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Wohin führt der Weg? "Es geht darum, dass junge Leute, die sehr viel geleistet haben im Sport und denen man immer erzählt hat, diese Leistung wird irgendwie vergütet, hinterher feststellen: Da kommt nichts", sagt der Philosoph Gunter Gebauer.
Wohin führt der Weg? "Es geht darum, dass junge Leute, die sehr viel geleistet haben im Sport und denen man immer erzählt hat, diese Leistung wird irgendwie vergütet, hinterher feststellen: Da kommt nichts", sagt der Philosoph Gunter Gebauer.(Foto: picture alliance / dpa)

Philosoph Gebauer über olympischen Medaillenwahn: "Sportler keine Staubsaugervertreter"

Mit dem Beginn der Olympischen Spiele erfüllt sich für viele Athleten ein Traum. Doch was kommt danach? "Die Spitzensportler werden alleine gelassen", sagt Gunter Gebauer. Der Berliner Philosoph spricht im Interview mit n-tv.de über mangelhafte Förderung und fehlende Anerkennung, Athleten, die sich ihre Zukunft verbauen - und abartige Forderungen der Politik.

n-tv.de: Fußball-EM war gestern, nun beginnen die Olympischen Spiele. Dort starten vor allem die Habenichtse. "Die Spitzensportler, die keine Chance auf Reichtumserwerb durch Sport haben", wie Sie es mal formuliert haben. Also die, die es allein aus der Liebe zu ihrer Sportart tun – im Gegensatz zu den hoch bezahlten Fußball-Profis?

Gunter Gebauer: Ach, ich glaube, dass Fußballer auch aus Liebe zum Fußball spielen. Das will ich nicht entgegensetzen. Ich glaube aber, dass diejenigen, die nicht viel mit ihrem Sport verdienen können, wirklich sehr viel Liebe zum Sport haben müssen, um das durchzuhalten. Häufig haben die Sportler auch nach der Karriere nicht sehr viel. Und wenn sie nicht gerade extrem erfolgreich sind, kennt sie möglicherweise kein Mensch.

Das klingt sehr ernüchternd.

Es gibt eine Reihe von deutschen Olympiasiegern, die gefeiert wurden, weil sie die Ersten oder Zweiten waren, die die Goldmedaille gewonnen haben in der deutschen Mannschaft, als die Spiele losgingen. Aber ein Vierteljahr nach den Spielen kannte niemand mehr ihren Namen. Nur wenn mit ihrem Sieg eine besonders emotionale Geschichte verbunden ist, die von der "Bild"-Zeitung zu einer Hollywood-Tragödie ausgewalzt wird, kann man sich an solche Leute erinnern.

Um die Athleten zu unterstützen, gibt es ja die Sportförderung. Nun hat die deutsche Fechterin Imke Duplitzer in dieser Woche mit ihrer Fundamentalkritik am deutschen Leistungssport, den Funktionären in DOSB und IOC, für Schlagzeilen gesorgt und einen Dialog über die Frage gefordert: Wollen wir überhaupt noch Leistungssport - und wenn ja, welchen? Teilen Sie diese Kritik?

Diesen Punkt der Kritik auf jeden Fall. Ich habe das Thema selber angeschnitten bei einer Konferenz im Herbst 2011. Michael Vesper, der Generalsekretär des DOSB, war auch da und ein bisschen pikiert. Er sagte, darüber müssten wir noch einmal reden.

Worüber genau?

Gunter Gebauer, 68 Jahre alt, ist Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der Freien Universität Berlin. Und beschäftigt sich seit Jahrzehnten als Wissenschaftler mit dem Sport, seinen Protagonisten und ihrer Rolle in der Gesellschaft.
Gunter Gebauer, 68 Jahre alt, ist Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der Freien Universität Berlin. Und beschäftigt sich seit Jahrzehnten als Wissenschaftler mit dem Sport, seinen Protagonisten und ihrer Rolle in der Gesellschaft.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Frau Duplitzer und ich unterscheiden uns da nicht groß, der Punkt ist: Die Spitzensportler werden alleine gelassen. Man macht sie zu Repräsentanten Deutschlands, ohne zu wissen, was sie eigentlich repräsentieren. Wir haben die Kanzlerin, wir haben Mercedes, wir haben die deutsche Wissenschaft. Warum ausgerechnet die Sportler? Es wird nie richtig geklärt, was da eigentlich repräsentiert wird. Und für diejenigen, die uns repräsentieren sollen, wird überhaupt nicht geklärt, wie ihre Zukunft aussieht.

