Sport
Freitag, 29. Januar 2010

DFB-Elf im Nazi-Trikot?: Blitzkrieg auf dem Boulevard

Stefan Giannakoulis

Die englische Boulevardzeitung "Daily Star" macht erfolgreich auf sich aufmerksam – und bezeichnet das neue schwarze Auswärtstrikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft als "Nazi-Hemd". Eine stereotype Provokation, die ebenso vorhersehbar ist wie die Reaktion.

Trikot des Anstoßes: Michael Ballack im schwarzen Hemd.
Trikot des Anstoßes: Michael Ballack im schwarzen Hemd.(Foto: dpa)

Das Trikot werde "Erinnerungen heraufbeschwören an die berüchtigte SS, die Europa während des Krieges terrorisierte. Hitlers persönliche Schutztruppe trug schon schwarze Uniformen", schreibt der "Daily Star". Neben dem Foto des deutschen Fußballers Michael Ballack zeigt das Blatt ein Bild des deutschen Massenmörders Adolf Hitler. Schwarzer Humor. Die "Bild"-Zeitung, oh Wunder, gibt sich empört und schreibt von Skandal und Entgleisung. "Mehr daneben geht nicht." Und damit meint die "Bild"-Zeitung nicht, dass Hitler gar nicht Fußball gespielt hat. Der Konter von der Insel folgt prompt: Die Deutschen seien humorlos und hätten den "Krieg gegen den Daily Star eröffnet".

Dieses Wechselspiel zeigt, worum es hier geht: um den auflagesteigernden Schlagabtausch der Boulevardzeitungen zweier Länder. Ein Spiel, bei dem alle Beteiligten nur allzu gerne mitmachen, vor allem, wenn demnächst eine Fußball-Weltmeisterschaft ansteht. Dann ist in englischen Blättern viel von Hunnen, Krauts, Nazis, Pickelhauben, Panzern und Blitzkrieg die Rede. Man muss das nicht witzig finden. Ein Grund, sich darüber aufzuregen, ist es nicht. Anstößig ist allenfalls die wiederkehrende Einfallslosigkeit.

"Don't mention the war!"

Denn abgesehen davon, dass die Schlagzeilen einiger britischer Boulevardblätter im Kampf um die Auflage nicht die Meinung im Land wiedergeben, hat die Neigung auf der Insel, die Deutschen mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg zu verbinden, durchaus Tradition. Und das aus schlechtem Grund.

"Rückkehr der Schwarzhemden" titelte die englische Boulevardzeitung "Daily Star". Rechts Michael Ballack, links Adolf Hitler.
"Rückkehr der Schwarzhemden" titelte die englische Boulevardzeitung "Daily Star". Rechts Michael Ballack, links Adolf Hitler.

Der berühmteste Satz über Vorurteile gegen Deutsche stammt von John Cleese, dem bedeutendsten englischen Komiker. "Don't mention the war!" - "Erwähnt bloß nicht den Krieg". Dieser Satz stammt aus einer britischen Fernsehserie über ein Hotel und seinen skurrilen Besitzer, die Cleese mit seiner damaligen Frau Connie Booth entwickelt hat und die in Deutschland 1978 im Fernsehen lief. In der Episode "The Germans" schärft der Hotelchef seinen Mitarbeitern ein, den deutschen Gästen gegenüber bloß nicht den Krieg zu erwähnen.

"Don't mention the score"

"Don't mention the war!" ist seitdem ein geflügeltes Wort, das sogar Fußballgeschichte beschrieben hat. Die "Sun" titelte 2001 nach der 1:5 Niederlage der Deutschen gegen England: "Don't mention the score" - "Erwähnt bloß nicht das Ergebnis". Das, nur am Rande, ist wirklich witzig.

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John Cleese findet übrigens die Nazi-Vergleiche englischer Boulevardblätter peinlich. "Es ist nicht ganz ernst gemeint. Aber es ist vulgär", sagte er vor einigen Jahren im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Und erzählte von einer Begebenheit in einem Hamburger Hotel. "Plötzlich ruft jemand hinter mir: 'Hej, John!', und ich drehe mich um. Ganz am anderen Ende der Halle steht ein unglaublich dicker deutscher Geschäftsmann und brüllt: ' Don't mention the war, ha, ha!' – und die gesamte Lobby bricht in Gelächter aus. Das war großartig." Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Quelle: n-tv.de