick im Transfer-Wirrwarr von einem Red-Bull-Klub zum nächsten nicht mehr durchsah. "Das wäre besser anders gelaufen", gestand Rangnick ein.

In der kommenden Saison soll dann ein namhafter Trainer á la Thomas Tuchel das Projekt Bundesligaaufstieg forcieren; Beierlorzer wird wohl in die Nachwuchsabteilung zurückbeordert. Noch aber hat Rangnick den historischen Durchmarsch von der Regional- in die Bundesliga auch in dieser Saison nicht ganz aufgegeben. RB bräuchte nun neun Siege aus den verbleibenden elf Ligaspielen, hatte Rangnick am vergangenen Wochenende gesagt: "Dann geht noch was." So oder so wird es für die Leipziger noch reichlich Gelegenheit geben, sich und ihr Team zu feiern.

 

Quelle: n-tv.de

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