Aber ein Olympiasieger dürfte doch zumindest in der Lage sein, einen Job zu finden.

Bei der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt hilft die Goldmedaille so gut wie nichts. Die Sportler haben im Berufsleben extreme Schwierigkeiten gegen Konkurrenten zu bestehen, die die ganze Zeit an ihrer Karriere gebastelt haben. Das sind schwere Nachteile, die der Sport alleine auch nicht ausgleichen kann. Die Olympiastützpunkte versuchen das, Berlin ist da besonders tüchtig. Aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Im Großen und Ganzen haben Olympiateilnehmer hinterher vor allen Dingen Nachteile in ihrer Berufsbiographie.

Wie könnte ein angemessener Ausgleich aussehen?

Dass man den Sportlern finanzielle Chancen gibt, ihnen bestimmte berufliche Vorteile gewährt, insgesamt Kompensationsmöglichkeiten schafft. Und in jedem Fall, dass man ihre Leistung mehr anerkennt, als das jetzt der Fall ist. Das ist das, was ich aus sehr vielen Gesprächen mit Olympiasiegern und Olympiateilnehmern weiß. Im Großen und Ganzen müssen sie heftig darum kämpfen, in irgendeiner Form Anerkennung von der Gesellschaft zu bekommen. Und daran wird überhaupt nicht gearbeitet. Sie werden total allein gelassen. Es gibt genügend ehemalige Olympiateilnehmer, die darüber verbittert sind.

Es geht dabei also nicht nur ums Geld?

Es geht darum, dass junge Leute, die sehr viel geleistet haben im Sport und denen man immer erzählt hat, diese Leistung wird irgendwie vergütet, hinterher feststellen: Da kommt nichts. Da werden sehr viele Versprechungen gemacht, damit die Athleten in Vorleistungen gehen. Aber schon bei den Feierlichkeiten im Deutschen Haus geht es so zu, dass da die Herrschaften aus der Wirtschaft und aus der Politik unter sich feiern. Und mit jedem Monat, den sie sich von den Olympischen Spielen entfernen, verblasst ihr Ruhm. Nach einigen Jahren ist es dann so, als hätten sie gar nichts getan. Alles, was sich vorher angedeutet hat als ein möglicher Lebenserfolg, wird dann keiner mehr. Sondern der Lebenserfolg liegt dann hinter einem, wenn man mit vielleicht 30 Jahren den Sport aufgegeben hat. Das ist das Problem.

Um doch noch einmal über Geld zu reden: Ist die Förderung der Athleten wirklich so schlecht? Als nicht am Sport interessierter Steuerzahler könnte ich auch fragen: Muss der Staat jährlich 133 Millionen Euro für den Spitzensport ausgeben, wenn gar nicht klar ist, wofür er eigentlich da ist?

Aber Sie gehen vielleicht ja auch nicht ins Theater und nicht in die Oper. Und schauen Sie sich mal an, wie hoch die Subventionen der deutschen Städte sind für Theater und Oper.

Damit sind wir beim Sport als Kulturgut ...

Ja. Man muss sich überlegen, ob nicht der Sport inzwischen in einen Rang gerückt ist, was öffentliche Aufmerksamkeit, was Leistungsfähigkeit, Symbolkraft angeht, dass er auch als ein Kulturgut angesehen werden kann. Wir haben ja auch nichts dagegen, dass die deutschen Städte die Theater bezuschussen und es die Möglichkeit gibt, in kleineren Häusern bahnbrechende Inszenierungen zu erleben. Das ist Reichtum. Wir sind eine Kulturnation.

Sind wir auch eine Sportnation?

Natürlich! Und zwar eine der ersten Stunde. Olympische Spiele wären ohne deutsche Teilnehmer 1896 Athen niemals zustande gekommen. Die internationalen Verbände wären nie kräftig geworden ohne deutsche Beteiligung. Handball ist praktisch in Deutschland erfunden worden. Fußball zwar in England, aber wir haben den größten Sportverband auf dem Gebiet in der Welt. Auch Leichtathletik wäre nicht so bedeutend in der Welt, wenn wir nicht einen großen Beitrag auch aus Deutschland gehabt hätten. Wir sind eine Sportnation ersten Ranges.

Sind dann 133 Millionen Euro Sportförderung nicht sogar zu wenig?

