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Die Militärschläge bekommen einen Namen. Auch eine Bodenoffensive ist möglich, twittert die Armee kurz danach.
Die Militärschläge bekommen einen Namen. Auch eine Bodenoffensive ist möglich, twittert die Armee kurz danach.(Foto: twitter.com / Screenshot n-tv.de)

Israel, Hamas und Anonymous: Der Krieg, der über Twitter kam

Von Roland Peters

Raketen explodieren im Nahen Osten, im Internet tobt die Propagandaschlacht. Die palästinensischen Al-Kassam-Brigaden und die Israel Defense Force kämpfen um Einfluss, ebenso wie Anonymous. "Ein Cyberkrieg", schreibt das Hacker-Kollektiv.

Vergangenen Mittwoch gibt Israels Premierminister Benjamin Netanjahu den Befehl zur Tötung von Ahmed Dschabari. Der Angriff ist erfolgreich, der Militärführer der Hamas stirbt. Per Twitter warnt die Israel Defense Force IDF: "Wir empfehlen, dass in den bevorstehenden Tagen keine Hamas-Truppen, ob Kämpfer oder Anführer, ihre Köpfe an der Erdoberfläche zeigen." Da ist es 18.22 Uhr.

Eine Stunde später folgt eine Grafik mit Dschabaris Foto, ein Stempel auf dem rot gefärbten, digitalen Flugblatt: "Eliminiert". Dann posten die Militärs ein Video in ihrem Youtube-Kanal. Scheinbar ohne Effekt auf die Umgebung explodiert ein fahrendes Auto, beobachtet aus der Luft. Darin soll der Getötete gesessen haben.

Die Al-Kassam-Brigaden, der militärische Arm der Hamas, verliert an diesem Tag einen ihrer Köpfe. Und so antworten die Palästinenser auf den warnenden Tweet Israels mit einem eigenen, genau 42 Minuten später: "Unsere gesegneten Hände werden eure Anführer und Soldaten erreichen, wo immer sie auch sind (Ihr habt die Tore zur Hölle für euch geöffnet)".

"Was würdest Du tun?"

Grafik vom Facebook-Konto der israelischen Armee.
Grafik vom Facebook-Konto der israelischen Armee.(Foto: facebook.com / Screenshot n-tv.de)

Während zwischen dem Gazastreifen und Israel die Raketen sprechen, läuft im Netz die Propagandamaschine gegen den jeweiligen Feind. Besonders die israelische Armee vollführt eine digitale PR-Offensive. Es ist schwer, den Meldungen der IDF zu entkommen. Auf Facebook betont die Armee ihre chirurgisch exakten Angriffe."Wir tun alles, um Schaden an Privatbesitz zu verhindern, während die Hamas ihre Zivilisten als menschliche Schilde benutzt", so eine Meldung. Grafiken rechtfertigen die Operation "Säule der Verteidigung" im Gazastreifen mit Zahlen und stellen dem internationalen Publikum die Frage: "Was würdest Du tun?"

Derweil gibt es neben Interviews, Einsatz- sowie Erklärungsvideos auch jeden Tag eine Tagesbilanz. Wie viele Raketen sind in Israel eingeschlagen, wie viele hat die "Eisenkuppel" abgefangen, wie viele hat die IDF selbst abgefeuert – und wie hoch ist die Zahl verwundeter Israelis? Rund 27 Millionen mal wurden die Videos bereits angesehen. Und über das Portal Flickr verbreitet die Armee Fotos.

Bei Twitter gibt es zwei Hauptkonten, über die die Propaganda verbreitet wird. Auf der einen Seite "@IDFSpokesperson", auf der anderen "@AlqassamBrigade". Die Palästinenser sind ohnehin technisch im Nachteil und auf Hilfe von außerhalb angewiesen, sagte ein Vertreter der palästinensischen "Electronic Intifada" dem Blog "Hyperland". Auch in Friedenszeiten gebe es nur acht Stunden Strom pro Tag. Die Situation sei also nicht ungewohnt.

Anonymous beteiligt sich

Das Hackerkollektiv Anonymous reagierte eigenen Angaben zufolge auf eine Drohung der israelischen Regierung, die Kommunikationsverbindungen im Gazastreifen, also auch den Zugang zum Internet, zu kappen. Die daraufhin ins Leben gerufene "Operation Israel", unter Twitter mit dem Hashtag "#OpIsrael", hat inzwischen auch eine eigene Website. Darauf sind unter anderem digitale Care-Pakete auf Arabisch zu finden – Anleitungen für Erste Hilfe, für die Situation eines Internetausfalls und mehr), und auch ein Link zum Live-Videoblog des englischen Aktivisten Harry Fear, der die Entwicklungen in Gaza kommentiert.

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Derzeit sind mehrere israelisch kontrollierte Internetseiten nicht mehr erreichbar. Darunter ist auch der offizielle Blog der israelischen Armee. In einer Stellungnahme von Anonymous heißt es: "Was passiert, ist Unterdrückung. Es gibt keinen Krieg in Gaza. Die Palästinenser haben keine Seestreitkräfte, keine Armee, keine Luftwaffe." Das Kollektiv unterstütze jedoch nicht explizit die Palästinenser, sondern die Menschenrechte. Kommunikation ist für Anonymous das Schlüsselwort: "Wir wissen was mit Opfern von Unterdrückung passiert, wenn das Licht ausgeht", heißt es. Die Bürger jeder Nation seien gleich.

Israel bezifferte die Zahl der Angriffe auf seine IT-Infrastruktur zuletzt auf 44 Millionen in vier Tagen. Kritiker sehen eine Verharmlosung von Propaganda durch das Militär. So war seit dem Tag der Tötung Dschabaris auf idfblog.com ein Feature beworben worden, das Besucher mit digitalen und sichtbaren Orden belohnt. Voraussetzung: Die Nutzer sollen für Inhalte der IDF den Facebook-Daumen heben oder über ihren Freundeskreis beim Netzwerk verbreiten.

"Wir sind keine Terroristen"

Über 700 Websites griff und greift das Kollektiv eigenen Angaben zufolge an. Neben dem Armeeblog war zeitweise auch die Seite des israelischen Außenministeriums nicht erreichbar, ebenso wie die des Präsidenten Shimon Peres und der Bank of Jerusalem. Später veröffentlichte Anonymous eine Liste mit Namen, Adressen und Telefonnummern von 5000 staatlichen Vertretern und Angestellten.

"Wir sind keine Terroristen", hieß es als Reaktion auf eben solche Vorwürfe aus pro-israelischen Medien. Zuvor hatte das Kollektiv gewarnt: "Regierung Israels, dies ist/wird zu einem Cyberkrieg." Nach Ansicht der Aktivisten ist das kein Widerspruch: "Regierungen, die Kriege finanzieren und die Augen vor dem Tod Unschuldiger verschließen, sind Terroristen."

Quelle: n-tv.de

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