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Die Telekom zieht ab einem bestimmten Datenvolumen den Hochgeschwindigkeitsstecker.
Die Telekom zieht ab einem bestimmten Datenvolumen den Hochgeschwindigkeitsstecker.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Telekom und das Ende der Internet-Flatrate: "Drosselkom" gefährdet Wettbewerb

Von Roland Peters

Daten im Internet sind wie Pakete bei der Post: Niemand guckt hinein, alle werden gleich behandelt. Die Telekom geht dorthin zurück, wo andere bereits gescheitert sind. Setzt sich das Konzept ohne Flatrates durch, bekommen große Haushalte Probleme – und der Wirtschaftsstandort Deutschland ebenfalls.

Die Posse in der Internet-Enquete des Bundestages, die Empfehlung der Europäischen Union an die Mitgliedsstaaten, die Geldmacherei mit LTE in ländlichen Gegenden – all das hat bislang nicht dazu geführt, dass die Gleichbehandlung von Daten in einem Gesetz festgeschrieben wurde. Erst jetzt, da die Telekom das Ende ihrer Internet-Flatrate für Neukunden angekündigt hat, gehen viele auf die Barrikaden: Die Pläne, das Internet-Tempo ab einem bestimmten Datenvolumen zu drosseln, löste heftige Kritik aus. Auch einen Spitznamen bekam das Unternehmen verpasst: "Drosselkom".

Der Grünen-Politiker Malte Spitz warnte in der "Zeit" vor dem "Ende des Internets wie wir es kennen". Rivale Vodafone will keine Obergrenzen im Festnetz einführen: "Wir haben keine Pläne, die DSL-Geschwindigkeit unserer Kunden zu drosseln", sagte ein Sprecher. Dass das trotz der Beteuerungen der Anbieter so bleibt, ist alles andere als sicher.

Das Internet funktioniert derzeit noch wie die Post – alle Daten werden in kleinen Paketen gleichberechtigt versandt, unabhängig vom Inhalt: die Netzneutralität. Passend ist die Analogie zur Unabhängigkeitserklärung der USA: "All Bits are Created Equal", heißt es in einem Video zum Thema. Aufgeschreckt von der Ankündigung der Telekom fordert die Opposition nun einhellig eine Festschreibung dieses Prinzips. Die Grünen sind dabei, die Linke und auch die SPD.

Wackeliges Argument

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Peer Steinbrück forderte auf der IT-Konferenz "Next" einen Ausbau der Internet-Breitbandanschlüsse und kritisierte das Zaudern von Union und FDP. "Wir liegen beim Breitband weit zurück, sogar hinter Rumänien", so der SPD-Kanzlerkandidat. Der Markt allein könne das nicht richten. Vielmehr müsse die Versorgungspflicht der Anbieter, wie sie für Strom, Wasser und Telefonanschlüsse gilt, auch für Breitband eingeführt werden.

80 Milliarden Euro koste der Netzausbau, argumentiert die Telekom, dafür bekomme man eine flächendeckende Glasfaserstruktur in Deutschland. Doch das Argument ist wackelig. Wenn es stimme, dass derzeit nur drei Prozent der Kunden die am Montag vorgestellten Obergrenzen überschritten, gehe es derzeit lediglich um 44 Millionen Euro im Jahr, rechnet Spitz vor. Also dürfte das Unternehmen intern darauf hoffen, dass andere Anbieter ebenfalls den Schritt in die Vergangenheit machen und zugleich die Datenübertragungsraten weiter steigen.

So gut wie sicher werden viele mehr zahlen müssen: So wird etwa ein Film mit der Ultra-HD-Auflösung der neuen Fernseher-Generation mindestens 100 Gigabyte groß sein, gibt Sony an. Auch die vermutlich zum Weihnachtsgeschäft kommenden neuen Spielkonsolen stellen Inhalte mit 3840 Mal 2160 Pixeln dar. Die Japaner kündigten bereits an, Ultra-HD-Filme online anbieten zu wollen. Haushalte mit mehr als zwei Personen, die sich einen Anschluss teilen, werden mit der neuen Tarifstruktur Probleme bekommen.

Schritt in die Vergangenheit

Vom 2. Mai an werden für Neukunden die Obergrenzen für den monatlichen Datenverkehr gelten. So kann die Telekom bei Leitungen mit einer Geschwindigkeit bis 16 Megabit pro Sekunde die Geschwindigkeit drosseln, wenn das Datenvolumen 75 Gigabyte überschreitet. Die Tempo-Bremse soll nach derzeitigen Planungen etwa ab 2016 greifen.

Doch warum der Schritt der Telekom zurück dorthin, wo andere bereits gescheitert sind? Mit dem Zusammenbruch des sogenannten "Neuen Marktes" um die Jahrtausendwende waren auch die Provider-Konzepte der ersten Jahre am Ende. Angebote bündeln, den Kunden mit Lockangeboten im eigenen Netzwerk halten. Compuserve und AOL sind bekannte Beispiele. Die Telekom versucht nun das Gleiche. Obwohl sich das Netz erst mit der Etablierung von Flatrates statt Minuten- und Datenvolumentarifen endgültig durchgesetzt hatte.

Absehbare Folgen

Die wirtschaftlichen Folgen des Telekom-Modells sind absehbar. Einigt sich etwa Google mit ihr darauf, seine Dienste von der Drosselung auszunehmen, kann der US-Konzern mit datenhungrigen Angeboten weiter klotzen. Und legt dafür einfach Dollarbündel auf den Tisch. Da die Netzneutralität damit ausgehebelt ist, müssten die US-Amerikaner auch kaum Konkurrenz fürchten.

Experte Sascha Lobo macht das Problem anschaulich: "Auch das cleverste Start-Up hätte dagegen keine Chance, weil es circa ab dem vierten Nutzer am eigenen Erfolg zu Grunde ginge". Mit anderen Worten: Ziehen andere Anbieter nach, wäre die Wettbewerbsgleichheit im Netz am Ende.

Quelle: n-tv.de

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