Die Zahl sagt ja noch gar nichts aus. Sport wird ja durch sehr viel mehr subventioniert. Wenn man da mal alles summiert, auch die Ehrenamtlichen, was die erbringen, wären wir bei ganz anderen Summen.

"Frau Duplitzer und ich unterscheiden uns da nicht groß, der Punkt ist: Die Spitzensportler werden alleine gelassen. Man macht sie zu Repräsentanten Deutschlands, ohne zu wissen, was sie eigentlich repräsentieren."
"Frau Duplitzer und ich unterscheiden uns da nicht groß, der Punkt ist: Die Spitzensportler werden alleine gelassen. Man macht sie zu Repräsentanten Deutschlands, ohne zu wissen, was sie eigentlich repräsentieren."(Foto: dapd)

Das klingt nach einem Aber.

Ich glaube, Deutschland gibt nicht gut gezielt aus. Das ist der Punkt. Wieviel Geld man für ein funktionierendes Sportsystem braucht, weiß ich nicht. Das müsste man sich mal im Einzelnen überlegen, was nötig ist und was nicht. Jugendarbeit ist nötig. Da ist das Geld sehr gut angelegt, gar kein Zweifel. Im Spitzensport könnte ich mir vorstellen, dass man die Athleten so fördert, dass sie lebenslang zumindest an der deutschen Mittelschicht partizipieren können, der Schicht, die auch Leistungsträger ist. Dass sie Anerkennung erhalten, dass sie auch finanziell unterstützt werden. Wenn man das will, braucht man tatsächlich sehr viel mehr Geld für den Sport.

Das wäre ein Ansatzpunkt für den von Frau Duplitzer geforderten Dialog darüber, was erwartet wird vom Spitzensport. Laut "WAZ" erwartet der Staat für seine Fördergelder per geheimer Zielvereinbarung angeblich acht olympische Medaillen von den deutschen Leichtathleten, darunter zwei goldene. Sonst gibt es weniger Geld.

Das zeigt erst einmal, dass die Leute, die diese Forderungen erheben, keine Ahnung von Sport haben. Wir wissen alle, dass eine Medaille oder eine vordere Platzierung tagesformabhängig ist, glücksabhängig ist. Das ist das eine. Das Wichtigere ist aber, dass hier ein Instrument verwendet worden ist, das eigentlich nicht in den Sport gehört. Man kann keine Zielvereinbarungen mit Sportlern treffen. Das tut man mit Staubsaugervertretern.

Was ist der Unterschied?

Beim Sport geht’s nicht um Verkaufsziffern. Und Druck auf Sportler auszuüben, halte ich sowieso für das allerschlechteste Mittel. Man kann davon ausgehen, dass jeder Spitzensportler sich selber sehr viel Druck macht, das sind alles hoch leistungsorientierte Leute. Sich vorzustellen, dass die Olympia-Tourismus machen, ist ein bisschen abartig. Wenn jemand zu Olympia fährt, will er sich nicht blamieren. Da spielt auch ein Schamfaktor eine erhebliche Rolle, nachdem sich alle möglichen Leute krumm gelegt haben, um den Olympioniken aus seinem Dorf nach London zu bringen. Das kann ein Spitzensportler seiner Umgebung gar nicht zumuten. Und er selber hat ein Jahr lang darauf hingearbeitet, mindestens. Sie müssen sich mal anschauen, was Leute tun, um Olympiateilnehmer zu werden, das ist schon gewaltig. Und deswegen denke ich, dass sie sich selber so viel Druck machen, dass sie jetzt nicht auch noch vom Bundesinnenminister unter Druck gesetzt werden müssen.

Leistung ist beeinflussbar, Erfolg nicht - oder nur sehr bedingt. Pervertiert so ein System nicht den Grundgedanken des Sports, wenn man solche Zielvereinbarungen trifft?

Das kommt darauf an, was man für den Grundgedanken des Sports hält. Wenn man sagt, es kommt darauf an, dass sich diese Leute in Freiheit verwirklichen und alles geben, was sie geben können und geben wollen – dann wird dieser Grundgedanke pervertiert. Ich neige diesem Grundgedanken zu. Der andere Gedanke ist: Der Staat gibt, er alimentiert euch, jedenfalls für ein paar Monate – und nun müsst ihr alles geben. Das kommt mir vor wie eine Söldnertruppe, die von einem Sicherheitsunternehmen angeheuert wird. Aber das hat im Sport nichts zu suchen.

Spitzensport ist für die Athleten ein Lebensrisiko, sagen Sie. Welche Aufgabe hat denn der Sport überhaupt noch in unserer Gesellschaft?

Das muss man auf den verschiedenen Ebenen betrachten. In der Jugendarbeit, darüber brauchen wir nicht lange zu reden, erfüllt der Sport eine große Aufgabe. Ich glaube nun allerdings nicht, dass der Spitzensport in seiner heutigen Form unbedingt ein Vorbild für die Jugend ist. Der mag ein Anreiz dafür sein, Fußball zu spielen, zu laufen oder zu springen. Aber wenn man etwas älter wird und etwas kritisch denkt, kommt man nicht auf den Gedanken, sich zum Beispiel Usain Bolt als Lebensvorbild zu wählen. Auch bei den deutschen Spitzensportlern ist es recht schwierig, Persönlichkeiten zu finden, von denen man sagen würde: Genau so sollte man werden.

Wer fällt Ihnen spontan ein?

Ich kann nur Vorbilder aus der Vergangenheit nennen.

Das spricht für sich.

Ja, das finde ich bezeichnend. Der Sport selber ist ja zu einer Veranstaltung geworden, die nicht unbedingt immer sehr geradliniges Verhalten verlangt. Denken Sie an Fußball, an die so genannten taktischen Fouls. Da hat sich der Sport sehr entwickelt, gerade unter den Bedingungen der Kommerzialisierung, der Medialisierung, des hohen Bekanntheitsgrads von Spitzensportlern, der Vergötterung von Erfolg. Der Zweck heiligt die Mittel, der Erfolg heiligt nahezu jedes Mittel.

Ist das wirklich das Einzige, was der Spitzensport heutzutage noch vermittelt?

Was man am Spitzensport lernen kann ist so etwas wie Selbstdisziplin, eine Form von asketischem Leben, einer hohen Konzentration auf ein selbst gesetztes Ziel, Zeitmanagement, und den Einsatz aller Kräfte für ein Ziel. Ich muss sagen, dass ich das an Spitzensportlern, unabhängig davon, wie ich ihre Persönlichkeit einschätze, immer sehr bewundere, wie sie so etwas fertigbringen. Bei etlichen Spitzensportlern habe ich feststellen können, dass diese Fähigkeiten zu prägenden Charaktermerkmalen geworden sind, die sie dann in anderen Bereichen einsetzen, ob sie nun in die Wirtschaft gegangen sind, in die Medien oder in die Wissenschaft.

Würden Sie denn jetzt jungen Menschen raten, Spitzensportler zu werden?

Nicht unbedingt. Das muss jeder sehr sorgfältig prüfen. Das kommt darauf an, in welchem Sport es ist und ob der es ermöglicht, auch eine Berufskarriere vorzubereiten. Ich finde, man muss das den jungen Leuten klarmachen: Pass auf, wenn Du jetzt hier anfängst zu rudern, musst Du zusehen, dass Du hinterher immer noch irgendwas werden kannst. Denn mit Rudern wirste nix. Du kannst Olympiasieger werden, aber dann hast Du noch nicht viel. Andererseits kriegt man dadurch, dass man in der Mannschaft rudert, enorme Erfahrungen mit sich selber. Die kann man nirgendwo anders machen. Man erlebt sich als ein Hochleister, als jemand, der die Zügel in der Hand hat, sich selber steuern kann. Das ist ein starkes Erlebnis.

Freuen Sie sich denn überhaupt noch auf die Olympischen Spiele?

Ja. Ich denke, London ist ein guter Ort, um Olympische Spiele zu veranstalten. Die Briten sind bestimmt gute Gastgeber. Ich warte darauf, dass sie mit ihrem Understatement und Humor die Sache gut hinbekommen. Vielleicht hilft da ein bisschen das Phlegma und die Gelassenheit. Uns könnte das ganz gut tun, wenn wir das bei den anderen sehen.

Da fällt uns ein: Hat sich Herr Vesper noch mal bei Ihnen gemeldet? Er hat ja nun auch Frau Duplitzer versprochen, mit ihr in einen konstruktiven Dialog zu treten.

Nein! Das ist es, was Herr Vesper in solchen Situationen macht. Er sagt: Das war aber interessant, was Sie gesagt haben, darüber müssen wir reden. Und das war's dann. So macht man es, wenn man Politiker ist.

Mit Gunter Gebauer sprachen Christoph Wolf und Stefan Giannakoulis

Quelle: n-tv.de

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